„Wer schafft das bitte, sich da so abzugrenzen?“

Ein junger Pfleger twittert als „Chemokasper“ über seine Arbeit mit krebskranken Kindern. Wozu?
Interview von Lara Thiede

Foto: Photocase Bearbeitung jetzt

Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, macht das etwas mit jedem Menschen, der davon erfährt. Allein die Vorstellung, wie viele Schmerzen und Ängste der kleine Mensch nun ertragen muss, ist schwer auszuhalten. Manche erleben solche Schicksale aber täglich hautnah mit. Einer von ihnen ist ein junger Mann, der sich auf Twitter und seinem Blog „Chemokasper“ nennt. Er berichtet dort anonym über seinen Alltag als Krankenpfleger in der Kinderonkologie. Seinen echten Namen will er auch in diesem Interview nicht lesen, weil er Privates über seine Patient*innen schreibt und ihre Identität schützen möchte. Uns hat er erzählt, warum er das Thema trotzdem in die Öffentlichkeit trägt.

jetzt: In deinem Job wirst du täglich mit Krankheit, Tod und Trauer konfrontiert. Kann das Spaß machen?

Chemokasper: Mein Job macht Spaß, ja. Immer dann nämlich, wenn auch die Kinder Spaß haben. Es ist überraschend einfach, sie zum Lachen zu bringen. Hin und wieder stolpere ich absichtlich über die Bettkante und schimpfe dann vor mich hin. Da kriegen die sich oft stundenlang nicht mehr ein. Mein Job bedeutet ganz viel Clown sein. 

„Da gibt es keine Worte, es wird nur noch geschwiegen“

Aber wahrscheinlich gehört noch sehr viel mehr dazu? 

Zum einen ist mein Beruf sehr medizinisch. Wir Pfleger geben unter anderem die Medikamente aus und machen die Chemotherapie. Da muss man auch mal streng mit den Kindern sein, wenn sie beispielsweise keine Tabletten schlucken wollen. Manche Medikamente gibt es eben nur in dieser Form und die müssen dann irgendwie rein. Ich muss aber natürlich auch viel da sein und zuhören. Nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern. Die haben alle Fragen und Ängste.

Verlangt dir dein Job da nicht auch emotional sehr viel ab? Du schreibst, dass du manchmal mit den Patient*innen mitweinst.

Natürlich gibt es in meinem Beruf sehr viele schwere Momente, die mich traurig machen. Das muss man sich nur vorstellen: Du bist mit einem Jungen im Zimmer, die Mutter geht in die Küche, der Papa eine rauchen – und dann sagt der Junge: „Du, ich hab eine riesige Angst zu sterben.“ Solche Momente warten die Kinder ab, so sehr wollen sie ihre Eltern schützen. Da kommen einem die Tränen. Schlimm ist natürlich auch, wenn die Familie erfährt, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Da gibt es keine Worte, es wird nur noch geschwiegen. Manche Kollegen finden, Pfleger müssten auch in solchen Momenten Abstand wahren. Aber wer schafft das bitte, sich da so abzugrenzen? Ich denke, es ist nur menschlich, mit den Familien mitzuleiden. Vor allem im allerschwersten Moment, wenn ein Kind stirbt. 

Wie hältst du solche Situationen aus?

Es ist glaube ich ganz viel Glück, dass ich als so ein Typ geboren bin, der das machen und ertragen kann. Aber natürlich brauche ich auch mal ein Ventil und muss darüber reden. Und dann ist’s wieder blöd, dass andere nicht so robust sind. Die zerfließen dann immer in Mitleid und brechen in Tränen aus. Aber ich brauche ja eigentlich jemanden, der einfach nur zuhört.

Gibt es denn auch schöne Momente, die dich trösten? 

Es hört sich komisch an für Leute, die das nicht selbst erleben. Aber ehrlich gesagt überschneidet sich das oft mit den traurigsten. Denn wenn ich mit im Raum bin, wenn ein Patient stirbt, dann ist das ein ungeheurer Vertrauensbeweis der Familie. Sie wollen mich bei diesem intimsten Moment dabei haben – und das fühlt sich gut an. Zu fühlen, dass ich gemocht und gebraucht werde. Und, was man nicht vergessen darf: Von der Kinderonkologie gehen auch viele Kinder wieder nach Hause. Wenn die dann Jahre später gesund zu Besuch kommen und ich sie ohne ihr aufgequollenes Kortisongesicht gar nicht mehr erkenne – das ist unbezahlbar.

