Wenn nachts der Hunger kommt

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Man könnte meinen, die Menschheit hätte sich über die Jahrtausende hinweg etwas Disziplin angeeignet. Aber machen wir uns nichts vor. Wir sind schwach und werden zu unwürdigen kleinen Schweinchen, wenn er kommt: der nächtliche Gedanke ans Essen. Der Moment, in dem du wach liegst, an die Decke starrst, meinst, ein Hüngerchen zu spüren und genau weißt: „Ich hab da noch was im Kühlschrank …“ Diesen Moment kennen auch der Twitter-Nutzer „Antichris“ und seine Follower*innen gut, die sich kürzlich über das eigene nächtliche Essverhalten austauschten. Davon inspiriert möchten wir sie vorstellen: die verschiedenen Typen der Nacht-Snacker.

Der Nutella-Löffler

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Nutella, löffelweise.

So sieht das aus: Der Nutella-Löffler steht in Boxershorts und ohne Oberteil in der hell erleuchteten Küche, ihm stehen die Haare zu allen Seiten ab. Denn zuvor hat er sich im Bett herum gewälzt und versucht, sich davon zu überzeugen, dass das Bedürfnis nach Schlaf stärker sei als der Heißhunger.

So fühlt er sich jetzt: Er schämt sich ein bisschen wegen der Kalorien, aber auch wegen der gifitgen Pestizide beim Haselnuss-Anbau oder wegen des Palmöls, das er da gerade in sich rein schlotzt und für das definitiv Regenwald gerodet wurde. Aber wenn er ja sowieso schon nicht schlafen kann, ist vielleicht auch egal, warum, ob wegen Hungers oder schlechten Gewissens.

Davon träumt er danach: Ein trauriges Orang-Utan-Baby piekst in seine Rettungsringchen und fragt leise: „Warum …?“

Die Käse-Beißerin 

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Ein Block Hartkäse, meistens aus Kuhmilch. Sehr beliebt: Parmesan oder Bergkäse aus dem Allgäu.

So sieht das aus: Sie hat all die Anmut, die sie tagsüber als Käseliebhaberin mit Käsemesser, Käsereibe und Käseschneider beweist, verloren: Käsebröckchen fallen auf ihren Pyjama, als sie herzhaft ein Stück vom Block abbeißt.

So fühlt sie sich jetzt: Anarchisch, irgendwie. 

Davon träumt sie danach: Von einer wilden, altrömischen Orgie, im Zuge derer ihr ein Bergbauer den Körper mit gut gereiftem Brie einschmiert und ihr mit französischem Akzent ins Ohr wispert: „Dû warst ein ûngeßogenes Mädschèn.“ 

Die Reste-Esserin

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Was auch immer schon längst erkaltet auf dem Herd steht und zu Teilen schon am Topfrand eingetrocket ist. Oft: Nudeln.

So sieht das aus: Sie trägt ein langes Schlaf-T-Shirt, sonst nichts, aber hey – immerhin hat sie was an. Diese Person hat ihr Leben einigermaßen im Griff, auch nachts noch, sonst hätte sie sich wohl kaum pflichtbewusst den Resten gewidmet, wenn doch eigentlich noch echte Snacks im Schrank liegen. Die Haare sind zu einem Dutt gebunden, aus dem Topf zu essen, ist so einfach leichter.

So fühlt sie sich: Ein bisschen schäbig, aber auch ein bisschen gut. „Hatte ich’s doch gesagt, dass ich das noch aufesse!“

Davon träumt sie danach: Ihre Oma, Nachkriegskind, stapft mit einem Sack mühsam gesammelter Kartoffelschalen auf dem Rücken in ihr Zimmer und nickt ihr wohlwollend zu: „Richtig so, Kindchen. Weggeschmissen wird nix.“

Der Chips-Vernichter 

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Die Chipstüte, die eigentlich als „Vorrat für Besuch“ gedacht war, aber nie auch nur den Hauch einer Chance hatte, die erste Nacht im Haushalt zu überleben.

So sieht das aus: Der Chips-Vernichter mag tagsüber gepflegt erscheinen, vielleicht ist er sogar ein ausgesprochen hübscher Kerl. Beim nächtlichen Griff in die Chipstüte allerdings zeigt er sich von seiner verwahrlosten Seite: In seinem Bart hängen Chipskrümel, seine Fingerspitzen glänzen durch die Mischung aus Fett und Speichel, während er auf dem Sofa liegt und das Kinn nur dann von der Brust abhebt, wenn die nächste Ladung in den Mund soll.

So fühlt er sich jetzt: Entspannt, aber gescheitert. Eigentlich wollte er Abstand nehmen von Fast Food und Mitternachtssnacks, besser heute als morgen wollte auch er Teil der Selbst-Optimierungs-Szene werden. Aber am Ende ist der Heißhunger eben doch größer als man selbst.

