Wie ich jedes Jahr daran scheitere, Silvester alleine zu feiern

Eine Psychologin erklärt, warum wir insbesondere an diesem Tag nicht zu Hause bleiben können.
Von Johanna Roth
silvester allein 2

Illustration: Federico Delfrati

Alle Jahre wieder, immer Anfang Dezember, spiele ich ein Spiel. Ich nenne es „Silvester allein zu Haus“, es geht im Grunde ganz einfach: Ich nehme mir fest vor, zwischen dem 30. Dezember und dem 1. Januar einfach mal gar nichts zu machen, niemanden einzuladen, nirgendwo hinzugehen. Bis jetzt habe ich das Spiel jedes Mal verloren. 

Zum einen liegt das daran, dass Freund*innen auf diese Idee meist völlig schockiert reagieren. „Wie, du willst an Silvester nichts machen? Heißt das, du willst alleine zu Hause sitzen? Also bevor du das machst, kommen wir vorbei, das geht ja gar nicht!“, sagen sie dann und werfen mir tief besorgte Blicke zu, als hätte ich gerade angekündigt, ins Kloster zu gehen.

Das ist natürlich Quatsch. Ich kann überhaupt nichts Trauriges daran finden, an Silvester alleine zu sein. Im Gegenteil: Ich stelle mir das sehr schön vor. Ein bis oben hin gefüllter Kühlschrank, Netflix, Champagner und „Dinner for One“ ab nachmittags um halb fünf. Also alles, was es sonst an Silvester auch gibt. Nur eben alles für mich allein. Ohne die ganzen Fallstricke des Soziallebens, die sich an diesem Datum immer zu einem unerbittlichen Knäuel zusammenziehen. Seien es nun die Pärchen, die beseelt vom Jahresende noch schnell all die kleinen, unausgesprochenen Verstimmungen klären wollen (was dazu führt, dass sie sich das neue Jahr gleich mit einem riesigen Streit versauen), ein albernes Essen wie Raclette, das niemandem wirklich schmeckt oder der absolut schlimmste Endgegner: der Druck, lange wach bleiben zu müssen.

Ich möchte nicht von allen deshalb mitleidig angeschaut werden 

Dass ich dann doch jedes Jahr am 31. wieder ausgehe, hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass ich tolle und verdammt hartnäckige Freund*innen habe, die teilweise auch Schlüssel zu meiner Wohnung haben. Ich muss gar nicht mal groß überredet werden, doch noch etwas zu unternehmen. Denn so sehr mir die Vorstellung gefällt, an Silvester einfach mal zu Hause zu bleiben, so wenig will ich die sein, die von allen deshalb mitleidig angeschaut wird. 

Ist das nun einfach ein Fall von kollektiver FOMO, der „fear of missing out“? Oder steckt mehr dahinter? Ich frage die Diplom-Psychologin Dr. Eva Wlodarek, die unter anderem ein Buch über Einsamkeit geschrieben hat. Sie sagt: „Die Angst vorm Alleinsein ist genetisch in uns angelegt. Früher konnte, wer sich von der Herde entfernt hat, nicht überleben.“ Mit meinem Plan, Silvester alleine zu Hause zu sitzen, begebe ich mich also in das Horrorszenario, gegen das wir alle uns instinktiv wehren: soziale Isolation.

Viel schwerer wiegt aber vermutlich etwas anderes: Der gute alte Selbstoptimierungswahn, erklärt Eva Wlodarek. „Ich muss sozial sein, super Kontakte haben, mit mir sollen alle gern Zeit verbringen und ich mit ihnen.“ Dazu käme die ständige Reizüberflutung durch Instagram und Co. „Menschen-Detox“, wie Wlodarek es nennt, ist also eigentlich sehr wichtig, damit wir mit uns selbst klarkommen.

Die meisten empfinden den 31. Dezember als Belastung 

 

Und warum sollte man das nicht gerade an Silvester üben? Denn es ist doch so: An einem normalen Samstagabend verpasst man vermutlich die besseren Partys als am 31. Dezember. Ich habe seit der Grundschule niemanden mehr erlebt, der sich für Silvester aufrichtig begeistern kann. Klar, mit 30 ist lange Aufbleiben nicht mehr ganz so aufregend wie mit zehn, aber seien wir ehrlich: Auch davon abgesehen empfinden die meisten dieses Datum doch als Belastung. Wenn nicht schon bei der Frage „Und, was machst du so dieses Jahr an Silvester?“, dann doch spätestens im Nachhinein. Denn so gut wie gedacht wird der Abend nie. Allein schon deshalb, weil er durch die Einteilung in vor und nach Mitternacht komplett durchchoreographiert ist. Wir laden ein einzelnes Datum mit so viel Bedeutung auf, dass es darunter einfach zusammenbrechen muss.

Aber niemand sagt etwas dagegen. Wir machen jedes Mal wieder einen Aufwand darum, als würde mit dem Jahr die ganze Welt enden. Was das angeht, kommt Silvester gleich nach Hochzeiten, die immer als schönster Tag im Leben gehypt werden und dann doch oft nur der anstrengendste sind. Und genau wie mit einer Ehe keine neue Beziehung beginnt, fängt man auch mit einem neuen Jahr kein neues Leben an.

Gerade wegen dieser Erwartungshaltung ist so ein einsam verbrachtes Silvester womöglich der ultimative Prüfstein dafür, sich selbst genug sein zu können. Wie könnte man besser in ein neues Jahr starten als mit dem Selbstbewusstsein derer, die tiefenentspannt in der Wanne liegen, während andere über käsetriefende Brotwürfel hinweg smalltalken müssen? Auf sein Bauchgefühl allerdings, warnt Eva Wlodarek, sollte man auch auf dem Sofa immer hören: „Alleinsein dient in diesem Fall der Entspannung. Wenn man sich dabei nicht gut fühlt, sondern traurig und isoliert, dann sollte man das das Experiment abbrechen.“ Und doch noch rausgehen. Los ist an dem Abend schließlich genug.

Dann war ein stiller Strand um Mitternacht viel schöner als all die Kreuzberger Dachterrassen 

Mein schönstes Silvester seit langem war jedenfalls jenes, das ich spontan auf einer Nordsee-Insel verbrachte, auf der außer mir, meinem Freund, meiner Mutter und meiner Schwester hauptsächlich Rentner und Kurgäste waren. Kannste in Berlin auch keinem erzählen, dachte ich damals und bestellte in Gedanken schon kistenweise Gin fürs nächste Jahr. Aber dann war ein stiller Strand um Mitternacht viel schöner als all die Kreuzberger Dachterrassen, die meinen Instafeed fluteten, und anstatt mit einem schlimmen Kater wachte ich so entspannt und glücklich auf wie noch nie am Neujahrsmorgen. 

Ja, vielleicht verpasse ich diesmal den besten Abend des Jahres mal wirklich. Und wenn es wider Erwarten doch der schlechteste wird, kann ich immer noch meine beste Freundin rufen und ins Taxi steigen. Wobei: An Silvester kann man eigentlich beides vergessen, Handynetz und Taxi. Eine einstündige Busfahrt durch den Berliner Böllerbürgerkrieg ist nicht unbedingt die Art, auf die man ins neue Jahr kommen will. Nein: Ich bleibe zu Hause, und es wird toll.

Die Party mit dem Gin plane ich natürlich immer noch. Im Februar.

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