Warum sind Ärzt*innen so erfolgreich auf Tiktok?

Gesundheits-Influencer*innen wie Doc Felix erreichen ein Millionenpublikum. Auch, weil es das Netzwerk so will.
Von Niko Kappel und Lena Mändlen
aertzte tiktok cover

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: drobotdean / Freepik

Das Gesundheitsministerium ist das einzige deutsche Ministerium, das einen Tiktok-Account hat. Ende Juni wurde dort allerdings der vorerst letzte Clip gepostet, ein Video mit Verhaltenstipps gegen die Verbreitung des Coronavirus. Laut der Wirtschaftswoche ist der Account derzeit stillgelegt, weil das Ministerium „Sicherheits- und Datenschutzbedenken“ hat. Die gibt es gegenüber Tiktok zuhauf, nicht erst seitdem Donald Trump Tiktok in Amerika quasi über Nacht verbieten wollte. Offizielle Institutionen sind deshalb vorsichtig, was die Nutzung von Tiktok angeht. Das deutsche Gesundheitsministerium wollte die Chance aber offenbar nicht verstreichen lassen, über die App junge Bürger*innen zu erreichen. Denn Gesundheit ist das Thema der Tiktok-Nutzer*innen. 

Allein der deutsche Hashtag #gesundheitstipps hat mehr als 1,7 Millionen Aufrufe. Viele Influencer*innen mit Health-Inhalten haben ein Millionen-Publikum. Einer von ihnen ist der 28-jährige Arzt Felix Berndt. Unter dem Namen doc.felix führt er einen der erfolgreichsten Health-Accounts Deutschlands, seine Videos wurden insgesamt schon 3,4 Millionen Mal gelikt. Felix gibt Ernährungstipps, erklärt, was passiert, wenn man sich einen mit Alkohol getränkten Tampon in die Vagina steckt und wie man sich am besten die Ohren putzt. 

Felix sagt im Gespräch mit jetzt, dass er auf Tiktok seine Idealvorstellung vom Verhältnis zwischen Arzt und Patient*innen leben könne. „Mich stört, dass unser Gesundheitssystem reaktiv ist. Wir gehen erst zum Arzt, wenn wir schon krank sind. Ich hätte lieber ein proaktives System, bei dem Patienten kommen und fragen, wie sie gesund bleiben können.“ Nur deswegen mache er Tiktok, Instagram und seinen eigenen Podcast, sagt er. Nicht, weil er Ruhm wolle.

Der durchtrainierte 28-Jährige steht in seinen Videos mit verschwommenem Hintergrund in einer Praxis und weiß, wie er sprechen muss, damit ihm die Menschen auf Tiktok zuhören: Er moderiert lächelnd und mit leicht verständlicher Sprache in die Kamera. Felix gibt einfache, wenig konkrete Tipps für ein gesünderes Leben: „Hast du kein Bock mehr auf Sex? Vielleicht liegt das an der Anti-Baby-Pille!“ oder „Du hast zu viele Pickel? Benutz weniger Make-up!“. Zugegeben – viel detaillierter kann man auf Tiktok wohl auch nicht werden. Die Plattform gibt die Videolängen von 15 Sekunden oder einer Minute vor.

Warum sind Accounts wie doc.felix mit ihren oft simplen Tipps so erfolgreich? „Diese Accounts laufen so gut, weil sich Nutzer*innen durch sie Wissen aneignen können – ohne großen Aufwand“, erklärt Johanna Schäwel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Medienpsychologie der Universität Hohenheim und Expertin auf dem Gebiet der Wissenskommunikation in sozialen Medien. „Das ist für viele Menschen natürlich attraktiv“, sagt Schäwel. Es berge aber auch Risiken. „Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Inhalte aus den Videos immer vollständig und korrekt sind“, sagt sie. „Die Kürze der Videos könnte einen falschen Eindruck erwecken – zum Beispiel, wenn Sachverhalte nicht so komplex erklärt werden, wie sie es eigentlich sind.“ Die Folge: Falsches oder unvollständiges Wissen könne nicht nur aufgenommen, sondern auch reproduziert werden.

Tiktok ist der Doktor Sommer der Generation Z

Trotzdem hält Schäwel diese Form der Wissenskommunikation für einen spannenden Ansatz, um möglichst vielen Menschen auf einfache Weise Lerninhalte zu vermitteln. „Wenn es richtig gemacht wird, liegt darin eine große Chance, um Menschen zu informieren“, sagt sie. „Besonders Nischenwissen ist oft nur schwer für die Öffentlichkeit zugänglich. Das könnte sich durch die sozialen Netzwerken ändern.“ Schäwel warnt aber noch einmal: Die Videos auf Tiktok sollten primär als Unterhaltung gesehen werden – und nicht als Lern-Ersatz.

