Wie man das alte Jahr gut verabschiedet

Foto: Iker Urteaga / Unsplash

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Böllern, Bleigießen, Raclette: Das ist wohl das, was die meisten mit Silvester verbinden. Doch darüber hinaus gibt es auch viele andere Rituale, mit denen man das alte Jahr verabschieden und das neue einläuten kann. Acht Menschen erzählen, welche besonderen Rituale sie zum Jahresende pflegen.

Isabella, 21, geht mit dem Koffer um den Block

sylvesterrituale isabella

Foto: privat

„Als ich vor fast zehn Jahren aus Peru nach Deutschland gekommen bin, habe ich auch einige Silvestertraditionen mitgenommen. Eine davon besagt, dass man mit einem Koffer – ich nehme meistens einen Trolley – eine Runde um den Block gehen soll. Das bedeutet, dass man im kommenden Jahr viel reisen wird. Ich habe diesen Brauch von meiner Oma übernommen.

Wichtig ist, dass man das Ritual noch in der Silvesternacht, also in den ersten Stunden des ersten Tages, begeht. Wenn ich zu einer Hausparty gehe, nehme ich meinen Koffer auch mit. Wenn ich in der Nacht noch unterwegs bin, laufe ich direkt nach dem Feiern, bevor ich ins Bett gehe. Meine deutschen Freunde haben sehr offen darauf reagiert, die sind einfach mitgelaufen. Und genau mit diesen Leuten habe ich in dem Jahr tatsächlich eine gemeinsame Reise gemacht. Das zeigt mir, dass der Brauch funktioniert.“

Ines, 27, lässt mit Papierschnipseln los

sylvesterrituale ines

Foto: privat

„Vor zwei Jahren habe ich ein Seminar zu Persönlichkeitsentwicklung und Selbstliebe für Frauen mitgemacht. Dort habe ich vom Raunächte-Ritual erfahren. Zum Jahresende treffen wir uns noch immer in der Gruppe, um das Ritual gemeinsam zu begehen. Der erste Teil ist das Loslassen: Auf Papierschnipsel schreiben wir jeweils auf, was in diesem Jahr nicht so gut gelaufen ist und wir nicht ins nächste Jahr mitnehmen möchten. Wir haben alle eine feuerfeste Schale dabei, in die wir unsere Schnipsel hineinlegen und anzünden. Bei jedem Schnipsel mache ich mir noch einmal bewusst, was das Ereignis konkret mit mir gemacht hat, das kann sehr emotional werden.

Danach schreiben wir jeweils 13 Wünsche für das neue Jahr auf, möglichst konkret und anschaulich. Dadurch signalisieren wir dem Universum: Ich bin jetzt bereit für diese Wünsche.

Die Raunächte beginnen in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Jede Nacht vorm Schlafengehen ziehe ich einen dieser Wünsche-Zettel und schaue ihn mir an. Dann gibt man den Wunsch ab ans Universum oder an Engel – an was immer man eben glaubt. In der 13. Nacht ist noch ein letzter Wunsch offen, und für den trägt man selbst die Verantwortung. Viele zünden die Wünsche-Zettel auch an. Ich persönlich bewahre sie lieber auf und schaue am Ende des Jahres, was davon in Erfüllung gegangen ist.“

Mario, 31, springt ins kalte Wasser

sylvesterrituale mario

Foto: Raeto Königsbauer

„Ich beende das alte Jahr immer mit einer Runde Eisbaden. Ich kann dabei nochmal in mich kehren und reflektieren, was alles passiert ist. Das Eisbaden hat eine sehr besondere Kraft, die mich zurück in den Moment holt und mich auch allgemein mit Stress besser umgehen lässt. Dazu gekommen bin ich vor fünf Jahren. Da saß ich im Flugzeug und habe einen Artikel über die sogenannte Wim-Hof-Methode gelesen. Diese Methode kombiniert Eisbaden mit bestimmten Atemtechniken. Ich befand mich damals auf dem Weg zu einem Freund, der dabei war, als mein bester Freund Luki gestorben ist. Den Artikel habe ich als Zeichen gedeutet, die Methode mal auszuprobieren. Mittlerweile gehe ich circa vier Mal die Woche eisbaden, ich wohne direkt am Ammersee.

In diesem Jahr werde ich mich unter anderem an diesen besonderen Moment erinnern: Mit meiner Freundin war ich im Himalaya, wir sind zur Quelle des Ganges gewandert, auf 4200 Metern Höhe. Das war am fünften Todestag von Luki. Ich gebe auch regelmäßig Workshops zum Eisbaden, und wenn die Teilnehmer danach ihre Augen wieder öffnen, haben sie einen Glanz, der mich an Luki erinnert.“

Leonie, 22, bedankt sich per Brief bei ihren Freund:innen

sylvesterrituale leonie

Foto: privat

„Ich schreibe meinen Freundinnen und Freunden zum Jahresende immer in einem lieben Text, wofür ich ihnen dankbar bin. Meistens mache ich das einfach über Whatsapp, manchmal aber auch in einem richtigen Brief. Ich finde, dass wir uns gegenseitig oft zu wenig wertschätzen und schöne Dinge oft untergehen. Daher nutze ich das Jahresende dafür, um Menschen, die ich gernhabe, ein bisschen Wertschätzung entgegenzubringen. Ich schreibe, was ich an ihnen mag und was mir in diesem Jahr mit ihnen besonders viel Spaß gemacht hat. Dabei kann es sich auch um einen Spaziergang handeln oder ein gemeinsames Eisessen. Denn auch wenn etwas auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, kann es viel Bedeutung für mich haben.“

