Diese Tiktokerin erledigt lästige Anrufe für andere

McKenzee liebt, was viele fürchten: Telefonate. Im Interview spricht sie über ihre kuriosesten Aufträge und Anruf-Tricks.
Interview von Franziska Setare Koohestani
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McKenzee, 25, findet, dass man ein Lächeln bei Telefonaten zwar nicht sehen, aber sehr wohl hören kann.

Foto: Privat

Wer McKenzee anruft, fühlt sich sofort wohl: Ihre Stimme ist angenehm, sie wirkt interessiert, aber nicht aufdringlich, plaudert mal drauf los und nimmt sich im richtigen Moment wieder zurück. Erst zum Ende des Gesprächs erzählt sie zum Beispiel, dass sie die deutsche Kultur liebt – davon, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann mal Schloss Neuschwanstein besuchte und in Tropical Islands bei Berlin übernachtete. McKenzee, 25, kommt aus einer – wie sie sagt – eher kleinen Stadt in den USA. Das bedeutet: 100 000 Einwohner*innen. „Hier gibt es nicht so viele Menschen, die auf Tiktok viral gehen“, sagt sie. 

Aber McKenzee ist so jemand: Eines ihrer Tiktok-Videos wurde über Nacht mehrere Zehntausend Mal geklickt „Ich habe festgestellt, dass ich eine seltene Fähigkeit habe“, sagt sie darin, nämlich: Telefonieren. „Also sag Bescheid: Fünf Dollar und ich mache einen Anruf für dich. Ich vereinbare einen Arzttermin, mache mit deinem Freund Schluss, rufe deine Mama an, um ihr zu sagen, dass du an Thanksgiving nicht heimkommst, melde dich bei der Arbeit krank.“

Mittlerweile hat McKenzee schon mehrere Auftrags-Anrufe getätigt und ist dabei, sich eine offizielle Website einzurichten, um ein Business daraus zu machen. Wir haben mit ihr – natürlich telefonisch – über diese originelle Geschäftsidee gesprochen. Und darüber, welche Telefon-Tricks sie verraten kann:

jetzt: McKenzee, warum kannst du so wahnsinnig gut telefonieren?

McKenzee: Schwer zu sagen. Aber das hat vermutlich viel damit zu tun, dass ich generell wenige soziale Ängste habe. Ich spüre kein flaues Gefühl im Magen, bevor ich einen Anruf tätige, so wie andere Personen. 

War das schon immer so?

Ich habe jahrelang als Store-Managerin in einem Unternehmen gearbeitet – das war sehr viel Teamwork und Kommunikation. Das Unternehmen ist aber leider während der Pandemie pleite gegangen und ich habe meinen Job verloren. Danach habe ich wieder in zwei kommunikativen Jobs gearbeitet: als Vertretungslehrerin und als Barista. Außerdem war ich quasi die Wedding-Planerin für die Hochzeit meiner Schwester. Das waren sehr viele Anrufe – traumhaft! Telefonieren ist einfach mein besonderes Talent. 

„Es hilft, während des Telefonats zu lächeln!“

Und wie hast du festgestellt, dass es im Gegensatz zu dir vielen Menschen eher schwerfällt, ein Telefonat zu führen?

Auf die Idee für den Tiktok-Aufruf bin ich unter der Dusche gekommen. Da habe ich einfach gegrübelt, welche Telefonate ich demnächst führen muss: einen Arzttermin ausmachen, mich um eine Rechnung kümmern, diese oder jene Person anrufen. Und dann hab ich gedacht: Wie gut, dass ich nicht introvertiert bin! Ich kann einfach aus der Dusche hüpfen und all das ohne Probleme erledigen. Und dann hatte ich die Idee: Was wenn ich dafür bezahlt werden könnte, für andere Menschen Anrufe zu erledigen? Ich kann es ja mal auf Tiktok posten und schauen, was passiert. 

Hast du denn irgendwelche Tricks für diejenigen, denen Anrufe nicht so leicht fallen?