„Es ist schön, gesunden Menschen ihr Glück wenigstens kurz bewusst zu machen“

Seit einem Jahr schreibst du öffentlich über deine Arbeit. Warum?

Wenn ich auf einer Party die Frage nach meinem Beruf beantworte, passiert danach immer das Gleiche: Die Stimmung ist mit einem Schlag gedrückt und alle gucken traurig, bis jemand zwangsweise das Thema wechselt. Inzwischen sage ich schon gar nicht mehr genau, wo ich arbeite, sondern einfach nur, dass ich Krankenpfleger bin. Denn die Reaktion der Leute strapaziert mich. Sie macht mir bewusst, wie weit weg die meisten Menschen von dem Thema sind. Ich will ihnen das aber näherbringen. Denn man kann daraus jeden Tag etwas lernen.

Was hast du denn aus deinem Berufsalltag gelernt?

Dass jeder Mensch, der gesund ist, unfassbares Glück hat. Ich habe meine Einstellung zum Leben durch diese Erkenntnis total verändert. Wir sollten uns nicht ständig über Lappalien beklagen, sondern einfach mal froh sein über all das, was wir haben. 

Beschwerst du dich also nicht mehr über Kleinigkeiten?

Doch, klar kommt das auch bei mir vor. Aber ich bin inzwischen zumindest in der Lage, das zu reflektieren. Und ich fände es schön, wenn ich das an andere weitergeben könnte.

Klappt das? 

Viele schreiben in den Kommentaren zu meinen Beiträgen zumindest sowas wie: „Ich dachte bis vorhin, ich hätte Probleme.“ Dann bedanken sie sich dafür, dass ich ihnen zeige, wie gut es ihnen geht. Ich fürchte aber, diese Gedanken halten nicht lange an. Es ist trotzdem schön, ihnen ihr Glück wenigstens kurz bewusst zu machen.

„Die Begeisterung für Zuckerkügelchen regt mich richtig auf“

Du nutzt deinen Kanal auch, um gesellschaftliche Themen anzusprechen. Vor allem die Homöopathie kritisierst du scharf.

Ja, die Begeisterung für Zuckerkügelchen regt mich richtig auf. Vor allem an Orten, wo sie wirklich nichts zu suchen hat – wie in der Onkologie. Trotzdem standen einige Male Eltern vor mir, die den Krebs ihres Kindes ausschließlich mit Globuli bekämpfen wollten. Da musste ich mich wirklich zusammenreißen, professionell zu bleiben. Denn bei Krebs entscheiden oft Tage oder Stunden darüber, ob eine Therapie noch anschlagen kann oder nicht. 

Machst du dir darüber öfter Sorgen? Wie Eltern Entscheidungen treffen?

Wenn Eltern nicht begreifen, wie ernst die Situation ist, ist das für mich als Pfleger mühsam. Manche sehen zum Beispiel nicht, wie wichtig Hygiene ist – und begreifen nicht, dass ein Besuch im Schwimmbad für ihr Kind einfach nicht mehr drin ist. Das kann natürlich gefährlich werden.

Kinderkrankenpfleger ist nicht gerade der Traumberuf vieler junger Männer, auf den meisten Stationen gibt es Frauenüberschuss. Wie kamst du eigentlich zu dem Job?

Nach meinem Fachabitur machte ich ein freiwilliges soziales Jahr als Rettungssanitäter beim Roten Kreuz. Ich kam dort zwar nur sehr selten mit Kindern in Kontakt – trotzdem wusste ich danach irgendwie sofort, was meine Berufung ist: Kinderkrankenpfleger. Daraufhin habe ich mich sofort auf eine Ausbildung im Krankenhaus beworben. Für mich war es einfach ein Traumberuf.

Seit einigen Wochen machst du ihn trotzdem nicht mehr. 

Das stimmt. Ich habe neben der Vollzeitstelle im Krankenhaus ein Studium abgeschlossen. Ich wollte mir einfach zeigen, dass ich das kann. Jetzt bin ich Assistent der Pflegedirektion, kümmere mich also nicht mehr um kranke Kinder, sondern ums Pflegepersonal.

Was bedeutet das nun für deinen Internetauftritt? 

Ich werde dort weiterschreiben, nach wie vor auch über die Station. Immerhin habe ich noch so viele Geschichten im Kopf, die ich dort erlebt habe – die will ich alle noch erzählen. Aber dazu werden wohl auch immer mehr Beitrage über Pflege im Allgemeinen kommen. Das ist ja auch ein spannendes Thema.

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