Wie kann man sich gegen Stalking wehren?

Zwei Experten geben Tipps und erklären, was Menschen zu Stalker*innen macht.
Von Maike Frye
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Foto: beeboys / Adobe Stock

Wer in den sozialen Medien kurzzeitig mit Nachrichten und Anrufen bombardiert wird, muss nicht gleich einen Stalker oder eine Stalkerin haben. Hört dies jedoch über einen längeren Zeitraum nicht auf und man wird als Betroffener gegen seinen Willen im Alltag extrem gestört, kann man von Stalking sprechen. Im Jahr 2019 wurden rund 19 000 Fälle dieser Art polizeilich erfasst, laut Expert*innen ist die Dunkelziffer aber zwei bis drei Mal so hoch. Betroffene fragen sich häufig: Wie konnte es so weit kommen? Und vor allem: Wie werde ich meinen Stalker wieder los?

„Für diese Menschen ist die Situation extrem belastend, sie fühlen sich hilflos und allein und haben nur selten den Mut, jemandem zu erzählen, dass sie gestalkt werden“, so Werner Springer (66) vom Weißen Ring in Hamburg, einem Verein, der Kriminalitätsopfern hilft. Doch das müsse ihnen nicht peinlich sein, sondern sei irgendwann sogar unerlässlich, um das Ganze zu beenden.

Doch warum werden Menschen überhaupt zu Stalker*innen? Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig wie die Formen von Stalking: Mal handelt es sich um verschmähte Liebe, bei der Ex-Partner*innen die Trennung nicht akzeptieren wollen, mal um eine krankhafte Form des Interesses für eine Person – diese ist ein häufiges Phänomen unter Fans, die sich in Stars „verlieben“. Das Ganze kann aber auch am Arbeitsplatz vorkommen. Rachegelüste können ebenso Auslöser für Stalking sein. Klare Grenzen zwischen den Motiven existieren jedoch nicht.

Der häufigste Grund für Stalking: verschmähte Liebe

Besonders oft trifft es nach wie vor Frauen, die meist von ihrem Ex-Partner gestalkt werden. „Männer werden natürlich auch gestalkt, ihnen fällt es jedoch schwerer, das zuzugeben“, sagt Werner Springer. Der häufigste Grund für die Nachstellung sei verschmähte Liebe.

„Viele Frauen nehmen das Ganze zunächst nicht als Belästigung wahr, da Stalking oft schleichend beginnt und sich dann über einen längeren Zeitraum hinzieht und steigert. Das sieht man auch sehr gut im Chat zwischen Helena und Fabio“, so Springer. In der Whatsapp-Kolumne möchte Fabio, der sich von Helena weggestoßen fühlt, zunächst wieder Kontakt aufbauen, indem er unverbindlich fragt, wie es ihr geht. „Stalker versuchen vielfach ein Treffen in die Wege zu leiten“, so Werner Springer.

Dass Helena im Chat diesem Treffen zustimmt, hat jedoch Konsequenzen: Fabio interpretiert das Treffen anschließend völlig falsch. Er findet den Kontakt schön und fühlt sich darin bestätigt, dass zwischen den beiden noch etwas ist. Das gibt ihm Hoffnung und er startete weitere Anwerbeversuche.

Helena geht im Chat zunächst immer wieder auf Fabio ein. Egal, ob ihre Antwort positiv oder negativ ausfällt, sie gibt dem Stalker die Aufmerksamkeit, nach der er sich so sehnt. Es fällt ihr schwer, konsequent zu sein und den Kontakt zu beenden. Die Nachrichtenflut geht weiter.

Oft folgen Beleidigungen und Drohungen

„Tatsächlich laufen viele Chatverläufe zwischen Stalkern und Betroffenen nicht wirklich gewalttätig ab. Es handelt sich eher um ein unterschwelliges Liebesgesäusel, das die andere Person einfach nur richtig nervt“, sagt Werner Springer. Das mache es zunächst schwer, das Ganze überhaupt als Stalking einzustufen. Jedoch solle man den Stalker oder die Stalkerin nicht unterschätzen, denn sobald die angebetete Person aufhört zu antworten oder nicht so zurückschreibt, wie der- oder diejenige es sich erhofft hat, könne die Stimmung schnell kippen. Beleidigungen und Drohungen seien oft die Konsequenz.

