Wie Depressionen und Humor zusammenpassen

Das zeigt Helene Bockhorst mit ihrem Debütroman „Die beste Depression der Welt“.
Interview von Katharina Steinhäuser

Helene Bockhorst präsentiert ihren Debütroman „Die beste Depression der Welt“.

Foto: Sascha Moll

Bei ihren Auftritten spricht die Comedienne Helene Bockhorst über Dinge, die andere eher für sich behalten: schlechten Sex, Selbstzweifel oder mangelnde Gelenkigkeit beim Yoga. Zuvor war die heute 32-Jährige als Poetry-Slammerin bekannt, seit 2018 ist sie mit ihrem Solo-Programm „Die fabelhafte Welt der Therapie“ auf Tour. Nun präsentiert sie ihren Debütroman „Die beste Depression der Welt“.

In dem Buch geht es um eine junge Frau namens Vera, die psychisch erkrankt ist. Nachdem sie versucht hat, sich umzubringen, geht Veras Blog viral. Jetzt soll sie einen Ratgeber gegen Depressionen schreiben. Blöd nur, dass sie selbst noch welche hat – und daher immer und immer wieder scheitert. Im Interview mit jetzt erklärt die Autorin Helene Bockhorst, was das mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und wie so ernste Themen zu Comedy werden.

jetzt: Helene, dein Buch handelt von Depressionen, erscheint aber in der Kategorie Humor. Wie passt das zusammen?

Helene Bockhorst: Humor war für mich immer ein Werkzeug, um schwierige Erfahrungen zu bewältigen. Wenn ich etwas auch lustig sehen kann, dann hilft mir das, doch noch etwas Positives aus einer negativen Erfahrung zu ziehen. Außerdem schaffe ich damit Aufmerksamkeit: Wenn ich Witze über meine Depression mache, fühlen sich viele Betroffene gesehen. Es gibt aber auch Kritik. Manche sind der Meinung, dass ich nicht wirklich Depressionen hätte, weil ich sonst nicht auf der Bühne stehen könnte. Manchmal höre ich auch den Vorwurf, ich würde mich über Erkrankte lustig machen. Dabei erzähle ich eigentlich immer nur über mich selbst und meine Erfahrungen, nicht über andere. Es ist mir wichtig, darüber zu reden.

Hast du deshalb ein Buch über Depressionen geschrieben?

Genau, ich habe selbst mit Depressionen gekämpft und habe immer mal wieder damit zu tun. Daher fand ich es als Thema für meinen ersten Roman spannend. Ich hatte noch kein Buch gelesen, in dem ich die Erfahrungen mit Depressionen so wiedergefunden habe, wie ich es erlebt habe. Und man will ja schließlich etwas schreiben, das es noch nicht gibt. Ich hatte auch das Gefühl, dass es gesellschaftlich noch immer nicht bei allen angekommen ist, dass viele Menschen mit Depressionen trotzdem jeden Tag zur Arbeit gehen. Dass eben nicht unbedingt die Leute depressiv sind, von denen man das erwarten würde. Dann habe ich noch überlegt: Was wäre die schlimmste und abwegigste Situation, in der jemand Depressionen haben könnte? So bin ich bei Vera und ihrem Ratgeber gelandet.

„Die Leute mögen es nicht, wenn ihnen das Thema Depression so nahe rückt“

Dein Buch greift sehr schwere Themen auf. In einer Szene versucht die Hauptfigur Vera zu meditieren. Dabei gehen ihr die ganze Zeit Suizidgedanken durch den Kopf. Das könnte viele Betroffene auch triggern.

Wer akute Suizidgedanken hat, braucht eine Therapie und kein Buch. Es ist nicht für Menschen gedacht, die innerlich schon kurz vor dem Ertrinken sind. Wenn man sich unsicher ist, ob man stabil genug ist, um ein Buch zu lesen, in dem Selbstmordgedanken vorkommen, kann man das auch mit seinem Therapeuten besprechen. Ich möchte damit vor allem Menschen erreichen, die wie ich immer wieder schlechte Phasen hatten und da wieder rausgekommen sind. Das Buch soll den Leuten zeigen, dass sie nicht allein sind und dass man sich für Depressionen auch nicht schämen muss.

Depressionen sind in manchen Teilen der Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Woran liegt das?

Auf einer theoretischen und sehr allgemeinen Ebene bezeichnen sich viele Menschen als tolerant gegenüber Depressiven. Aber in dem Moment, in dem das wirklich konkrete Konsequenzen hat, weil jemand zum Beispiel Termine nicht einhalten kann, ist es plötzlich doch ein Problem. Die Leute mögen es auch nicht, wenn ihnen das Thema Depression so nahe rückt. Sie wollen nichts damit zu tun haben.