Aylin, 27, flüchtet vor dem Druck und geht auf Reisen

sylvesterrituale aylin

Foto: Lea Gissing

„Vor sechs Jahren bin ich mit meinem damaligen Freund das erste Mal über Silvester verreist. Für uns war Silvester vorher oft mit Stress und Druck verbunden. Alle wollen immer, dass man auf jede Party geht, und finden es seltsam, wenn man gar nichts macht. Und wie kann man diesem Druck am besten entgehen? Indem man gar nicht da ist! Darum hatten wir uns dazu entschlossen, über Silvester ein paar Tage lang wegzufahren. Das erste Jahr waren wir in Verona, in den Jahren darauf unter anderem in Athen und Hamburg. Auf öffentlichen Plätzen ist ja meistens eine große Feier mit Bühne und Live-Musik. In Verona zum Beispiel sind wir mit ,I will survive‘ ins neue Jahr gestartet.

In diesem Jahr haben mein Freund und ich uns getrennt. Ich wollte die Tradition, über Silvester zu verreisen, aber unbedingt beibehalten – ohne Druck, ohne Kompromisse. Daher reise ich dieses Jahr allein nach Bologna. Ich habe mir ein Zimmer in einem Hostel gebucht, und wenn die anderen Leute dort cool sind, kann ich mit denen vielleicht was trinken oder wir spielen was zusammen. Und wenn nicht, gehe ich auf mein Zimmer oder spaziere durch die Stadt, schaue mir das Feuerwerk an, und fahre am 1. Januar einfach wieder zurück.“

Mayla, 21, reflektiert mit der Familie am Feuer 

sylvesterrituale mayla

Mayla (2.v.l.), beschließt das Jahr mit ihren Eltern und ihrer Schwester.

Foto: privat

„Vor circa zehn Jahren, nach unserem Umzug aufs Land, haben meine Familie und ich angefangen, am Ende des Jahres immer ein Feuer zu machen und gemeinsam das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Anfangs hat jeder einfach drauf los geredet, doch mit den Jahren hat sich unser Ritual immer mehr geformt: Jeder nimmt zwei Zettel und einen Stift und sucht sich eine ruhige Ecke. Auf einen Zettel schreiben wir ein Erlebnis, das uns positiv geprägt hat, einen Moment, den man mit einem schönen Gefühl verbindet. Natürlich kann man auch Rückschläge aufschreiben, aber wir versuchen, uns auf die positiven Dinge zu fokussieren. Auf den zweiten Zettel schreiben wir unsere Wünsche und Ziele für das nächste Jahr. Anschließend versammeln wir uns ums Feuer und jeder erzählt reihum, was er oder sie aufgeschrieben hat. Meistens muss ich, die Jüngste, anfangen. Es wird immer sehr emotional, und spätestens, wenn mein Papa weint, weinen alle. Wir liegen uns dann in den Armen, glücklich, einander zu haben.“

Emily, 19, wandert mit ihrem Vater ins neue Jahr

sylvesterrituale emily

Foto: privat

„Ich wandere mit meinem Vater seit drei Jahren jedes Silvester auf den Brocken im Harz. Das begann mit der Idee, zum Jahresende nochmal gemeinsam etwas zu unternehmen und so das Jahr zu einem schönen Abschluss zu bringen. Da wir ohnehin schon immer zusammen wandern wollten, haben wir uns dazu entschlossen, den Brocken zu besteigen, obwohl wir diesbezüglich keinerlei Übung und auch wenig Ausdauer hatten. Für uns war das also nicht nur eine nette Unternehmung, sondern auch eine letzte Challenge für das zu Ende gehende Jahr. Während der Wanderung haben wir gemerkt, dass die Atmosphäre in dem winterlichen Harz unglaublich bezaubernd und der doch etwas isolierte Wanderweg so entspannend waren, dass ich mir, noch bevor wir unser Ziel erreicht hatten, gedacht habe: Das müssen wir nächstes Jahr unbedingt wieder machen! Für mich ist diese Wanderung zum Ende des Jahres eine kleine Auszeit von dem angestauten Stress der Festtage, ein allerletztes Vorhaben, um das Jahr abzuschließen und die Gedanken schweifen zu lassen, und ein Symbol dafür, in das neue Jahr ,reinzuwandern‘.“

Marc, 40, stellt einen medialen Rückblick zusammen

sylvesterrituale marc

Foto: privat

„Vor vielen Jahren noch bin ich sehr oft ins Kino gegangen, im Schnitt einmal pro Woche. Die Tickets zu den Filmen habe ich gesammelt und mir daraus am Ende des Jahres eine Top Zehn der Kinobesuche erstellt. Dabei sind mir viele Szenen noch einmal deutlich vor Augen gekommen. Mittlerweile gehe ich höchstens fünf Mal im Jahr ins Kino. Dafür lese ich aber jede Menge Bücher. So hat sich die Film-Rückschau eher in eine Rückschau auf die besten Bücher verwandelt. Ich überlege aber nicht nur, welche Bücher ich am liebsten mochte, sondern versuche, eine Variation reinzukriegen.

In diesem Jahr zum Beispiel erstelle ich mir meine Highlights aus einzelnen Szenen oder Musikstücken. Auch Filme und Serien, die mich begeistert haben, können mit einfließen. Daraus entsteht dann hoffentlich ein interessantes Kaleidoskop aus Bildern und Melodien, an die ich mich gerne erinnere und die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Am Ende stelle ich aus den einzelnen Teilen einen Text zusammen, den ich auf meinem Blog veröffentliche.“

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