Immer wieder versuchen Stalker*innen, auf anderem Wege eine Reaktion hervorzurufen. „Das sieht man daran, dass Fabio im gemeinsamen Freundeskreis Lügen über Helena erzählt. Diese bekommt es über Dritte mit, ist sauer und meldet sich wieder bei ihm. Er hat sein Ziel erreicht“, so der Experte vom Weißen Ring.

Doch was hilft, um einen Stalker endgültig loszuwerden? Zunächst ist es im Fall der verschmähten Liebe wichtig, klar zu sagen, dass man die Beziehung beendet hat und keinen Kontakt mehr möchte. Betroffenen fällt es häufig schwer, dies auch konsequent durchzuziehen, doch hier ist Durchhaltevermögen gefragt. Akzeptiert der Stalker oder die Stalkerin das „Nein“ nicht, sollte man den Kontakt blockieren ­– und zwar auf sämtlichen Kanälen. „Es kann sein, dass der andere diese Mauer trotzdem durchdringt, indem er sich eine neue Nummer zulegt. Dann ist ganz wichtig: Nicht antworten! Denn so kann bei ihm der Eindruck entstehen, dass die Nachricht nicht beim Empfänger angekommen ist. Auch hier muss man durchhalten, auf Anrufe und erneute Nachrichten nicht reagieren“, so Springer. Es könne auch mal ein halbes Jahr dauern, bis die Nachrichten aufhören. Betroffene könnten sich auch selbst eine andere Nummer zulegen. Diese dürfe aber auf keinen Fall weitergegeben werden, um nicht in die Hände des Stalkers oder der Stalkerin zu fallen: „Dazu müssen Freunde und am besten auch die Arbeitskollegen informiert werden. Nur so kann derjenige bestmöglich geschützt werden.“

Alle Chatverläufe sollten als Beweis dokumentiert werden

Je nach Typ können Stalker auch gefährlich werden – vor allem dann, wenn sie zum Beispiel Suchterfahrungen oder gewalttätige Neigungen haben oder über Zugang zu Waffen verfügen. Verhalten sie sich besonders hartnäckig und tauchen sogar vor der Wohnungstür auf, sollte man unbedingt Hilfe holen. Bei der Polizei kann zunächst ein Kontaktverbot erwirkt werden. Dieses ist je nach Bundesland unterschiedlich lang. In Hamburg zum Beispiel sind es maximal zehn Tage. So lange muss der Stalker oder die Stalkerin auf polizeiliche Weisung hin das Opfer in Ruhe lassen. Die Person hat dann Zeit, beim Gericht Anzeige zu erstatten. „Man sollte immer alle Chatverläufe und Anrufe dokumentieren, um Beweise zu haben“, sagt Thomas Broy (54) vom Fachstab „Opferschutz und Prävention“ des Landeskriminalamts Hamburg. Das Ganze kann in Form eines Tagesbuchs geschehen, man kann diese Daten aber auch in der App „no stalk“ vom Weißen Ring abspeichern. Bekommt der Stalker oder die Stalkerin das Smartphone in die Hand, wird er darauf nichts finden, da alles in der App hochgeladen wurde und nur mit einem speziellen Passwort über die Webseite www.nostalk.de abrufbar ist.

„Anhand dieser Protokolle kann anschließend vom Gericht eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz ausgesprochen werden“, so Broy. „Diese gilt maximal für einen Zeitraum von einem Jahr und verbietet dem Stalker, sich bei seinem Opfer zu melden oder sich diesem zu nähern.“ Wer dennoch nicht mit der Nachstellung aufhört, muss letztlich mit einer Verurteilung und einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Für viele Betroffene endet das Martyrium damit jedoch nicht. Sie leiden noch lange unter Verfolgungswahn, Angstzuständen, Schlafstörungen und weiteren Stresssymptomen. „Deshalb kann für die Betroffenen auch eine psychologische Beratung unterstützend sein“, sagt Werner Springer vom Weißen Ring. „Für diese Menschen ist es einfach wichtig zu wissen, dass sie nicht allein sind und dass sie immer Hilfe bekommen können.“

Weitere Informationen für Betroffene von Stalking gibt es über www.weisser-ring.de (Tel. 06131 83 030), über www.stop-stalking-berlin.de (Tel. 030 / 22 19 22 000) oder über www.hilfetelefon.de (Tel. 08000 116 016) und natürlich bei der Polizei.

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