Warum?

Fast jeder Mensch hat seinen eigenen kleinen Abgrund, auch wenn das nicht immer eine Depression sein muss. Diesen will man unter Kontrolle behalten und sich davor schützen. Viele fürchten, dass sie in ihren eigenen Abgrund stürzen könnten, wenn sie das Thema zu nahe an sich heranlassen. Denn wenn man bei einem anderen Menschen genauer hinschaut, ist man vielleicht gezwungen, auch sich selbst zu betrachten. Dann merkt man plötzlich, wo man möglicherweise gerade unglücklich ist.

„Es gibt einen Wettbewerb: Wer darf sich wie schlecht fühlen, wem geht es am schlimmsten“

Dein Buch heißt „Die beste Depression der Welt“. Warum müssen wir uns ständig vergleichen – sogar bei psychischen Krankheiten?

Leute haben zu jeder Krankheit das Bild eines perfekten Kranken im Kopf. Wenn jemand das nicht erfüllt, wird der Person gerne abgesprochen, dass sie überhaupt krank sei. Es gibt, teilweise sogar unter Depressiven, einen Wettbewerb: Wer darf sich wie schlecht fühlen, wem geht es am schlimmsten. Das fängt schon bei der Diagnose an. Da wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren Depressionen unterschieden. Das hat natürlich seine Funktion. Wenn man darüber nachdenkt, ist es aber schon pervers, denn menschliches Leiden lässt sich nicht auf einer Skala abbilden.

Soziale Medien verstärken diese Vergleiche dann wahrscheinlich noch.

Klar. Wenn manche Leute nur das Positive aus ihrem Leben darstellen, denkt man schnell, die anderen wären alle besser dran. Oder man hat das Gefühl, die andere Depressive ist dabei aber noch viel lustiger als man selbst. Da verstärkt sich der innere Druck. Das ist nicht gut. Grundsätzlich kann es aber auch positiv sein, wenn mehr Menschen in den sozialen Medien über Depressionen sprechen und das Thema enttabuisieren.

Im Buch versucht Vera ihre Depression mit verschiedenen Dingen, wie Yoga oder Meditation, loszuwerden. Doch nichts hilft. Am Ende akzeptiert sie, dass es die dunklen Phasen in ihrem Leben gibt, erst das hilft. War das bei dir auch so?

Ich hatte lange Zeit die Einstellung, dass die Depression etwas ist, was ich besiegen muss. Oder, dass ich mein Leben nur genug durchoptimieren müsste, dann würde das weggehen. Inzwischen denke ich, das ist ein Kampf, in dem man am Ende nur verlieren kann. Denn anscheinend habe ich die Veranlagung für Depressionen, da kann ich wenig dran ändern. Ich akzeptiere, dass die Depression ein Teil von mir ist und das vielleicht sogar für immer bleiben wird. Beim ersten Mal dachte ich noch, oh Gott was passiert hier mit mir. Irgendwann merkt man aber, dass es auch wieder aufhört. Auch wenn sich das in dem Moment nicht so anfühlt.

„Wenn es viele Sachen gibt, über die man nicht spricht, dann wird man sehr einsam“

Du redest bei deinen Auftritten viel übers Scheitern. Auch im Buch scheitert Vera wegen ihrer Depression oft an den alltäglichsten Dingen. Warum ist das Thema so wichtig?

Scheitern ist etwas, was einen peinlich berührt. Diese Scham wehrt sich dagegen, dass man darüber redet oder schreibt. Und das finde ich nicht gut. Wenn es viele Sachen gibt, über die man nicht spricht, dann wird man sehr einsam. Deshalb schaue ich bewusst dorthin und spreche darüber. So kann ich den Leuten auch etwas geben. Oft kommen Menschen nach dem Auftritt zu mir und erzählen, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Darüber geredet hätten sie aber noch nie.

Wenn wir schon beim Thema Scheitern sind: Vera muss im Buch einen Ratgeber schreiben. Das fällt ihr extrem schwer und sie schiebt es immer weiter auf. Wie ging es dir damit, dein erstes Buch zu schreiben?

Es ist mir auch schwergefallen. Glücklicherweise konnte ich meine Befürchtungen und Hemmungen direkt beim Schreiben mit einfließen lassen. Es ist schwierig, wenn man wie wir mit dem Internet aufgewachsen ist, wo man alles immer wieder löschen und bearbeiten kann. Da ist ein Buch eine ganz andere Hürde, denn das bleibt dann so, wie man es abgegeben hat. Das hat mir Angst gemacht. Ich versuche es aber auch als Chance zu sehen. An einem gewissen Punkt muss man sich sagen: Das bleibt jetzt so und ich mache meinen Frieden mit der Person, die ich in dem Moment war.

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