Warum Vaginalpilz keine Geschlechtskrankheit ist

Und fünf weitere Mythen rund um das Thema Intimgesundheit.
Von Lina Wölfel
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: jcomp / Freepik

Meinen ersten Vaginalpilz hatte ich mit 13. Weil ich mich noch nie ernsthaft mit meinem Intimbereich beschäftigt hatte und diese Körperzone bei mir Scham- und Ekelgefühle hervorrief, kam es für mich nicht in Frage, mir bei einer anderen Person Rat zu holen. Also gab ich folgende Suchanfrage bei Google ein: „Jucken Brennen Rötung Intimbereich Frau“. Einige Seiten, wie Apotheken-Umschau oder Netdoktor, rieten mir, zum Arzt zu gehen. 

Schließlich fand ich auf Fem.com heraus, dass bei einer Pilzinfektion ebenso Hausmittel wie Sitzbäder im Kräutersud oder Naturjoghurt helfen können. Ich hockte mich also so lange in Kamillentee und schmierte meinen Intimbereich mit Joghurt ein, bis es so weh tat, dass ich nicht mehr richtig sitzen konnte und ich nach einem Anruf bei meiner Frauenärztin eine Clotrimazol-haltige Creme verschrieben bekam. 

Ich bin dabei kein Einzelphänomen. Über 27 Prozent der Teilnehmerinnen einer Forsa-Umfrage, die uns zur Verfügung gestellt wurde, gaben an, vieles nicht zu verstehen, was in ihrem Körper vor sich geht. Darüber hinaus sprechen gerade einmal 17 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit Freund*innen und 28 Prozent mit ihrer Mutter über das Thema Scheidenpilz. Im Vergleich dazu: Allgemeine gesundheitliche Fragen werden in dieser Altersgruppe von 40 Prozent mit Freund*innen und 54 Prozent mit der Mutter besprochen. Wieso sind also Infektionskrankheiten im Intimbereich immer noch tabuisiert, obwohl drei von vier Frauen mindestens einmal im Leben darunter leiden und fünf bis acht Prozent sogar mehrmals im Jahr?  

Wenn ich mit Freund*innen darüber spreche, merke ich schnell, wie unsicher und unwissend wir bei dem Thema sind: Unterstützt Intimwaschlotion die Scheidenflora oder schadet sie eher? Wie kann man Vaginalpilz vorbeugen? Woran liegt es, dass ich manchmal feucht werde und manchmal nicht? 

Seit 2019 arbeiten Kristina Schilling und Sabrina Oertel von DR. KADE Health Care mit einem Team um Steffi Mainitz und Helena Brune von der Digitalagentur TLGG daran, durch Aufklärungsarbeit das Thema Intimgesundheit zu entmystifizieren. Auf ihrem Instagram-Account „holy.schritt“ nehmen sie unangenehmen und tabuisierten Themen mithilfe von zeitgemäßen Illustrationen und mutigen Formaten den Tabu-Status, ohne dabei ihre Ernsthaftigkeit in Frage zu stellen. Ich habe von ihnen sechs Mythen rund um das Thema Intimgesundheit aufklären lassen.

Mythos 1: Schamhaare sind unhygienisch.

holy.schritt: Nein, Schamhaare haben eine evolutionär bedingte Funktion – sie schützen vor eindringenden Keimen. Wenn man sie entfernt, muss man sich dessen bewusst sein, dass man eine Schutzbarriere entfernt. Natürlich kann sich jede*r trotzdem rasieren. Es ist nur wichtig, dann auf die Hautpflege zu achten, sprich die Haut gut vor- und nachzubereiten. Dazu gehört auf frische, scharfe Klingen zu achten, bei der Rasur eine Intimwaschlotion als Rasiermittel zu benutzen, die im Gegensatz zu Rasierschaum nicht das Gleichgewicht im Intimbereich stört, in Wuchsrichtung zu rasieren, nicht zu oft zu rasieren und hinterher eine hautberuhigende, duftstofffreie Feuchtigkeitscreme zu benutzen, die auch für den Intimbereich geeignet ist. Für entstehende Rasurpickel gibt es in in der Apotheke spezielle Intimpflegecremes z. B. mit Hyaluronsäure, die Juckreiz lindern und den Pickeln beim Abheilen hilft. 

Mythos 2: Vaginalpilz ist eine Geschlechtskrankheit. 

Vaginalpilz entsteht, weil sich bestimmte Hefepilzarten, meistens „candida albicans“, unkontrolliert in der Vagina vermehren. Typische Symptome sind Juckreiz, Brennen, Ausfluss oder Rötungen. An sich kommen Pilzkulturen in jeder Vaginalflora vor. Der natürliche Schutz der Flora durch die körpereigenenen Laktobazillen sorgt dafür, dass sich der Pilz nicht weiter ausbreiten kann. Wenn das Immunsystem der Frau* geschwächt ist, oder die Flora eh schon angegriffen, zum Beispiel durch Stress, Einnahme von Antibiotika, starke Periode, Sex oder hormonelle Schwankungen, können sich diese Pilze vermehren und Beschwerden auslösen. Pilze kommen auch im Darm vor, das heißt sie können auch durch falsche Wischrichtung beim Toilettengang in die Vagina gelangen. Vaginalpilz ist also keine Geschlechtskrankheit. Wer schneller dazu tendiert Vaginalpilz zu bekommen, kann die Vaginalflora durch Einnahme von Laktobazillen-Produkten unterstützen und so ein „saures Schutzschild“ aufbauen. Dafür gibt es sowohl Tabletten zum Einnehmen, als auch zum Einführen in die Vagina.