Es hilft, während des Telefonats zu lächeln! Denn auch, wenn man das durch den Hörer nicht sehen kann, merkt die Person am anderen Ende der Leitung das trotzdem. Man klingt automatisch freundlicher. Umgekehrt sollte man vermeiden, dass die eigene Stimme trocken oder gelangweilt klingt – das kann schnell extrem unfreundlich und mürrisch rüberkommen. Es hilft auch, sich die Person am anderen Ende der Leitung vorzustellen. Wenn ich jemanden bei einer Telefon-Hotline mit einem Anliegen anrufe, der täglich mehrere Telefonate führt, dann ist es ja so: Das Ziel von uns beiden ist, diese Aufgabe irgendwie hinter uns zu bringen. Also muss man zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. 

Wie liefen denn die Telefonate, die andere Menschen bei dir gebucht haben?

Der erste Anruf war tatsächlich ziemlich traurig. Eine Frau hat mich kontaktiert, deren Schwester betrogen wurde. Sie wollten dem Ehemann der anderen Person Bescheid geben, die auch in die Affäre verwickelt war. Ich war nur so: Wow, ausgerechnet das ist mein erster Auftrag!

Das klingt ziemlich dramatisch. 

Spaßig war es jedenfalls nicht. Aber im Endeffekt habe ich dem Typen auch nur auf die Mailbox gesprochen – reagiert hat er noch nicht. Ich kann auch nicht hundertprozentig überprüfen, wie viel an der ganzen Geschichte dran ist. Es kann sein, dass da nur eine Person wollte, dass man ein Tiktok über sie macht. Aber das ist auch nicht wichtig. Was zählt ist: Ich habe meinen Auftrag wie erfordert ausgeführt.

„Ich habe den Massage-Termin für jemanden umgebucht, weil die Person den schon zweimal verschoben hatte“

Und wie waren die anderen Anrufe?

Das meiste ist tatsächlich recht unspektakulär. Ich habe den Massage-Termin für jemanden umgebucht, weil die Person den schon zweimal verschoben und dementsprechend ein schlechtes Gewissen hatte. Außerdem hat eine Frau mich angefragt, die 2017 geheiratet und ihr Kleid nach der Hochzeit zur Reparatur gegeben hat. Und dabei ist es wohl verlorengegangen. Deshalb sollte ich rumtelefonieren und herausfinden, wo das Kleid gelandet ist. Daran arbeite ich gerade noch. Es zieht sich etwas. Manche der Anrufe könnten ein paar Minuten dauern, aber entpuppen sich als mehrtägige Projekte. Eine andere Person hatte einen Verkehrsunfall und musste den Polizeibericht für die Versicherung abholen. Aber jedes Mal, wenn sie den abholen wollte, war er nicht verfügbar. Also habe ich bei der Polizei angerufen. 

Sind denn alle Auftrags-Anrufe so ernst?

Nein, ich habe zum Beispiel auch eine sehr süße Nachricht an den Ehemann einer Kundin überbracht. Und hier und da auch mal einen Geburtstagsglückwunsch. Aber dadurch, dass die Telefonate alle so unterschiedlich sind, muss ich mir langfristig überlegen, wie ich die Preise anpasse, wenn ich jetzt ein Business daraus mache. Gerade liegt der Preis noch bei fünf Dollar pro Anruf.

„Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert – noch nicht einmal gewundert“

Fühlt es sich für dich anders an, einen unangenehmen Anruf für dich selbst zu tätigen als für andere?

Es ist ziemlich ähnlich. Ich bin ja nur ich. Bei den Telefonaten versuche ich nicht, irgendwen reinzulegen. Ich sage ganz offen: „Hey, ich wurde damit beauftragt, diesen Termin umzubuchen“. Und bis jetzt hat sich noch niemand beschwert – noch nicht einmal gewundert. Tatsächlich scheint das für die Menschen normal, oder zumindest verständlich zu sein, dass jemand für Telefonate engagiert wird. Für mich ist das natürlich super. Sogar bei der Polizei hat sich niemand gewundert. 

 

Gibt es denn ein Telefonat, das du nicht übernehmen würdest?

Ich würde niemanden heimtückisch oder vorsätzlich verletzen wollen mit einem Telefonat. Der Ehemann, dem ich auf die Mailbox gesprochen habe, wird verletzt sein, aber nicht durch meine Worte. Eine Anfrage habe ich auch schon abgelehnt: Da wollte jemand, der in der Schulzeit von einer bestimmten Person gemobbt wurde, dass ich den anrufe und ihm die Hölle heiß mache. Aber ich hab abgelehnt, weil ich niemandem wehtun will. Bei einem harmlosen Prank-Call wäre ich aber dabei. 

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