„Am Ende jedes Films bin ich dann ja auch schlau“

Ein Gespräch mit Christoph Biemann – zum 50. Geburtstag der Sendung mit der Maus.
Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

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Als Gert Müntefering anfang der 70er-Jahre die Münchner Filmhochschule betrat, um den Studierenden das Konzept seiner neuen Kindersendung vorzustellen, dachte er wohl nicht, dass er gleich harte Kritik einstecken würde. Genauso wenig, dass diese Sendung noch 50 Jahre später Generationen von Kindern beim Heranwachsen begleiten würde. Nicht zuletzt dank eines Studenten, der damals in der Klasse saß, die das Konzept auseinandernahmen: Christoph Biemann. 

Mit Schnauzer, grünem Pulli und freundlichen Augen schaut der inzwischen 68-Jährige Biemann Kindern seit Generationen jeden Sonntag lächelnd entgegen und erklärt ihnen die Welt. Wer also wäre besser geeignet, um uns in einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie, die weltweit auch die Psyche der Menschen angreift, zu erklären, wie er mit Zufriedenheit durch sein Leben geht.

jetzt: Herr Biemann, sie haben eine sehr ungewöhnliche Art von Prominenz. Sie sind irgendwas zwischen Kindheitsidol und Familienangehöriger.

Christoph Biemann: Das ist doch schön. Es gibt auf jeden Fall Schlimmeres. 

Die Kunstfigur Christoph und der echte Christoph Biemann sind sich sehr ähnlich

Wie geht es Ihnen damit, dass Sie  wohl Generationen von Kindern dahingehend beeinflusst haben, wie sie die Welt sehen?

Ich war vor Kurzem im Fraunhofer Institut und plötzlich kamen junge, absolute Top-Wissenschaftler auf mich zu und sagten: „Christoph, wegen dir sind wir hier. Du hast in uns diese Neugier geweckt und den Wunsch, Wissenschaftler zu werden.“ Nach solchen tollen Momente denke ich mir schon: „Puh, du hast wohl nicht alles falsch gemacht.“ Aber sonst spielt Prominenz für mich keine Rolle.

Wie ist das für Ihre Enkel, die sich ihren Opa mit Generationen von Kindern teilen?

Für meine Enkel ist das mittlerweile etwas ganz Natürliches. Klar bemerken ihre Klassenkameraden, dass sie mit dem Christoph von der Maus verwandt sind, aber auch für die ist das nicht lange etwas Besonderes.  

Schauen Ihre Kinder und Enkelkinder auch die Maus? 

Die ganz Kleinen noch nicht, die sind noch zu jung. Aber die anderen natürlich schon. 

Erkennen die dann auch ihren Großvater wieder? Oder ist die Kunstfigur Christoph komplett anders als der echte Christoph Biemann?

Wir sind uns sehr ähnlich. Natürlich bin ich nicht ganz so doof wie im Fernsehen. Meine Enkel verstehen auf jeden Fall, dass ich das spiele – aber selbst wenn nicht: Am Ende jedes Films bin ich dann ja auch schlau.

Christoph aus der WDR-Sendung mit der Maus wirkt wie ein sehr zufriedener Mensch, so als wäre er mit sich selbst im Reinen. Trifft das denn auch auf Sie zu?

Definitiv. Ich habe einen ganz tollen Beruf, eine tolle Familie, einfach ein ganz tolles Leben. Deswegen würde ich mich auf jeden Fall als zufriedenen Menschen bezeichnen. 

„Macht das, was ihr macht, mit Herzblut und Freude. Das ist sehr wichtig“

Wie wichtig ist Ihr Beruf für Ihre Zufriedenheit? 

Ich verbringe ja extrem viele Stunden des Tages mit dem Beruf. Ich persönlich habe eigentlich keinen richtigen Feierabend. Ob ich morgens aufstehe, beim Zähneputzen oder tagsüber Einkaufen gehe, die Waschmaschine anstelle – das ist bei mir sofort gedanklich mit meinem Beruf verknüpft: Wie funktioniert das? Könnte das ein Thema sein? Es gibt ja diesen tollen Spruch: Mach das, was dir Spaß macht, und du musst nie wieder arbeiten. Das Glück, das zu behaupten, hat natürlich nicht jeder, aber auf mich trifft es zu. Allgemein würde ich sagen: Macht das, was ihr macht, mit Herzblut und Freude. Das ist sehr wichtig. 

Was macht Ihnen denn Spaß an Ihrer Arbeit?

Dinge zu entdecken und zu lernen. Ich konnte meine Neugier zum Beruf machen. Als Kind war ich bei den Eltern meiner Freunde immer verschrien, weil ich immer alles angefasst habe, wenn ich zu Besuch war. Ich war einfach ein neugieriger Typ und habe meine Nase überall reingesteckt. Dass ich daraus einen Beruf machen konnte, ist ein Geschenk.

Sie haben sich in Interviews als typischen 68er bezeichnet, waren an der Filmhochschule in München und gingen direkt nach ihrem Abschluss zur Maus. War Kindersendungen zu machen schon damals ein Traumjob für Sie?

Generell war der Traum schlicht, mit Fernsehen Geld zu verdienen. Dass es dann Kinderfernsehen geworden ist, ist im Nachhinein ein Glücksfall. Am Ende der Filmhochschule muss man sich eigentlich entscheiden: Mache ich Dokumentarfilm, mache ich Spielfilme – ich hatte und habe die Möglichkeit, alles zu machen. 

