Die Serie „Cheerleading“ zeigt, wie hart dieser Sport ist

Und dass die Athlet*innen, die ihn ausüben, nicht nur verwöhnte Püppchen sind. Im Gegenteil.
Von Berit Dießelkämper
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Foto: Netflix

Mackenzie „Sherbs“ Sherburn schlägt auf dem Boden der Turnhalle auf. Ihr Ellenbogen ist ausgekugelt und der Traum von der Meisterschaft für sie vorbei. Eigentlich hätte jemand aus ihrem Team sie fangen sollen, aber irgendetwas ging schief. Sherbs ist „Fliegerin“ bei den Navarro College Cheerleader*innen – die Athletin, die bei Stunts für Saltos und Drehungen in die Luft geworfen wird. Als sie am Boden liegt, kommt keines ihrer Teammitglieder zu ihr. Alle wenden sich ab, gehen an den Rand der Halle und machen 50 Straf-Liegestütze. Das wirkt zunächst verstörend, macht aber sehr eindrücklich klar, worum es in der neue Netflix-Dokuserie „Cheerleading“ geht: Um Härte, Disziplin, Teamarbeit und darum, dass man am Ende doch allein ist.

Die Protagonist*innen haben Identitätskrisen, Drogenprobleme oder Suizidversuche hinter sich

Die Dokumentation begleitet das Team aus Corsicana, einer texanischen Stadt mit 25 000 Einwohner*innen, bei ihren Vorbereitungen für die nationale Meisterschaft 2019. Unter Trainerin Monica Aldama haben die Navarro College Cheerleader*innen bereits 13 nationale Meisterschaften gewonnen und gelten als das beste Junior College Team Amerikas. Ob sie die Meisterschaft 2019 erneut gewonnen haben oder nicht, ließe sich leicht googeln, niemand müsste die sechsteilige Dokumentation bis zum Ende ansehen, aber es geht darin eben um sehr viel mehr als nur den Sport.

Die Protagonist*innen kommen aus zerrütteten Familien, haben Identitätskrisen, Drogenprobleme oder Suizidversuche hinter sich. Das Team ist für die Jugendlichen eine Art Auffangbecken und eine Chance, alles anders zu machen. Da ist zum Beispiel La’Darius Marshall: Er ist schwul, wurde von seiner Familie verstoßen, seine Brüder verprügelten ihn, um „einen Mann aus ihm zu machen“. In seiner Pflegefamilie wurde er sexuell missbraucht. Oder Lexi Brumback, deren Mutter nach der Scheidung depressiv wurde, sich nicht mehr kümmern konnte, sodass Lexi von zu Hause weglief, Drogen nahm und kriminell wurde. Trainerin Monica will ihnen helfen, „bessere Menschen zu werden“ – das sagt sie immer wieder. Wie schön das klingt und wie einfach. Aber die Wahrheit ist: Das Team und Trainerin Monica können die Athleten nur kurz auffangen. Sich retten müssen sie selbst.

Cheerleading ist ein harter, undankbarer und häufig auch umstrittener Sport

Neben den Geschichten der Athlet*innen erzählt die Dokumentation auch die des Cheerleadings. Wie es sich über die Jahre zu einem Leistungssport entwickelt hat und dass Cheerleader*innen so viel mehr sind, als nur die beliebten Highschool-Schönheiten, die am Spielfeldrand mit Pompoms wedeln und in ihrer Freizeit mit den ebenso beliebten Footballspielern schlafen. Cheerleading ist ein harter, undankbarer und häufig auch umstrittener Sport.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung und die Vorurteile gegenüber den Athletinnen waren zuletzt auch in Deutschland Thema, als der Bundesligist Alba Berlin im September vergangenen Jahres verkündete, dass in den Spielpausen keine Cheerleader mehr auftreten werden. Junge Frauen als attraktive Pausenfüller seien nicht mehr zeitgemäß, begründete der Vereinsgeschäftsführer diese Entscheidung.

Das Team des Navarro College probt in den zehn Wochen vor den Meisterschaften jeden möglichen Ernstfall in seiner Routine, um immer einen Plan B zu haben. „Du machst es so lange, bis du es kannst und dann machst du weiter, bis du es nie wieder falsch machst“, sagt Trainerin Monica immer wieder. Und weil sich das so nicht auf alles im Leben anwenden lässt, lernt man in der Dokumentation nicht nur etwas über die amerikanische Sportart, sondern unweigerlich auch etwas über Amerika selbst. Genauer: über den „American Dream“.

Talent allein reicht nicht

Denn der Glaube daran, dass jeder es nach oben schaffen kann, wenn er nur hart genug dafür arbeitet, wird für die Protagonist*innen wahr. Aber alles ist vergänglich und so kommt der Moment, an dem die Jugendlichen das Team wieder verlassen müssen. Dann, wenn sie nach zwei Jahren ihren Abschluss haben. Eine höhere Liga gibt es nicht. Die Navarro College Cheerleader waren für La’Darius, Lexi und alle anderen ein Ausweg aus ihrem bisherigen Leben, weitergehen müssen sie jedoch allein. Einige von ihnen tun das auch, andere nicht.

Wenige Tage nach der Veröffentlichung auf Netflix wurde Kritik an der Dokumentation laut, denn sie ignoriere den Skandal um den ehemaligen Navarro Cheerleader und Assistenztrainer Andre McGee. Er wird beschuldigt, 2015 einen der Cheerleader unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht zu haben. Im Dezember 2018 wies ein Gericht die Klage ab. Aktuell läuft noch ein weiteres Verfahren gegen die Schule und Trainerin Monica Aldama – möglicherweise ein Grund, warum die Macher der Dokumentation den Vorwurf nicht thematisieren.

„Cheerleading“ zeigt nicht nur beeindruckende Athlet*innen in beeindruckenden Bildern, sondern bringt einem auch ganz grundsätzlich etwas über das Leben bei: dass harte Arbeit sich auszahlt, aber auch, dass Talent allein nicht ausreicht, sondern immer auch ein bisschen Glück dazugehört. Und vor allem, dass die Menschen, die einen fangen sollten, einen manchmal auch fallenlassen – und sich dann, wenn man am Boden liegt, einfach abwenden.

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