„Die Hebamme hat mit mir geweint“

Theresa hat Ende März ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Der Vater durfte nicht dabei sein, nur Fremde in Schutzkleidung.
Protokoll von Nadja Schlüter

Illustration: FDE

Eltern, die Home-Office und Home-Schooling vereinbaren müssen; Kinder, die ihre Freund*innen vermissen; Alleinerziehende, die schon in normalen Alltag kaum über die Runden kommen; Väter, die nicht mit in den Kreißsaal dürfen, wenn ihr Kind geboren wird: Die Corona-Krise stellt Familien vor besondere Herausforderungen. In unserer Protokoll-Reihe erzählen Mütter und Väter, was sie erleben, wie es ihnen geht, was schwer ist und was gut läuft und was sie sich sich wünschen.

Theresa (Name geändert), 33, ist seit knapp vier Wochen Mutter. Wegen der Corona-Krise durfte ihr Mann bei der Geburt seiner Tochter nicht dabei sein – die Entscheidung wurde sehr kurzfristig getroffen.

„Bei einem Vorsorgetermin Ende Februar haben meine Ärztin und ich noch Witze über die Menschen gemacht, die Klopapier hamstern. Mir war bewusst, dass das Virus nicht ohne ist, aber ich habe es unterschätzt – wie so viele. Ich habe immer gedacht: Du bist doch gesund, was soll dir schon passieren?

Vor meinem nächsten Termin im März wurde ich angerufen und gebeten, alleine zu kommen, also ohne meinen Mann. An der Tür zur Praxis hingen drei Seiten mit Infos, die ich mir durchlesen musste, bevor ich reingehen durfte, und drin trugen auf einmal alle Mundschutz. Auf dem Boden zeigten Markierungen, wo man stehen darf, und alle hielten so gut es ging Abstand. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: ,Es ist nicht cool, jetzt schwanger zu sein.‘ Denn in eine Praxis zu gehen, wo man hören will, dass alles gut ist, und dann so offensichtlich zu sehen, dass nicht alles gut ist, das hat mir Angst gemacht. Meine Ärztin und ich haben dann auch keine Witze mehr gemacht. 

Dass Väter in vielen Kliniken nicht mehr mitkommen durften – unter anderem in der, in der ich entbinden wollte – habe ich zweieinhalb Wochen vor dem Geburtstermin erfahren. Meine Ärztin hat versuchte, mir Mut zu machen, aber je näher der Termin rückte, desto ängstlicher wurde ich. Auch zwischen meinem Mann und mir war das das alles bestimmende Thema und emotional sehr belastend. Meine Hebamme war völlig entsetzt von der Regelung und nannte mir ein Krankenhaus in der Nähe, in dem Väter noch zugelassen waren. Dort habe ich mich schnell angemeldet, ich war eine der Letzten, die noch einen Platz bekommen haben. Mein Mann und ich waren sehr erleichtert. Mir war sehr wichtig, dass jemand mit im Raum ist, der für mich sprechen kann, wenn ich das vor lauter Schmerzen nicht mehr kann. 

Die Hebamme hat mit mir geweint

Den Blasensprung hatte ich mitten in der Nacht. Mein Mann hat mich ins Krankenhaus gebracht und musste nach der Aufnahme wieder gehen – aber darauf waren wir vorbereitet, das hatte man uns angekündigt. Er sollte angerufen werden, wenn es richtig losgeht. Wir haben uns in den nächsten Stunden übers Telefon gegenseitig Mut gemacht. Ich sagte: ,Wenn es soweit ist, dann kommst du ja wieder.‘

Gegen Mittag sagte mir eine sehr nette Hebamme am Wehenschreiber: ,Mit dem Baby ist alles in Ordnung, aber ich muss dir noch was sagen: Vor einer Stunde wurde die Regelung gekippt. Die Väter dürfen nicht mehr dabei sein.‘ Ich habe sofort angefangen zu weinen und dachte: ,Wie soll ich das schaffen?‘ Ich hatte Panik und das Gefühl, dass mir alles entgleitet. Die Hebamme hat mit mir geweint.

Mit dieser Nachricht wurde ich wieder auf mein Zimmer geschickt. Ich habe meinen Mann angerufen und war vollkommen aufgelöst. Er hat auch geweint und wurde sehr wütend. Er hat alles versucht – auf der Station angerufen, eine Mail an die Klinikleitung geschrieben. Der Chefarzt der Gynäkologie rief ihn sogar zurück, aber sagte nur: ,Wenn sich einer von uns ansteckt, müssen wir die ganze Geburtsstation schließen.‘ Das verstehe ich ja auch – aber als das beschlossen wurde, waren genau zwei Frauen mit Wehen im Krankenhaus. Wieso hat man den Cut nicht danach gemacht und allen anderen, die dort angemeldet waren, rechtzeitig Bescheid gesagt? 

