„Wir fühlen uns vergessen“

Mit einem offenen Brief an die Bundesregierung fordern Eltern ein „Corona-Elterngeld” und die schrittweise Öffnung der Kitas. Stefanie Lohaus ist eine der Verfasserinnen.
Interview von Nadja Schlüter

Stefanie Lohaus arbeitet für die „Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft“ und ist Mitherausgeberin des „Missy Magazin“.

Foto: Verena Brüning

Unter dem Hashtag #Coronaeltern schreiben Mütter und Väter in den sozialen Netzwerken seit Tagen darüber, wie sie während der Corona-Krise Home-Office, Home-Schooling und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen, dabei oft an ihre Belastungsgrenze kommen und auch ihre Kinder darunter leiden. Darum fordern sie nun Unterstützung von der Politik: Acht Verfasser*innen und mehr als 40 Erstunterzeichner*innen aus der Zivilgesellschaft haben sich mit einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt, unter anderem die Autorin Kübra Gümüşay, die Bundesvorsitzende des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter, Daniela Jaspers, die Moderatorin Ninia LaGrande und der „HeForShe Deutschland”-Botschafter Robert Franken. Ihre Forderungen: ein Corona-Elterngeld, Aussetzung der Kita- und Hortgebühren und eine schrittweise Öffnung der Betreuungseinrichtungen. Mittlerweile haben mehr als 1000 Menschen den Appell unterzeichnet.

Eine der Verfasser*innen ist Stefanie Lohaus, 41, Mitgründerin und -herausgeberin des „Missy Magazin“ und Leiterin der Kommunikationsabteilung der „Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft“. Sie lebt in Berlin und hat zwei Kinder, drei und sieben Jahre alt.

jetzt: Wie sieht deine aktuelle berufliche und familiäre Situation aus?

Stefanie Lohaus: Zu Beginn der Krise waren wir zwei Wochen in Quarantäne, weil meine Schwägerin Covid-19 hatte und mein Mann vorher auf ihrem Geburtstag war. Wir haben in der Zeit fast alle Energie aufgewendet, die Kinder irgendwie bei Laune zu halten, und am Ende war ich kurz vorm Durchdrehen. Ich war erkältet und dadurch einen Großteil der Zeit krank geschrieben, aber mein Mann ist Grundschullehrer und hat gleichzeitig weitergearbeitet, um das Home-Schooling seiner Schüler*innen vorzubereiten. Auch jetzt arbeitet er viel. Ich habe meine Arbeitszeit auf 20 Stunden in der Woche reduziert. Glücklicherweise habe ich eine Arbeitgeberin, die sich schon lange mit Vereinbarkeit auseinandersetzt und Verständnis hat, mein Gehalt wurde darum bisher nicht gekürzt. Uns geht es also relativ gut, wir sind privilegiert, weil wir keine Geldsorgen haben. 

Es gibt bereits Unterstützungen für Familien in der Corona-Krise, zum Beispiel Lohnersatz wegen Kita- und Schulschließungen, einen Notfall-Kinderzuschlag für Familien mit kleinem Einkommen oder Notbetreuung. Warum fordert ihr darüber hinaus ein Corona-Elterngeld?

Weil die aktuellen Maßnahmen nicht ausreichen, oft zeitlich begrenzt sind und nur für sehr eingeschränkte Gruppen gelten. Bei meinem Mann in der Notbetreuung sind derzeit zwei bis vier Kinder pro Tag, daran sieht man ja, wie wenige Menschen darauf ein Anrecht haben. Wir brauchen Hilfen, die flexibel sind, bundesweit und für einen großen Personenkreis gelten. Deswegen fordern wir das Corona-Elterngeld, das vor allem auch mit einem Kündigungsschutz einhergeht sowie einem Anrecht auf Teilzeitarbeit.

Wie hoch müsste es aus eurer Sicht sein?

Es sollte sich, wie auch das Kurzarbeitergeld, am Einkommen orientieren, aber gedeckelt sein. Und, ganz wichtig: Es sollte auch für Freiberufler*innen gelten.