Mythos 3: Tampons mit Naturjoghurt, Sitzbäder mit Essig und Zuckerdiät sind Hausmittel, die gegen Vaginalpilz helfen. 

Niemals Essig! Die Säure in Essig ist wesentlich konzentrierter als der pH-Wert der gesunden Vagina. Sitzbäder mit Essig zerstören deshalb die natürliche Schutzbarriere der Scheidenflora und fördern das Pilzwachstum. 

Tampons mit Naturjoghurt sind so weit verbreitet, dass sogar einige Frauenärzt*innen zu dieser Therapie raten. Die Laktobakterien, die in Joghurt enthalten sind, sind aber nicht die, die typischerweise in der Vaginalflora vorkommen. Im ungünstigsten Fall führt man sich mit Joghurt-Tampons auch Schimmelpilze ein.

Eine zuckerarme Ernährung ist immer eine gute Entscheidung und kann bei Frauen*, die anfälliger für Vaginalpilz sind als vorbeugende Maßnahme dienen. Pilze ernähren sich von Zucker, ihnen wird so die Nahrungsgrundlage entzogen. Eine akute Pilzinfektion lässt sich aber nur mit Clotrimazol bekämpfen. Cremes und Tabletten mit dem Wirkstoff bekommt man freiverkäuflich in der Apotheke. 

Mythos 4: Frauen* brauchen kein Gleitgel. 

Nicht an jedem Tag im Zyklus haben Frauen*, auch junge Frauen*, die gleiche Fähigkeit feucht zu werden. Tatsächlich leiden 35 Prozent der 25- bis 34-Jährigen regelmäßig an Scheidentrockenheit. Das hängt mit hormonellen Schwankungen zusammen, mit äußeren Faktoren, wie Ernährung und Stress, kann von Krankheiten verursacht werden oder bestimmten Medikamenten. An solchen Tagen kann Gleitgel unterstützend wirken und Schmerzen beim Sex verhindern. Wer keine Lust auf Erdbeergeschmack hat, es gibt inzwischen auch geruchs- und geschmacksneutrale Bio-Gleitgele in der Apotheke, zum Teil sogar mit Hyaluron zur nachhaltigen Befeuchtung des Initmbereichs.

Mythos 5: Vulven brauchen keine Intimpflege, die regulieren sich von selbst. 

Hier muss zwischen Vulva und Vagina unterschieden werden. Die Vagina ist ein selbstreinigendes System. Das merkt man am Ausfluss, mit dem alles ausgeschieden wird, was nicht in die natürliche Scheidenflora gehört. Da sollte man auf keinen Fall eingreifen, es sei denn es liegt ein medizinisches Problem, wie eine Infektion vor. Die Vulva als außenliegender Teil kann und darf bei Bedarf aber zusätzlich gepflegt werden. An sich reicht Wasser, aber besonders nach und während der Periode oder nach dem Sex oder Sport fühlt es sich vielleicht besser an, zusätzlich mit einer Intimwaschlotion zu reinigen. Die darin enthaltene Milchsäure säuert außerdem die Vaginalflora an, was einer Infektion vorbeugt. 

Mythos 6: Intimgeruch ist nicht normal. 

Jede Vagina hat ihren eigenen, ganz individuellen Geruch, der sich auch im Verlauf des Zyklus ändern kann. Wenn der allerdings stark, beißend oder fischig wird, ist das ein Zeichen dafür, dass sich zu viele der „falschen“ Bakterien in der Vagina angesiedelt haben. Bei so einer bakteriellen Vaginose sollte man unbedingt zum Arzt gehen. Verstärkte Intimpflege ist dann kontraproduktiv und exzessives Waschen verschlimmert die Symptome, weil dadurch die guten Bakterien abgetötet werden. Während der Schwangerschaft kann eine bakterielle Vaginose im Ernstfall zu einer Frühgeburt führen. 

Intimgesundheit hört also beim Intimbereich nicht auf. Ist eigentlich logisch, weil unser Körper ein ganzheitliches System ist, an dem Ernährung, emotionaler Zustand und diverse innerliche und äußerliche Stressoren nicht spurlos vorbeigehen. Dass allerdings einige Faktoren biologisch bedingt und nicht von uns beeinflussbar sind, ist wichtig zu wissen, damit Menschen mit Vulva ihrem Körper vertrauen und ihn besser einzuschätzen lernen. Heute kenne ich meinen Körper besser, aber immernoch verstehe ich vieles nicht, was er tagtäglich tut. Was mir dennoch bewusster ist: Für nichts davon muss ich mich schämen. Hätte das mein 13-jähriges Ich mal gewusst.

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