„Entweder ich lasse jetzt los oder ich gehe mit unter“

Kinder von Suchtkranken haben nicht nur einen schweren Start ins Leben, sie entwickeln auch häufiger psychische Erkrankungen. Betroffene erzählen.
Von Hanna Winterfeld

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Daria (Name geändert*) erinnert sich sehr gut an einen der Momente, in dem ihr klar wurde, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Es war Silvester, sie saß auf einem Stuhl in der Polizeiwache, ihre Füße reichten nicht einmal bis zum Boden, als ihr Vater in Handschellen an ihr vorbeigeführt wurde. Diese Nacht hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: Ihre Eltern waren erst seit Kurzem getrennt. Sie verbrachte den Abend mit ihrem kleinen Bruder und der Mutter. Der Vater kam vorbei, weil er einige seiner Sachen abholen wollte. Er war mal wieder betrunken und bettelte so lange, bis die Mutter, den vierjährigen Bruder im Arm, die Tür öffnete. Der Vater fiel ins Haus ein, stürzte sich auf die Mutter – er hatte keinerlei Selbstbeherrschung mehr. Daria rannte aus der Wohnung, durch die Nacht, bis zur Polizei. Damals war sie sieben Jahre alt.

Die Erinnerung an Erlebnisse wie dieses und die ständige Angst verfolgen sie noch heute. „Ich glaube, so etwas bleibt verankert, das bekommt man aus einem Menschen nicht mehr raus – egal, was man tut“, sagt sie. Daria ist heute 32, hat eine zwölfjährige Tochter und lebt in einer deutschen Großstadt. Ihr Vater ist alkoholabhängig, die Mutter wurde spielsüchtig. Für ihre Tochter möchte Daria den Teufelskreis aus Sucht und Gewalt brechen.

Auch Manfred wuchs mit einem alkoholkranken Vater auf. „Ich habe meinen Papa nie anders gekannt, als trinkend“, erzählt der 34-Jährige. Als der Vater endlich mit dem Trinken aufhörte, war es bereits zu spät – der exzessive Alkohol- und Tabakkonsum hatten über die Jahre seinem Körper schwer zugesetzt, er wurde krank und zum Pflegefall. Weil die Mutter das Geld verdienen musste, kümmerte sich Manfred zusammen mit seiner älteren Schwester um den acht Jahre jüngeren Bruder und pflegte den Vater. Während seine Kumpels auf dem Sportplatz kicken oder als Jugendliche abends in Bars abhängen, ist er daheim. Er kochte und putzte, wickelte, wusch und fütterte seinen Vater, wechselte ihm den Katheter. Sein eigener Schmerz blieb dabei ungesehen.

In Deutschland haben über drei Millionen Kinder und Jugendliche mindestens ein suchtkrankes Elternteil

Was Daria und Manfred erlebt haben, sind bei weitem keine Einzelschicksale: Aus der Broschüre „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ der ehemaligen Drogenbeauftragten der Bundesregierung (Stand 2017) geht hervor, dass in Deutschland über drei Millionen Kinder und Jugendliche mindestens ein suchtkrankes Elternteil haben – hinzu kommt die Dunkelziffer. Das hat weitreichende und einschneidende Folgen für die betroffenen Kinder: Sie leben häufig unter nachteiligen soziodemographischen Bedingungen, erleben soziale Ausgrenzung und leiden unter dem Verhalten ihrer Eltern.

„Eine elterliche Suchtkrankheit kann das Leben, die Entwicklung und die Gesundheit eines Kindes sehr nachhaltig und negativ beeinflussen“, sagt Michael Klein, Psychologe, Suchtforscher und Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie. Betroffene Kinder leiden besonders unter dem veränderten Verhalten des suchtkranken Elternteils. Sie erleben Unberechenbarkeit, Unzuverlässigkeit, mehr Scheidungen und Trennungen und erhöhte Gewalttätigkeit. 33,5 Prozent der Kinder alkoholkranker Eltern erfahren regelmäßig physische und 63 Prozent emotional-psychische Gewalt wie beispielsweise Demütigungen und Entwertungen, sagt Michael Klein. Für Kinder drogenabhängiger Eltern gäbe es keine zuverlässigen Zahlen, es werde aber vermutet, dass die Kinder tendenziell noch mehr Gewalt erleben. Außerdem müssen betroffene Kinder sehr früh erwachsen werden und Verantwortung übernehmen, deshalb fehlen ihnen bestimmte Kindheitserfahrungen, erklärt Klein.

 

„Der Alkohol hat die Familie zerstört“

Manfred verstand als kleiner Junge nicht, warum sein Papa nicht so ist wie die Papas der anderen Kinder. Sein Vater unternahm nie etwas mit ihm. Wenn die Schulklasse einen Ausflug machte, blieb Manfred daheim, weil seine Familie sich das nicht leisten konnte. Sein Vater ging  viel ins Wirtshaus. „Wenn er zurückkam durfte man ihn nicht provozieren, weil er dann betrunken sehr aufbrausend geworden ist. Da ist er so schnell nicht wieder runtergekommen und meist gewalttätig geworden“, erzählt Manfred. Schließlich ließ die Mutter sich scheiden, kurze Zeit später wurde der Vater schwer krank. „Der Alkohol hat die Familie zerstört“, sagt Manfred heute.  