„Wenn die Eltern sehr angespannt sind, sind auch die Kinder gestresst von der Situation“

In eurem Appell fordert ihr auch die schrittweise Öffnung der Kitas. Kann man eine solche Forderung in der aktuellen Situation wirklich verantworten? Ist das Infektionsrisiko dafür nicht viel zu hoch?

Wir fordern nicht den normalen Kita- oder Hort-Betrieb ab übermorgen, sondern eine Öffnung im Rahmen dessen, was von Wissenschaftler*innen empfohlen wird. Schon ein paar Stunden in der Woche in kleinen Gruppen wären eine Erleichterung. Wir fühlen uns vergessen, wenn wir sehen, wie um uns herum wieder Geschäfte öffnen, aber Kinder nicht in die Kita dürfen, obwohl gar nicht klar ist, welche Rolle sie bei der Übertragung spielen. Vielleicht müssten sie gar nicht isoliert werden! Dazu muss dringend mehr geforscht werden. 

Die Auswirkungen der Isolation auf die Kinder spielt in eurem offenen Brief auch eine Rolle.

Ja, denn es muss abgewogen werden, welche Folgen die Kita-Schließung für Kinder hat, die es Zuhause nicht so guthaben. Wenn die Eltern sehr angespannt sind, sind auch die Kinder gestresst von der Situation. Was wir uns auch immer wieder klarmachen sollten: Das Virus verschwindet ja nicht, sondern wir müssen immer noch davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschen sich damit infizieren wird. Vor diesem Hintergrund ausgerechnet die Geschäfte zu öffnen und die Kitas geschlossen zu lassen, finde ich absurd.

Unter dem Hashtag #Coronaeltern haben in den vergangenen Tagen viele Eltern auf Instagram und Twitter ihre Erfahrungen geteilt. Eine Kritik, die in den Kommentaren immer wieder auftauchte, war: „Ihr wollt eure Kinder loswerden!

Das hat mit Sicherheit jemand geschrieben, der keine Kinder hat und darum auch noch nie mit ihnen über Wochen daheim eingesperrt war. Ich kann nicht gleichzeitig mit einem dreijährigen Kind spielen, mit einem siebenjährigen Schulunterricht machen und dabei arbeiten. Das ist schlicht nicht möglich. Und natürlich lieben Eltern ihre Kinder – aber wir sind ja nicht nur Eltern, wir sind auch Arbeitnehmer*innen und müssen Geld für unsere Familien verdienen.

„Wir wollten mit unserem Appell die Stimmen der Zivilgesellschaft stärken“

Was auffällt: Die Unterzeichnerinnen des Appells sind hauptsächlich Frauen. Generell wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Care-Arbeit während der Corona-Krise vor allem von Frauen geleistet wird. Wie wollt ihr vermeiden, dass ein Corona-Elterngeld diese Geschlechtergerechtigkeit verstärkt?

Ökonom*innen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fordern ebenfalls ein Corona-Elterngeld und haben angeregt, dass es an die Bedingung geknüpft werden könnte, dass beide Elternteile zu gleichen Teilen ihre Arbeitszeit reduzieren. Allerdings ist es praktisch und juristisch schwierig, die Vergabe an so konkrete Vorgaben zu binden, darum haben wir die Forderung nicht im Wortlaut übernommen. Aber wir wollen auf jeden Fall, dass das Konzept am Ende Anreize für die gleiche Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern setzt und haben das auch so formuliert.

Gerade kommt anscheinend Bewegung in die Sache: Kurz vor eurem Appell haben die Grünen im Bundestag auch ein Corona-Elterngeld gefordert

Ja, das passierte ungefähr zeitgleich und das finde ich gut – es muss ein Gemeinschaftsprojekt sein, das aus allen Ecken gefordert wird. Wir wollten mit unserem Appell vor allem die Stimmen der Zivilgesellschaft nochmal stärken und auf dem Hashtag #Coronaeltern eine politische Forderung aufbauen: #coronaeltergeld eben. 

Habt ihr schon eine Antwort auf euren Brief bekommen?

Wir haben noch keine direkte Reaktion aus den Ministerien, aber wir wissen ja, dass die Regierung über genau diese Themen gerade berät. Wir gehen also schon davon aus, dass wir – und die anderen Initiativen – irgendwie gehört werden.

  • teilen
  • schließen