„Ich trauere Dingen nicht hinterher. Wenn es nicht geklappt hat, war’s eben so“

Sie haben kurz für die ARD in Rom gearbeitet. Haben Sie nicht mal wehmütig zurück geschaut und gedacht: Was wäre denn gewesen, wenn ich doch die große Korrespondenten-Karriere eingeschlagen hätte?

Das hätte ich natürlich auch gerne gemacht – besonders in Italien. Aber es ist eben anders gekommen. Ich bin generell immer mit dem zufrieden, was ist. Wenn ich in ein Auto einsteige, verstelle ich, wenn es nicht zwingend notwendig ist, weder den Sitz, noch die Außenspiegel. Ich trauere Dingen nicht hinterher. Wenn es nicht geklappt hat, war’s eben so. Das ist eine Einstellung, die einen zufrieden macht, oder zumindest nicht unglücklich. Meine Frau ist jemand, der immer alles gerne verändert oder verbessert. Die sitzt mit mir zusammen auf einer italienischen Piazza und nach einer Viertelstunde denkt sie über das Farbkonzept der Fassaden nach. Aber es ist gut, dass es auch Menschen gibt, die so denken. Wenn alle Menschen so wären wie ich, säßen wir zufrieden in der Steinzeit fest. 

Vielleicht wäre das auch nicht so schlecht. 

Darüber kann man natürlich diskutieren. 

In Ihrer Rolle scheitern sie oft, wirken etwas tölpelhaft. Warum haben Sie sich für diese Rolle entschieden?

Scheitern gehört zum Leben dazu. Als Figur scheitere ich oft. Im echten Leben auch. Und wenn man Wissen vermitteln möchte, schafft man das besser, wenn man sich auf oder sogar etwas unter die Augenhöhe seiner Zuschauer begibt, dann wird man schneller akzeptiert. Ich sag immer: Besserwisser mag keiner. Und deswegen bin ich auch keiner. Außerdem bringe ich Menschen einfach gerne zum Lachen. Es mag zwar komplexere Humorformen geben, aber wenn jemand ins Wasser fällt, dann ist das eben einfach ein Lacher. Ich habe überhaupt kein Problem damit, mich zu blamieren. Und wenn die Leute über mich lachen, bin ich sogar froh.

„Es ist richtig, dass die Redaktion nicht von den alten Knackern abhängig sein will“

In letzter Zeit sind Sie ein bisschen seltener bei der Maus zu sehen. Unter anderem moderieren nun auch Ralph Caspers oder Siham El-Maimouni. Ist Ihnen der Rückzug schwer gefallen?

Es war eine Entscheidung der Redaktion. Armin Maiwald ist über 80, ich bin 68. Wenn wir beide von heute auf morgen nicht mehr da sind, ist die Maus am Ende. Es ist richtig, dass die Redaktion nicht von den alten Knackern abhängig sein will. Deshalb sind jetzt junge Leute vor der Kamera. Aber es ist nicht ganz einfach, Filmemacherinnen und Filmemacher zu finden, die sich auch vor der Kamera bewegen können. Menschen, die von ihrer eigenen Reise erzählen, wie sie etwas herausgefunden haben, gibt es gerade nicht mehr. 

Also stehen Sie noch gerne vor der Kamera?

Absolut. Aber das ist ja wirklich nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Ich arbeite auch immer noch genauso viel wie vor 30 Jahren. 

Erkennen Sie die Kinder denn trotzdem noch auf der Straße?

Ja, auf jeden Fall – besonders, wenn ich das grüne Sweatshirt trage. 

Sie tragen das Sweatshirt auch privat?

Nur wenn ich von Dreharbeiten nach Hause komme und zu faul war, mich umzuziehen. Sonst bleibt es im Schrank, weil mich sonst zu viele Menschen erkennen.

Mittlerweile ist die Maus eine Institution im deutschen Fernsehen. Was ist das Erfolgsrezept?

Das Grundprinzip der Maus, dass man mit neugierigen Augen auf die Welt und den Alltag schaut. Das macht die Sendung auch für Erwachsene so interessant. Auch sie verstehen gerne Sachen. Früher, wie ein Faxgerät funktioniert, oder heute ein Touch-Display. Auch wenn sie sich noch nie gefragt haben, wie das funktioniert: Wenn sie die Maus schauen, verstehen sie es und freuen sich. Man ist nach fünf Minuten im Kopf ein Stückchen reicher. 

Was wünschen Sie denn der Maus zum 50. Geburtstag?

Viele Zuschauer, die sich von der Maus bereichert fühlen, und ein langes Leben. Dasselbe wünsche ich auch dem WDR und der ARD. Denn ohne die gäbe es die Maus nicht. In einem Privatsender wäre so eine experimentelle Sendung gar nicht möglich gewesen.

Normalerweise kriegt das Geburtstagskind ja Geschenke, aber was war denn das größte Geschenk, dass Sie von der Maus bekommen haben?

Das war der 25. Geburtstag der Maus. Wir hatten damals einen Sonderzug für die Maus-Fans durch Deutschland geschickt, dessen Endstation die Geburtstagsfeier an der Kölner Domplatte war. Aber plötzlich waren alle Züge, die nach Köln kamen, so vollgestopft, dass da kaum ein Zug mehr halten konnte. Über 500 000 Menschen sind damals gekommen. Als Armin Maiwald und ich auf die Bühne kamen, ging plötzlich ein Schrei durch die Menge. Das war unglaublich berührend. Wir hätten niemals gedacht, dass unsere kleine Sendung, jemals so etwas auslösen könnte.

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