„Man kann und muss gerade nicht alles perfekt machen“

Patrizia hat einen Sohn mit Trisomie 21. Sie ist alleinerziehend, hat gerade ihre Masterarbeit geschrieben und versucht so gut es geht, seine Freunde zu ersetzen.
Protokoll von Franziska Setare Koohestani

Illustration: FDE

Eltern, die Home-Office und Home-Schooling vereinbaren müssen; Kinder, die ihre Freund*innen vermissen; Alleinerziehende, die schon in normalen Alltag kaum über die Runden kommen; Väter, die nicht mit in den Kreißsaal dürfen, wenn ihr Kind geboren wird: Die Corona-Krise stellt Familien vor besondere Herausforderungen. In unserer Protokoll-Reihe erzählen Mütter und Väter, was sie erleben, wie es ihnen geht, was schwer ist, was gut läuft und was sie sich sich wünschen.

Patrizia, 31, ist alleinerziehende Mama von einem achtjährigen Kind, Elijah, mit Trisomie 21. In der Isolation hat sie zusätzlich zu Home-Schooling und Kinderbetreuung sogar noch ihre Masterarbeit geschrieben. 

Foto: privat

„Bislang geht es uns echt gut – obwohl die vergangenen zwei Wochen hardcore stressig waren. Da habe ich nämlich meine Masterarbeit im Fach Medien- und Kommunikationsmanagement fertig geschrieben. Gleichzeitig musste mein Sohn Elijah wegen der Schulschließung täglich sieben Stunden mehr beschäftigt werden. Hinzu kamen die Schulaufgaben, die er zu Hause macht – oft auch mit meiner Hilfe. Mein Alltag war also vollgepackt: Ich saß in der Regel bis drei Uhr morgens, einmal auch bis halb sechs, an meiner Arbeit, um dann gegen neun Uhr wieder aufzustehen. Diesen Lifestyle kann ich wirklich niemandem empfehlen. Das hat mich zwischendurch gesundheitlich ans Limit gebracht. Ich hatte stressbedingt zum Beispiel ein Rauschen im Ohr. Es gab definitiv Momente, in denen ich am Rande der Verzweiflung war. Aber dann konnte ich mich mit positiven Gedanken wieder aufbauen und habe weitergemacht. 

Mit Elijahs Vater haben wir schon lange keinen Kontakt mehr. Komplett auf mich allein gestellt bin ich aber zum Glück trotzdem nicht. Meine Familie wohnt ganz in der Nähe und unterstützt mich. In den vergangenen Wochen hat mein Neffe sich ab und zu um Elijah gekümmert oder ist mit dem Hund rausgegangen. Auf eine Notbetreuung, wie wir sie eigentlich hätten bekommen können, habe ich bewusst verzichtet, weil ich das Risiko einer Infektion minimieren wollte. Es ist nicht ganz klar, inwiefern Kinder mit Down-Syndrom zur Risikogruppe gehören. Das kommt auch auf den individuellen Zustand des Immunsystems und die Vorerkrankungen an – bei Kindern im Down-Syndrom sind das vor allem Herzfehler oder Probleme mit der Schilddrüse. Das macht für uns gerade aber auch keinen großen Unterschied: Wir wollen uns nicht mit dem Virus infizieren. Punkt. Elijah ist kerngesund und soll das auch bleiben. 

„Am meisten gelitten hat in letzter Zeit definitiv mein Haushalt – und Instagram“

Was mich in den vergangenen Wochen häufig entlastet hat, ist, dass Elijah sich digital beschäftigen konnte – zum Beispiel indem er Filme auf dem Tablet geschaut hat. Das kam zwar häufiger vor, als ich das normalerweise gut finde. Aber es war ja auch nur ein begrenzter Zeitraum. Als Eltern sollte man sich meiner Meinung nach selbst gerade wirklich keinen Vorwurf machen, wenn die Kinder jetzt mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Man kann und muss gerade nicht alles perfekt machen.

Am meisten gelitten hat in letzter Zeit definitiv mein Haushalt – und Instagram. Dort bin ich als sogenannte „Inkluencerin“ aktiv und berichte täglich vom Alltag mit meinem Sohn. Während der Masterarbeits-Phase konnte ich leider gar nichts posten. Das ändert sich gerade zum Glück wieder. Für die nächste Zeit hatte ich geplant, eine Teilzeit-Anstellung zu finden. Das wird jetzt wegen der Situation auf dem Arbeitsmarkt wohl schwieriger. Sehr schade ist auch, dass die Delfin-Therapie gegen Elijahs Sprachblockade nicht stattfinden kann, die für Ende Oktober geplant war.

Insgesamt bin aber sehr froh, dass Elijah bislang alle Veränderungen mitmacht. Er macht das so toll, obwohl er die aktuelle Situation nicht komplett versteht: Er fasst draußen nichts an, hält Abstand und zieht sogar seine Maske an. Am Anfang fand er es auch ganz cool, nicht zur Schule zu müssen: als hätten sich die Ferien verlängert. Mittlerweile merke ich aber, dass er schon gerne wieder zurück würde. Spielplätze und der Kontakt zu seinen Freunden fehlen ihm. Während meiner Masterarbeits-Phase habe ich auch gemerkt, dass es nicht leicht für ihn war, dass ich ihm nicht mehr Aufmerksamkeit geben konnte. Wenn ich am Laptop gearbeitet habe, kam er manchmal zu mir und hat „Hallo, Hallo“ gesagt – um mir zu zeigen, dass er auch noch da ist. Seit meiner Abgabe genießen wir unsere Zweisamkeit umso mehr und machen lange Spaziergänge im Wald. Uns tut es gut, gemeinsam zu entschleunigen. Auf lange Sicht glaube ich aber nicht, dass ich seine Freunde so ganz ersetzen kann.“

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