„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis unsere Belastbarkeit ihr Limit erreicht“

Helena erzieht ihre Tochter alleine. Ohne die Hilfe einer Freundin könnte sie nicht arbeiten. Sie fordert mehr Hilfe vom Staat.
Protokoll von Sophie Aschenbrenner
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Helena erzieht Tilda alleine. Und wünscht sich vom Staat mehr Hilfe während der Corona-Krise.

Illustration: FDE

Eltern, die Home-Office und Home-Schooling vereinbaren müssen; Kinder, die ihre Freund*innen vermissen; Alleinerziehende, die schon in normalen Alltag kaum über die Runden kommen; Väter, die nicht mit in den Kreißsaal dürfen, wenn ihr Kind geboren wird: Die Corona-Krise stellt Familien vor besondere Herausforderungen. In unserer Protokoll-Reihe erzählen Mütter und Väter, was sie erleben, wie es ihnen geht, was schwer ist, was gut läuft und was sie sich sich wünschen.

Helena, 28, arbeitet in Teilzeit als pädagogische Aushilfe in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche. Ihre Tochter Tilda ist 19 Monate alt, der Vater lebt in einer anderen Stadt.    

„Bis November war ich in Elternzeit, daher sind Tilda und ich es gewohnt, viel Zeit miteinander zu verbringen. Ich bin erst kürzlich nach Leipzig gezogen. Dort habe ich einen neuen Job in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche angefangen. Gleichzeitig begann die Eingewöhnung bei einem Tagesvater meiner Tochter. Und dann kam die Corona-Krise, die Tagespflege schloss, die Eingewöhnung wurde abgebrochen. Meine Arbeit ist systemrelevant, ich hätte also Anspruch auf einen Betreuungsplatz, aber ich kann Tilda nicht einfach ohne Eingewöhnung den ganzen Tag in eine Notbetreuung geben, wo sie keinen Bezug zu Betreuern und anderen Kindern hat. Daher bekomme ich Unterstützung von einer Freundin. Sie betreut am Vormittag meine Tochter, während ich in der Wohngruppe andere Kinder betreue. Eigentlich hatten wir das als kurzzeitige Lösung gedacht. Jetzt geht das schon ziemlich lange so. Da ich als Kleinstfamilie auf Hilfe von außen angewiesen bin, um arbeiten gehen zu können, ist die private Kinderbetreuung glücklicherweise durch Bekannte oder Verwandte möglich – trotz der in Sachsen geltenden Kontaktbeschränkungen.

„Ich stocke mein Gehalt gerade mit ALG II auf, weil es nicht reicht“

Wenn meine Freundin nicht auf Tilda aufpassen würde, dann könnte ich nicht arbeiten gehen. Ich bin gerade dabei, herauszufinden, ob ich in meinem speziellen Fall Anspruch darauf habe, die Kosten für private Kinderbetreuung aufgrund der aktuellen Situation geltend zu machen. Ich würde meine Freundin sehr gern irgendwie entschädigen, gerade kann ich das nicht. Eine finanzielle Entlastung wie zum Beispiel ein Corona-Elterngeld wäre wichtig. Tildas Betreuung ist an meine Arbeitszeiten gebunden. Auch wenn meine Freundin auf sie aufpasst, länger als fünf Stunden kann ich ihr und Tilda nicht abverlangen. Das bedeutet: Wenn mein Kind nicht mit der Eingewöhnung in der Tagespflege anfangen kann, habe ich nicht die Möglichkeit, meine Arbeitszeit zu verlängern und finanziell unabhängig zu werden. Ich stocke mein Gehalt gerade mit ALG II auf, weil es nicht reicht. Ich finde, dass Eltern und Familien gerade ziemlich alleingelassen werden mit den Problemen, die sich durch die Krise aufgetan haben. Es ist klar, dass nicht alle Kitas gleichzeitig öffnen können, aber es muss etwas passieren, und das vor den Sommerferien. Wir sind keine Maschinen.

Wenn Tilda Mittagsschlaf macht, komme ich nach Hause, den Nachmittag und Abend verbringen wir beide dann zusammen. Wir wohnen in einer Wohnung in einem Mehrparteienhaus und haben einen großen Innenhof mit Kleingärten. Da spielen mehrere Kinder aus unserem Haus. Tilda versteht nicht, dass sie andere Kinder nicht anfassen darf oder Abstand halten muss, sie vermisst den Kontakt zu anderen. Ihr Vater lebt in Weimar. Sie sehen sich manchmal über Videoanrufe. Vor der Corona-Krise ist er öfter ein ganzes Wochenende nach Leipzig gekommen, jetzt ist es manchmal nur noch ein Nachmittag. Er hat hier in Leipzig keinen Ort, an dem er unterkommen kann.

Das Problem der Kinderbetreuung wurde von der Politik in die Familien zurückgeworfen. Die Bedürfnisse der Kinder, vor allem der Kleinsten, wurden ignoriert. Schwierig ist, dass die Probleme so individuell sind. Wir Eltern tragen die komplette Care-Arbeit gerade alleine und versuchen Arbeit, Kinderbetreuung, Haushalt, Selbstfürsorge in einen Tag zu organisieren. Und der Tag hat nur eine gewisse Anzahl an Stunden. Manche Familiensysteme sind weniger belastbar als andere und ich denke, man muss versuchen, möglichst flexibel auf die Bedürfnisse der Familien einzugehen. Manche ziehen Positives aus der Krise, mehr Zeit als Familie zu verbringen zu können. Andere sind auf eine Kita oder eine andere Betreuung dringend angewiesen, um eine Entlastung zu haben. Man müsste die Kindernotbetreuung ausdehnen. Möglich wäre es auch, Tagespflegepersonen wieder arbeiten zu lassen. Da werden ohnehin nur wenige Kinder gleichzeitig betreut.

Es ist paradox zu sehen, dass Geschäfte wieder aufmachen dürfen, aber Kindertageseinrichtungen nicht. Dieses Vorgehen ist rein wirtschaftsorientiert. Aber die Wirtschaft hängt von uns jungen Arbeiter*innen ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis unsere Belastbarkeit ihr Limit erreicht, weil über Monate unsere Bedürfnisse als Eltern und vor allem der Kinder nicht berücksichtigt wurden. Gerade bei Alleinerziehenden, die die gesamte Last gerade alleine auf ihren Schultern tragen. Das gilt es zu vermeiden. Diese Krise hat wenig politisch und gesellschaftlich beachtete Themen wie Care-Arbeit ganz im Allgemeinen, die Belastbarkeit von (Kleinst)-Familien und unsere Arbeitsbedingungen auf den Schirm gebracht und es ist notwendig darüber zu verhandeln, wie wir diese in Zukunft in unserer Gesellschaft behandeln wollen.“

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