 „Als Kind habe ich meine Mutter gebeten, dass sie sich scheiden lässt, weil ich dachte, wir überleben das nicht, wenn es so weitergeht. Ich hatte immer Angst vor meinem Vater. Als Kind hatte ich einfach durchgehend Angst. Und ich fühlte mich sehr alleine“, erzählt Daria mit zitternder Stimme. Außerdem war Daria wütend, weil sie das Verhalten ihres Vaters nicht verstand. Um nicht geschlagen zu werden, versuchte sie besonders artig zu sein. Sie lud nie Freunde zu sich ein, zu groß waren die Scham und die Angst jemand könne etwas rausfinden. Wird Papa wieder betrunken nach Hause kommen, aggressiv sein, die Mama schlagen? Wenn sie in der Schule nach ihrer Familie gefragt wurde, erfand sie Geschichten. Sie fragte sich immer, was sie machen kann, damit der Papa nicht wieder trinkt und schlägt. War es vielleicht ihre Schuld? Ist sie zu laut gewesen und hat den Papa damit provoziert? War sie nicht gut genug?

„Ich musste sehr früh erwachsen werden, dadurch bin ich drogensüchtig geworden“

Weil Darias Mutter depressiv wurde, war Daria als Jugendliche alleine mit all den Fragen, Ängsten und Sorgen. Sie kümmerte sich um ihren kleinen Bruder, besuchte ein elitäres Gymnasium und hütete das Familiengeheimnis. Sie ertrug den oft besoffenen und gewalttätigen Vater und den alkoholkranken Onkel, der sie sexuell belästigte. Mit vierzehn Jahren entwickelte Daria eine Essstörung, rebellierte, schwänzte die Schule und kiffte viel, um sich zu betäuben. Ihre Mutter sorgte schließlich dafür, dass sie in eine Klinik und in eine Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern kam.

Manfred hingegen bekam keine Hilfe. Er war überfordert und begann als Jugendlicher, Drogen zu nehmen. Er sagt: „Ich musste sehr früh erwachsen werden, weil ich meinen Vater pflegen und mich um meinen Bruder kümmern musste. Dadurch bin ich drogensüchtig geworden, weil ich irgendwas gesucht habe, wo ich mich verstecken kann.“

Zwei Drittel der Kinder alkoholkranker Eltern entwickeln im Lauf ihres Lebens eine psychische Erkrankung

Der Psychologe Michael Klein sagt, dass es vielen Kindern suchtkranker Eltern so ergeht wie Manfred: Ungefähr ein Drittel der Kinder alkoholkranker Eltern entwickelt im Laufe des Lebens eine Alkohol- oder Drogensucht, auch Verhaltenssüchte, wie die Onlinesucht, sind häufig. Darüber hinaus haben Kinder suchtkranker Eltern ein deutlich erhöhtes Risiko für andere psychische Krankheiten, insbesondere für Angsterkrankungen, Depression, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Schlaf- und Essstörungen. „Insgesamt wissen wir, dass circa zwei Drittel der Kinder  alkoholkranker Eltern im Laufe ihres Lebens psychisch erkranken, tendenziell eher früh als spät“, sagt Klein. Ein Grund dafür seien die problematischen, oft traumatisierenden Kindheitserfahrungen.

Doch es bleibt nicht immer bei Kindheits- und Jugenderfahrungen: Die Sucht der Eltern wirkt oft weit in das Erwachsenenleben ihrer Kinder, weil viele nicht von ihr loskommen – von den Alkoholabhängigen beispielsweise schafft das etwa nur ein Drittel. Manche Kinder brechen den Kontakt zu ihren Eltern ab, andere opfern sich jahrelang für sie auf, begleichen ihre Schulden, versuchen vergeblich ihnen zu helfen. Einige verlieren ihre Eltern früher, weil diese infolge von langanhaltendem Drogen- oder Alkoholkonsum schwer erkranken. „Das sind Lebensereignisse, die auf die Kinder einwirken, sodass es vielfältige Umstände gibt, weshalb dieses Thema für die Kinder bis in das Erwachsenenalter bedeutsam bleibt“, sagt Klein.

Auch heute noch, als Erwachsene, fühlt Daria sich alleine, hat Angst vor ihrem Vater und bekommt Panik, wenn sie alkoholisierte Menschen sieht. Daria will mit Alkohol nichts zu tun haben. Sie trinkt nicht, hat keine Flaschen in der Wohnung und hält sich von trinkenden Menschen fern. Stattdessen treibt sie exzessiv Sport oder stürzt sich in die Arbeit – ihr fehlt ein Normgefühl, sagt sie.

