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Illustration: Daniela Rudolf

Meine Mutter brachte mir früh bei, wie ich meine Vulva zu reinigen hatte: täglich und mit viiieeel Duschgel. Darauf legte sie großen Wert, mehr, als bei jedem anderen Körperteil. „Die muss es wohl nötig haben, meine Scheide“, folgerte ich, und wusch, was das Zeug hielt. Danach übernahm die Industrie jegliche weitere Aufklärung über Intimhygiene: Aus der Werbung erfuhr ich, dass diese sensible Region auf jeden Fall ein eigenes Waschgel benötige und meine Slipeinlagen besser nicht ohne Frischeduft blieben. Und in der Drogerie winkten mir Intim-Deo und Vaginaldusche gleich über den Tampons mit Einführhilfe (bloß nix anfassen da unten!). Was mir das alles sagte? Schmutzig, schmutzig, schmutzig!

Zum Glück wusste wenigstens mein Gynäkologe Bescheid. „Duschgel? Um Himmels Willen“, seufzte er, als ich zum wiederholten Mal mit Pilzinfektion auf seinem Untersuchungsstuhl saß und er mich zu meinen Hygienegewohnheiten befragte. Er verordnete mir neben einem Medikament Waschen mit warmem Wasser und den Verzicht auf jegliche Art von Chemie zwischen meinen Beinen. Ich befolgte seinen Rat, und er sah mich danach nicht mehr so schnell wieder. 

In Wirklichkeit brauchen wir den ganzen Kram, den man uns im Namen der Sauberkeit andrehen will, nämlich nicht. Das weibliche Geschlechtsorgan kommt mit seiner Reinigung sehr gut selbst zurecht. Dafür sorgt der völlig zu Unrecht als „eklig” und „krankhaft” verschriene vaginale Ausfluss, von dem ein halber bis ganzer Teelöffel bei einer gesunden Frau täglich im Slip landet. Wie viel oder wenig das ist, ist individuell, und genau wie die Konsistenz des Ausflusses auch vom Zyklus abhängig. Durch ihn werden einerseits Bakterien, Pilze und abgestorbene Schleimhautzellen aus der Vagina entsorgt, und andererseits wird die Vermehrung „böser“ Bakterien bekämpft. Denn die sich im Ausfluss befindlichen Laktobazillen, auch Milchsäurebakterien genannt, halten den pH-Wert im Intimbereich unter 4,5 und damit schön sauer, so dass Infektionen kaum eine Chance haben. Außerdem hält Ausfluss die Schleimhäute feucht, genau so wie Speichel es im Mund macht: Ohne wäre die Haut in Nullkommanix rissig und durch die so entstehenden Mikroverletzungen wesentlich anfälliger für Bakterien.    

Was im Umkehrschluss bedeutet: Gibt es keinen Ausfluss, findet auch keine vaginale Selbstreinigung statt. Ein sauberes Höschen deutet also weniger auf die Reinlichkeit seiner Besitzerin hin als darauf, dass mit ihrer Vagina etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Natürlich kann starker Ausfluss, der mit einem Mal in allen Regenbogenfarben schillert und unter Umständen sogar in der Nase zwickt, auf eine Krankheit hinweisen. Eine gesunde Vulva wird aber nie nach Fisch riechen (da können die Jungs aus der Schule so viel erzählen wie sie wollen), sondern wegen der Milchsäurebakterien eher leicht säuerlich. 

Wenn man es gut mit seiner Vagina meint, hält man Wasser besser aus ihr raus

Wenn man nun aber anfängt, gegen seinen natürlichen Geruch und den Ausfluss vorzugehen, kann das wirklich unangenehme Folgen haben. Duschgel beispielsweise trocknet durch seinen ungeeigneten pH-Wert schon normale Körperhaut oft aus; seine Wirkungen auf die Schleimhaut sind aber noch weit verheerender (wie mir meine Anfälligkeit für Pilze gezeigt hat). Die Duftstoffe in Intim-Deos und Slipeinlagen reizen die empfindliche Schleimhaut, zusätzlich sorgt die nie so ganz luftdurchlässige Plastikfolie für ein feuchtes Klima – und damit für ein Paradies für Bakterien und Pilze zwischen den Beinen.

Und was die Vaginalduschen angeht, die manche Frauen dafür benutzen, Ausfluss aus sich herauszuspülen, hat man herausgefunden: Je öfter die Vaginaldusche benutzt wird, desto größer das Risiko, eine bakterielle Vaginose zu bekommen. Und eine Studie des US-amerikanischen „National Institute of Environmental Health Sciences“ stellt sogar einen Zusammenhang her zwischen Vaginalduschen und einem erhöhten Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken. Von sich aus würde Wasser nämlich nie in die Vagina gelangen, es sei denn, wir injizieren es uns oder wir lassen es beim tamponierten Schwimmen wie durch einen Docht ins Körperinnere hochsteigen (saugute Idee des Tamponherstellers ob, mit diesem gesundheitlichen No-Go Werbung zu machen). Mit seinem pH-Wert von 7 und aufwärts nämlich kippt das Wasser die ursprünglich saure Vaginalflora in Richtung alkalisch, und peng, machen die Bakterien, was sie wollen. Das heißt natürlich nicht, dass jede Frau von einem Mal Spülen oder mit Tampon Schwimmen gleich krank wird – aber wenn man es gut mit seiner Vagina meint, hält man Wasser besser aus ihr raus.

Für die Vulva ist Wasser hingegen super. Genau genommen ist warmes Wasser alles, was sie als Hygienemaßnahme braucht. Manche Gynäkologen empfehlen, zusätzlich hin und wieder (aber nicht täglich) eine pH-neutrale Seife ohne Duftstoffe oder eine Intimwaschlotion zu verwenden, aber auch das muss nicht sein. Wer untenrum gesund bleiben will, sollte von allem anderen bloß die Finger lassen – auch wenn's angesichts all der omnipräsenten „Das weibliche Genital ist so schrecklich schmutzig“-Propaganda schwer fällt. Denn genau die Industrie, die mit der Angst von Frauen, nicht „frisch“, „sauber“ oder „wohlriechend“ genug zu sein, Kohle scheffelt, macht groteskerweise vor allem eins: Dafür sorgen, dass Frauen tatsächlich nicht mehr frisch, sauber und wohlriechend sind.  

Also, liebe Frauen: Schmeißt alle eure kleinen Hilfsmittelchen weg! Euer Wunderwerk von Vagina kann das mit der Sauberkeit auch alleine.

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