Wie man mit Neid richtig umgeht

Beim Neiden kann es um einen plumpen Schwanzvergleich gehen, manchmal steckt aber auch mehr dahinter.
Illustration: Julia Schubert Foto: Unsplash/Charles Deluvio

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Ungerechtigkeiten wie diese können einen innerlich auffressen: Dein Teamkollege bekommt mehr Gehalt für den gleichen Job, deine Schwester ein Auto zum 18. Geburtstag – ganz anders als du damals. Und während deine Freundin ständig für ihren „wirklich tollen Sinn für Einrichtung“ gepriesen wird, hast du schon lange nichts Wertschätzendes mehr von deinem Freundeskreis gehört. Es brodelt in dir: Geht es denn wirklich jedem Menschen besser als dir? Warum hast du all das nicht – das Auto, das Geld, die Anerkennung?

Du bist, was jede*r schon mal war: neidisch. Dabei willst du das gar nicht sein. Denn Neid und Missgunst sind nicht nur unangenehme Gefühle – sie haben auch kein gutes Image. Wer immer nur neidisch und missgünstig ist, so fürchtest du, ist kein guter Mensch. Liegt es also wieder an dir? Musst du lernen, anderen mehr zu gönnen?

Wir brauchen Neid, um besser zu werden

Die Hamburger Psychologin Elke Overdick sieht das nicht unbedingt so. „Man sollte das Gefühl des Neides zunächst akzeptieren und sich nicht noch zusätzlich darüber ärgern, dass man neidet“, sagt sie. „Das verstärkt das negative Gefühl ja nur.“ Stattdessen könne man den Neid auch als Ansporn nutzen.

Denn Neid sei ja nicht grundsätzlich schlecht: Wer neidet, entwickelt Ehrgeiz. Wer sieht, dass jemand etwas kann oder hat, das man selbst auch erreichen will, der kämpft darum. Wir brauchen Neid also, um unsere Situation oder unsere Fähigkeiten zu verbessern. So profitieren wir letztlich von dem negativen Gefühl.

Manchmal allerdings bringt jeder Wille zur Selbstoptimierung nichts. Der Vorteil der anderen scheint unerreichbar. Der Reichtum einer Familie zum Beispiel oder die schnelle Auffassungsgabe einer Kollegin. Der Neid darüber bringt einen in vielen Fällen nicht weiter, sondern verhärtet sich zu Frustration. Spätestens jetzt will man als neidischer Mensch also etwas gegen dieses anstrengende Gefühl tun. Was hilft? Man muss bei der eigenen Einstellung anfangen.

Es hilft, sich eigene Vorteile bewusst zu machen

„Es hilft beispielsweise“, rät Overdick, „das eigene Blickfeld zu erweitern. Nicht immer nur auf diesen einen Vorteil zu gucken, den andere vielleicht haben. Sondern auch zu sehen, was die Person dafür leisten oder in Kauf nehmen musste. Und sich zudem bewusst zu machen, welche Vorteile man selbst genießt.“

Neid entstehe vor allem deshalb, weil Menschen noch immer die Idee von einer gerechten Welt haben. So erklärt das Overdick. „Die gibt es aber nicht, das Konzept ist utopisch“, sagt sie weiter. Auch, weil Gerechtigkeit von jedem anders definiert wird. „Während manche gerecht finden, nach Leistung bezahlt zu werden, finden andere gerechter, für eine lange Ausbildung oder Unternehmenszugehörigkeit belohnt zu werden. Arbeitgeber können es also kaum allen recht machen.“

Daher müsse man sich oft auch einfach mit Gegebenheiten abfinden und lernen, sich nicht auf die eigenen Nachteile zu versteifen. „Man sollte sich sowieso nicht ständig vergleichen. Aber wenn man es schon tut, dann bitte realistisch und hilfreich. Das heißt meistens, nicht nur nach oben zu gucken. Zu verstehen, dass man es selbst vielleicht auch gar nicht so schlecht hat.“

Man kann lernen, anderen Dinge zu gönnen

Anderen Dinge zu gönnen, ist also keine Kunst, sondern eine Fertigkeit, die man lernen kann. Aber dafür muss man offenbar erst mal mit sich selbst klarkommen. Akzeptieren, dass andere Leute gewisse Dinge vielleicht schneller oder besser können. Oder aber: dass sie einfach mehr Glück hatten.

Natürlich wird man ihn aber auch nie vollständig los: den Wunsch nach mehr. Es kann helfen, das einzufordern. Wer die Kollegin um Lob beneidet, kann beispielsweise aktiv selbst um Feedback bitten. Und dann hören, dass man eben auch gute Arbeit leistet. Oder aber aufdecken, warum die eigene Leistung nicht so wertgeschätzt wird wie die von anderen. Das tut unter Umständen weh – hilft aber letztlich vielleicht auch.

Natürlich, so sagt Overdick, könne man auch bei der Kollegin, die man beneidet, nachfragen. Das helfe oft, die Situation realistischer einzuschätzen: Wie kam sie an das Lob? Was unterscheidet beide? „Für wenig angebracht halte ich es allerdings, das Ganze als Vorwurf zu formulieren. Denn meist ist der Beneidete nicht die richtige Ansprechstelle. Eigentlich ist es Aufgabe desjenigen, der unterschiedliche Bedingungen schafft oder ungerecht verteilt, das zu erklären. In vielen Fällen also beispielsweise der Führungskraft.“

Bei struktureller Ungerechtigkeit wird der Neid zur Tugend

Im besten Fall kann so ein Feedback-Gespräch sicherlich helfen, sich ungleiche Behandlung zu erklären. Es kann anspornen oder beruhigen. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen es kaum nachvollziehbare Gründe für eine ungerechte Behandlung gibt. In denen Neid und Missgunst vielleicht die genau richtige Reaktion sind.

Oft werden Männer und Frauen für die gleiche Leistung in einem Unternehmen  unterschiedlich bezahlt. Oder Menschen mit nicht-deutschem Nachnamen bei der Wohnungssuche benachteiligt. Oder Schwarze häufiger von der Polizei angegriffen als weiße Menschen. Das ist dann nicht nur ein persönliches, sondern ein strukturelles Problem – das gelöst werden muss. In diesen Fällen erübrigt sich dann allerdings die Frage, wie man Neid bekämpfen kann. Denn dazu gibt es ihn ja: um Ungerechtigkeiten aufzudecken.

Dieser Text ist erstmals am 27. Januar 2019 erschienen und wurde am 14. Juli 2021 noch einmal als Best-of veröffentlicht.

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