Als ihr Vater letztes Jahr ins Krankenhaus musste, kümmerte Daria sich um ihn und beglich seine Schulden. Er versprach wieder einmal, mit dem Trinken aufzuhören – und tat es dann doch wieder nicht. „Das war für mich der Punkt, an dem ich mir gesagt hab, entweder du lässt jetzt los oder du gehst mit unter“, erinnert sich Daria. Sie hat dann losgelassen. „Aber was er uns angetan hat, kann ich ihm nicht verzeihen“, sagt sie. Manchmal glaubt Daria, dass es ihr besser gehen würde, wenn sie sich betäuben würde. Dann denkt sie an ihre Tochter und weiß, dass sie ihr das niemals antun würde.

Manfred ist heute in einem Drogenersatzprogramm und macht eine Gesprächstherapie. Er glaubt, dass er die Last seiner Vergangenheit für immer tragen muss und sein Leben lang mit Suchtproblemen kämpfen wird. Trotzdem wünscht er sich nichts mehr, als eines Tages frei zu sein von Drogen und Ersatzdrogen. Er sagt: „Das ist mein größter Kampf, die Sucht zu bewältigen.“

Warum schauen so viele Menschen bei dem Thema Sucht weg?

Hätten Daria und Manfred früher Unterstützung bekommen, sähe ihr Leben heute vielleicht anders aus. Manfred musste in der neunten Klasse eine Zeit lang nicht in die Schule gehen, damit er daheim seinen Vater pflegen kann. „Die Lehrer haben da mitgespielt. Die haben das alle gewusst und niemand hat etwas gemacht. Wahrscheinlich war es normal für die Leute oder es hat gepasst, weil ich immer daheim war und nirgendwo negativ aufgefallen bin“, sagt er. Daria ging mit blauen Flecken zur Schule und rannte als kleines Kind weinend auf dem Pausenhof vor ihrem Vater davon – auch sie wurde nie darauf angesprochen.

Warum muss es so weit kommen? Warum schauen so viele Menschen bei dem Thema Sucht weg? „Es ist einfacher, so ein angstbesetzes oder tabuisiertes Thema zu vermeiden, als es anzusprechen“, sagt Michael Klein. Damit meint er  den Rest der Familie, aber auch Fachkräfte des Schul- und Gesundheitssystems. Natürlich gibt es auch eine Zuständigkeit des Jugendamtes, aber die wird häufig vernachlässigt, kritisiert er.

„Diese Kinder liefen ehrlicherweise viel zu lange unter dem Radar“, sagt auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU).

Bei Sucht herrsche viel zu oft dröhnendes Schweigen. Es sei wichtig, dass auch die Öffentlichkeit wisse, wie diese Kinder leiden und was jeder Einzelne tun kann, um den Kindern zu helfen. Ein Problem sei auch, dass die bestehenden Hilfsangebote oft nicht bei den Kindern ankommen. Ihr Ziel ist es deshalb, dass Kinderärzte zu einer Art Schaltstelle werden, denn sie sehen die Kinder regelmäßig und können Hilfe vermitteln. Außerdem möchte sie die Beratungs-, Präventions- und Therapieangebote für betroffene Kinder stärken und ausbauen.

Michael Klein empfiehlt niedrigschwellige Hilfsangebote, damit Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Angst haben, ihre Eltern schützen wollen oder sich schämen, auch online und anonym Hilfe bekommen können. Für Betroffene sei es wichtig zu verstehen, dass es sich bei der Sucht ihrer Eltern um eine Krankheit handelt, sie keine Schuld dafür tragen und sie ihre Eltern nicht heilen können. Auch Erwachsenen, die in Familien mit Suchtproblematik aufgewachsen sind, könne eine Therapie oder die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe dabei helfen, die eigene Entwicklung und Probleme besser zu verstehen, sagt er.

 

„Ich hätte gerne, dass die Leute mehr sehen, was Drogen und Sucht mit einem Menschen machen“

Daria und Manfred glauben, dass die Hilfe für betroffene Kinder von außen kommen muss:  „Aus dem Alkoholiker-Kreis macht niemand auf sich oder die Situation aufmerksam. Ich glaube, dass viele der Eltern sich dafür schämen mit einem Partner zu leben, der suchtkrank ist, gerade wenn Kinder im Haus sind“, sagt Daria. Manfred vermutet, dass es vielen Kinder so geht, wie es ihm ging: Sie werden eingeschüchtert und haben zu viel Angst, um sich mit ihren Problemen an andere zu wenden.

Daria und Manfred hatten keine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie mussten sehr früh Verantwortung übernehmen, die kleinen Geschwister großziehen und sich um die kranken Eltern kümmern. Manfred sagt: „Ich hätte gerne, dass die Leute mehr sehen, was Drogen und Sucht mit einem Menschen machen und dass Kinder suchtkranker Eltern früh geschützt gehören, bevor sie so enden und das durchmachen müssen, was ich durchmachen musste.“

* Daria heißt eigentlich anders. Um sich und ihre Familie zu schützen, möchte sie nicht, dass ihr richtiger Name in diesem Text veröffentlicht wird.

Adressen, wenn ihr Hilfe sucht:

Hier können sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit suchtkranken Eltern informieren und online oder am Telefon, anonym und vertraulich oder persönlich Hilfe bekommen:

Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde von Alkoholikern:

Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder von suchtkranken Eltern und Erziehern:

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