Wenn mal jemand meine Hand gehalten hat, dann immer nur mit Gummihandschuhen

Ich wollte eigentlich eine Geburt, die so natürlich wie möglich abläuft und bei der wenig interveniert wird. Aber als ich dann schließlich im Kreißsaal lag, hatte ich schon so viel geweint, war so wütend, traurig und überfordert, dass ich zur Hebamme sagte: ,Gebt mir einfach jedes Medikament, das ihr habt, damit das Kind so schnell und so schmerzfrei rauskommt, wie es geht.‘ Und so wurde es dann auch gemacht. 

Als der Muttermund nahezu vollständig geöffnet war, kam die Hebamme wieder, die vorher mit mir geweint hatte, und sagte: ,So bringen wir kein Kind auf die Welt, ich zieh das Ding jetzt aus!‘ – und nahm den Mundschutz ab. Das war das erste Gesicht seit Stunden, das ich ohne Maske gesehen habe. Und wenn mal jemand meine Hand gehalten hat, dann immer nur mit Gummihandschuhen. Echter Kontakt und menschliche Nähe haben mir sehr gefehlt. Die Narkoseschwester, die bei der PDA dabei war, sagte: ,Ich bleibe jetzt einfach da, ich bin dein Mann, ich halte deine Hand!‘ Das war toll – aber ich kann bis heute nicht sagen, wie sie ausgesehen hat.

Als die Kleine dann endlich auf meiner Brust lag, habe ich mich natürlich gefreut – aber der Mensch, mit dem ich das teilen wollte, war nicht da. Und er wusste von gar nichts, weil er seit sieben Stunden nichts mehr von mir gehört hatte. Die Hebamme hat mein Handy geholt und wir haben einen Videoanruf gemacht. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. Mein Mann hat seine Tochter dann zum ersten Mal im Eingangsbereich der Klinik gesehen, unter den Augen einer völlig in Schutzkleidung gehüllten Krankenschwester. Er durfte keinen einzigen Schritt auf mich zukommen. 

Ich war eine Woche dort und fühlte mich vollkommen alleine mit den vielen Sorgen

Wir waren gerade einen Tag Zuhause, als die Kleine nicht mehr richtig wach wurde. Sie hatte eine Neugeborenen-Gelbsucht und wir mussten in die Kinderklinik. Auch da wurden wir an der Tür abgegeben wie ein Paket, auch da habe ich niemanden ohne Mundschutz gesehen, auch da durften wir keinen Besuch haben. Ich war eine Woche dort und fühlte mich vollkommen alleine, mit den vielen Sorgen – um das Kind, aber auch um mich selbst, weil ich Geburtsverletzungen hatte, um die sich nicht gekümmert wurde. Meine Hebamme konnte auch nicht kommen, wir haben telefoniert und sie hat mir erklärt, wie ich meinen Bauch abtasten und rausfinden kann, ob alles soweit okay ist. Ganz viele liebe Freunde und meine Familie haben mir Nachrichten geschickt, das hat geholfen. Aber es gab Tage, da habe ich einfach von morgens bis abends geheult.

Jetzt sind wir zu Hause. Die Hebamme kommt weiterhin, das gibt mir Sicherheit, aber wir dürfen ansonsten keinen Besuch bekommen. Unsere Eltern waren trotzdem da und ich habe meiner Mama ihre Enkeltochter auch mal in den Arm gelegt. Danach hat sie sich Vorwürfe gemacht: ,Was, wenn dabei was passiert ist?‘ Alles ist problembehaftet, alle empfinden weniger Freude und mehr Vorsicht und Angst.

Körperlich geht es uns gut, aber mein Mann und ich merken, dass wir noch nicht so richtig mit dem Thema abschließen können. Vielleicht brauchen wir irgendwann Hilfe, um das zu verarbeiten. Mittlerweile sind die Kreißsäle wieder offen, weil der Protest so groß geworden ist, und wir fragen uns: Warum sind wir ausgerechnet in diese Zeitspanne gefallen? Wieso ist das so gelaufen? Hätte ich jetzt weniger Probleme mit dem Stillen, wenn das Baby nicht so viel Stress abbekommen hätte? Die Fragen wälze ich im Kopf hin und her, aber die Antworten kann mir keiner geben. Und ich bin einfach wütend und traurig, dass uns dieses Erlebnis genommen wurde. Ich kann meine Tochter ja nicht nochmal auf die Welt bringen.“

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