„Manchmal kann man sich seinen Kampf aussuchen – und manchmal eben nicht“

Die Seenotretterin Pia Klemp bekam Sendezeit von Joko und Klaas. Und die hat sie eindrucksvoll genutzt.

Seenotretterin Pia Klemp erzählt bei ProSieben von ihrem Engagement und der Situation von Flüchtlingen im Mittelmeer.

Foto: dpa/ProSieben; F.L.O.R.I.D.A TV

Wer am Mittwochabend gemütlich „Grey’s Anatomy“ schauen wollte, wurde gleich doppelt überrascht: Zur Primetime übernahmen Joko und Klaas die ProSieben-Bühne – und nutzten sie ausnahmsweise mal nicht für absurde Challenges oder Show-Ideen aus der Privatfernseh-Hölle. 15 Minuten Sendezeit hatten sie am Tag zuvor in der Show „Joko und Klaas gegen ProSieben“ gewonnen und den allergrößten Teil davon Menschen gegeben, die – wie die beiden Moderatoren selbst sagten – mehr zu sagen haben als sie: der Iuventa- und Seawatch-Kapitänin Pia Klemp, dem Obdachlosenhelfer Dieter Puhl und der Aktivistin Birgit Lohmeyer, die sich gegen rechte Gewalt einsetzt. Alle drei nahmen nacheinander in einem dunklen TV-Studio auf einem Stuhl Platz und bekamen jeweils ein paar Minuten Zeit, um von ihren ganz persönlichen Kämpfen für eine bessere Welt zu erzählen.

Joko & Klaas Live – 15 Minuten | ProSieben

„Es war schon extrem cool, dass sie genau das Format dafür gewählt haben“, sagt Pia Klemp im Gespräch mit jetzt. Kein unnötiges Drumrum, niemand, der dazwischen quatscht. Sie und die anderen beiden Gäste konnten ungestört erzählen, was sie bewegt und warum das alle anderen auch bewegen sollte. So erzählte die 35-jährige Seenotretterin etwa davon, wie sie tagelang mit der Leiche eines zweijährigen Jungen und dessen Mutter an Bord in internationalen Gewässern umher fuhr, „weil kein europäisches Land ihn retten wollte, als es noch möglich war und sie uns dann einen sicheren Hafen verwehrten“. Spätestens in diesem Moment dürfte sich niemand mehr beschwert haben, dass gerade keine seichte Krankenhausserie läuft und Joko und Klaas keine Show abziehen.

Pia Klemp sagt, sie wünsche sich viel mehr solche Aktionen, die Aktivist*innen wie ihr eine Plattform geben. „Es ist wichtig, dass solche Themen offensiv behandelt werden. Mir ist aber auch klar, dass die große Resonanz vor allem durch diesen Bruch entstanden ist: Alle haben etwas Lustiges erwartet – und wurden dann mit etwas ganz anderem konfrontiert.“ Ein Effekt, der sich sicherlich nicht beliebig oft wiederholen lässt. Umso mehr freut es Pia Klemp, dass sie mit ihrem Auftritt viele Menschen erreichen konnte, die sie sonst wohl nie erreicht hätte: „Die meisten schauen abends vermutlich eher ProSieben als eine investigative Doku über Seenotrettung.“

Und diese Aufmerksamkeit ist für die private Seenotrettung gerade wichtiger denn je: Aktuell sind die meisten ihrer Schiffe blockiert, Italien ermittelt gegen Pia Klemp und neun weitere Crew-Mitglieder der Iuventa wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Falls sie verurteilt werden, drohen ihnen bis zu 20 Jahre Haft. „Manchmal kann man sich seinen Kampf aussuchen – und manchmal eben nicht“, sagt Pia Klemp. Solange sie ihren Einsatz auf der Iuventa oder der Seawatch nicht fortführen kann, macht sie daher so gut es geht auf das Thema aufmerksam und tritt selbst in die Öffentlichkeit – auch wenn sie diesen Fokus auf ihre Person, wie sie selbst sagt, schwierig findet. Die aktuelle Situation sei frustrierend, sagt Pia Klemp. „Aber vor allem ist es erschreckend: Auf der einen Seite feiern wir uns für 70 Jahre Menschenrechte und die EU bekommt einen Friedensnobelpreis und auf der anderen Seite sind da diese schrecklichen Zustände an unseren Außengrenzen. Das ist ein widerlicher Zustand.“

Natürlich ist diese Aktion von Joko und Klaas auch beste PR für sie selbst und ihren Stamm-Sender. Fehlendes Engagement abseits der Show-Bühne kann man den beiden aber nicht vorwerfen. Klaas hatte sich in der Vergangenheit selbst schon für die Seenotrettung stark gemacht – so kam auch der Kontakt zu Pia Klemp zustande.

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