Davon träumt er danach: Er rennt gebückt durch ein Spalier aus Yoga-Influencer*innen, die von beiden Seiten auf ihn einprügeln. Er kann nur noch jammern: „Chips sind doch vegan! Bitte liebt mich!“

Die mit den Gemüse-Sticks  

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Paprikastreifen und Kohlrabischeiben, dazu ein leichter Quark-Dip, mager, dazu kein Salz, nur Pfeffer.

So sieht das aus: Am Tisch sitzt eine Frau in Yogapants, ein zartes Top umspielt ihre schmalen Schultern, neben ihr steht eine Tasse frisch gebrühter Tee, den sie trinkt, bevor sie allmählich zu essen anfängt. Sie kaut mit Bedacht und schließt genüsslich die Augen. Eine Wohltat für Körper und Seele.

So fühlt sie sich jetzt: Überlegen, vor allem dem früheren Selbst gegenüber. Vorbei die Zeiten, als noch Döner und Schokolade beim Nachthunger herhalten mussten. Hallo gesundes Leben.

Davon träumt sie danach: Mit manischem Lachen prügelt sie auf einen Specki mit Chipskrümeln im Bart ein. In der einen Hand schwingt sie den Hashtag #achtsamkeitbeginntbeidir, in der anderen #mybodyismytemple.

Der Wahllose

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Was da ist. 

So sieht das aus: Die Jogginghose, die er trägt, ist weit – und das ist wichtig und gut so. Denn für das, was kommt, braucht es Platz: Der Wahllose hängt nämlich mit Kopf und Armen im Kühlschrank und zieht heraus, was er findet: Salami, Lyoner, Streukäse, Oliven, Ketchup, Joghurt. Alles kommt direkt per Hand in den Mund, Käse wird aus der Packung geschüttelt, Joghurt mit der Zunge geschaufelt. Löffel, Teller und ähnlich leicht Ersetzbares stehen nämlich noch ungewaschen in der Spüle.

So fühlt er sich jetzt: Kurz gut, weil gesättigt. Dann schlecht, sehr schlecht. All die Dinge, die er da gerade kaum gekaut, sondern einfach heruntergeschlungen hat, vermischen sich in seinem Bauch – und machen da Probleme.  

Davon träumt er danach: Er steht vor dem Bundesverfassungsgericht und wird wegen „den Rechtsstaat gefährdender Völlerei“ zu Pumpernickel auf Lebenszeit verurteilt. Zu seiner Verteidigung hat er nichts zu sagen.

Der Brotzeitler

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Toastbrot, knusprig getoastet, gebuttert, geschmiert, belegt, einer süß, einer salzig.

So sieht das aus: Dieser Mitternachtssnack überkommt einen zwar ebenso plötzlich und ungewollt wie die anderen – doch so soll das nicht aussehen. Der Brotzeitler ist eine kontrollierte Version des Wahllosen: Er will alles, aber er will auch den Schein aufrecht erhalten, dass es sich hier um „Hunger“ handele, nicht um „Heißhunger“. Und wie könnte man das besser beweisen, als mit einer „echten Mahlzeit“, die man noch behutsam vorbereitet und eben nicht alles willenlos in sich hineinstopft? Der Brotzeitler isst zwar auch in Jogginghose, setzt sich aber früher oder später  an einen Küchentisch, um die Mahlzeit geordnet einzunehmen. Messer und Gabel sind zulässig.

So fühlt er sich jetzt: Satt. Sehr satt. Mission accomplished.

Davon träumt er danach: Er marschiert in einer maßgesschneiderten Lederhose durch ein Gebirge aus säuberlich aufgestapelten Tupperdosen und lässt es sich nicht nehmen, bei jeder Begegnung andere Wanderer*innen mit einem frisch-fröhlichen „Mahlzeit!“ zu grüßen. 

Die Pickles-Fischerin  

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Snack der Wahl: Silberzwiebeln, Gewürzgurken, eingelegte Karotten, Minimaiskolben.

So sieht das aus: Für Menschen, die nichts mit Pickles anfangen können: wie der Abgrund der Menschheit. Die Pickles-Fischerin isst Gewürzgurken und Co. nämlich direkt aus dem Glas –  und das in rauen Mengen. An der Gabel rinnt die Essig-Flüssigkeit hinab und tropft auf den Hausschuh. Kein Problem, der Essiggeruch hält sich darin nicht so stark, ist bereits erprobt.

So fühlt sie sich jetzt: Wie ein schwangeres Klischee.

Davon träumt sie danach: Von einer Unter-Wasser-Geburt in Essiglake. Eine Spreewaldgurken-Hebamme hält ihr die Hand und flüstert: „Tja, das kommt eben davon“, während aus ihrem Unterleib Cornichon-Drillinge flutschen.

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