Wenn Felix über seine Follower*innen spricht, dann nennt er sie nicht „Follower“ sondern „Patienten“. Früher hat er sie auf Tiktok sogar so angesprochen. Allerdings habe ihm dann ein Kollege geraten, das nicht mehr zu tun. „Für mich als Arzt ist das Internet ein juristisches Minenfeld“, sagt Felix. Denn die deutsche Ärztekammer könnte eine solche Anrede als ein vorgetäuschtes Arzt-Patienten-Verhältnis im Internet einordnen – und dann bekäme Felix als Arzt vermutlich rechtliche Probleme.

Das Internet ist ein Minenfeld für Ärzt*innen

Auf Anfrage von jetzt will sich bei der Ärztekammer niemand zu Doc Felix äußern. Ein Unternehmenssprecher verweist lediglich auf eine Guideline der Behörde zu Ärzten auf Social Media. Darin steht unter anderem, dass Ärzt*innen keine Fernbehandlungen oder Einzelfallberatungen in den sozialen Medien durchführen dürfen. Konkrete Behandlungsempfehlungen zu Symptomen von Follower*innen sind also verboten. In der Guideline steht auch ein Beispiel: „Würde ein Patient über ein soziales Netzwerk einen Arzt kontaktieren und dieser anhand der Anamnese und der Laborwerte einen Eisenmangel diagnostizieren und ein Eisenpräparat empfehlen, (…) wäre dies eine unzulässige Fernbehandlung. Abzugrenzen von einer solchen Einzelfallberatung (…) ist die Beantwortung von allgemeinen Gesundheitsaussagen – beispielsweise ‚Was ist ein Karpaltunnelsyndrom?‘“

Dass Felix nicht konkret wird in seinen Videos, ist also nicht nur der Zeit geschuldet. Er bleibt bei seinen Aussagen auf Tiktok so schwammig, um sich selbst zu schützen. „Ich finde es gut, dass geregelt ist, was Ärzt*innen im Internet sagen dürfen“, meint Felix dazu. Trotzdem fühle er sich durch die Regeln der Ärztekammer eingeschränkt: „Obwohl ich sechs Jahre Medizin studiert habe, darf ich keine Heilungsversprechen im Internet geben.“ Andere Influencer ohne medizinische Ausbildung dürfen das.

Tiktok entscheidet, was auf Tiktok trendet

Dass Health-Influencer*innen wie Felix auf Tiktok trenden, ist nicht allein ihr Verdienst. Das Netzwerk fördert aufklärende Inhalte von Expert*innen wie Mediziner*innen, Sexualpädagog*innen und Lehrer*innen mit der Kampagne #LernenmitTikTok. Tiktok gibt dafür in Europa 13 Millionen Euro aus, davon rund 4,5 Millionen in Deutschland, schreibt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von jetzt. Auch jetzt verwendet den Hashtag #LernenmitTikTok, aber ohne Teil des Programms zu sein.

Tiktok bleibt unkonkret, wenn es darum geht, wie viel die Creator, wie das Netzwerk seine aktiven Nutzer nennt, wirklich verdienen. Felix ist Teil des Programms. Wie viel er damit verdient, darf auch er nicht sagen. Er meint aber (wieder schwammig), es sei ein „Klecker-Betrag“. 

Ebenfalls unklar bleibt, wie genau der Content der #LernenmitTikTok-Kampagne auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wird. Die Unternehmenssprecherin schreibt: „Bei der Auswahl unserer Partner*innen gehen wir mit größtmöglicher Sorgfalt vor, um die Qualität der informativen Inhalte sicherzustellen. Beispiele sind Jugend gegen Aids, das Team Deutschland (Deutscher Olympischer Sportbund) oder chip.de.“ 

Dass Gesundheit auf Tiktok trendet, lässt sich also nicht allein durch das gute Themengespür von Ärzt*innen-Accounts erklären. Es hat auch damit zu tun, was der Algorithmus der Plattform mit diesem Content macht. „Bei Instagram geht es hauptsächlich um die Follower“, sagt Felix. „Je mehr Follower man hat, desto mehr Klicks bekommt man. Auf Tiktok sind die Follower sekundär.“ Es gehe nur um den Content und darum, wie vielen Menschen dieser in die Timeline – auf Tiktok die sogenannte For-You-Page – gespült wird. Das merkt Felix an einem seiner viralen Hits, einem Video über die Entfernung von Ohrenschmalz. „90 Prozent der 2,1 Millionen Zuschauer waren keine Follower von mir. Denen hat der Algorithmus einfach mein Video in die Timeline gespült. Auf Instagram könnte so etwas nie passieren. Auf Tiktok kann jeder sofort Superstar werden.“ Solange die Plattform das will.

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