Wie kann ich Neid bekämpfen?

Man kann lernen, anderen Erfolg zu gönnen. Aber wollen wir das überhaupt?
Von Lara Thiede

Beim Neiden kann es zwar auch um einen plumpen Schwanzvergleich gehen, manchmal steckt aber auch mehr dahinter.

Illustration: Julia Schubert Foto: Unsplash/Charles Deluvio

Situationen wie diese können einen auffressen: Der besserbezahlte Kollege sitzt neben dir und schaut die meiste Zeit seines Arbeitstages aus dem Fenster. Kommt dir zumindest so vor. Du währenddessen bist seit Wochen am Hecheln: Sämtliche Projekte wurden irgendwie bei dir abgeladen, keiner hilft, du schwitzt – und ärgerst dich am Ende des Monats auch noch über dein geringes Gehalt. Es brennt in dir. Du willst das nicht mehr. Und deinem Kollegen am liebsten den Kopf abreißen.

Du bist, was jeder schon mal war: neidisch. Dabei willst du das gar nicht sein. Denn Neid und Missgunst fühlen sich nicht nur scheiße an, diese Gefühle haben auch kein gutes Image. Wer immer nur neidisch und missgünstig ist, so fürchtest du, ist kein guter Mensch. Was also tun?

Neid bringt uns manchmal weiter, verstärkt oft aber nur unsere Frustration

Die Hamburger Psychologin Elke Overdick empfiehlt erst mal ganz grundsätzlich: „Man sollte das Gefühl des Neides zunächst akzeptieren und sich nicht noch zusätzlich darüber ärgern, dass man neidet. Das verstärkt das negative Gefühl ja nur.“ Stattdessen, so sagt sie, könne man den Neid auch als Ansporn nutzen.

Denn Neid ist ja nicht grundsätzlich schlecht, sondern hat sicherlich auch sein Gutes. Wer neidet, entwickelt Ehrgeiz. Wer sieht, dass jemand etwas kann oder hat, das man selbst auch erreichen will, der kämpft darum. So optimieren wir uns laut Overdick quasi selbst – und profitieren letztlich von dem negativen Gefühl. Das ging mir auch schon so: Wurden die Einser-Schüler in der Schule für ihre Leistungen besonders gelobt, wollte ich das auch haben. Ich fing also an, Hausaufgaben zu machen und zu lernen – und wurde selbst mit Einsen belohnt. Alles easy soweit.

Manchmal allerdings bringt jede Selbstoptimierung nichts. Der Vorteil eines anderen scheint unerreichbar. Der Neid darüber bringt einen nicht weiter, sondern verhärtet sich zu Frustration. Spätestens jetzt will man als Neider etwas dagegen tun. Nachdem die Situation sich allerdings offenbar nicht ändern lässt, muss man wohl bei der eigenen Einstellung anfangen.

Es hilft, sich eigene Vorteile bewusst zu machen

„Es hilft beispielsweise“, rät Overdick, „das eigene Blickfeld zu erweitern. Nicht immer nur auf diesen einen Vorteil zu gucken, den andere vielleicht haben. Sondern auch zu sehen, was die Person dafür leisten oder in Kauf nehmen musste. Und sich zudem bewusst machen, welche Vorteile man selbst genießt.“

Neid entsteht schließlich vor allem deshalb, weil Menschen noch immer die Idee von einer gerechten Welt haben. So erklärt das Overdick. „Die gibt es aber nicht, das Konzept ist utopisch“, sagt sie weiter. Auch, weil Gerechtigkeit von jedem anders definiert wird. „Während manche gerecht finden, nach Leistung bezahlt zu werden, finden andere gerechter, für eine lange Ausbildung oder Unternehmenszugehörigkeit belohnt zu werden. Arbeitgeber können es also kaum allen recht machen.“

Daher müsse man sich oft auch einfach mit Gegebenheiten abfinden und lernen, sich nicht auf die eigenen Nachteile zu versteifen. „Man sollte sich sowieso nicht ständig vergleichen. Aber wenn man es schon tut, dann bitte realistisch und hilfreich. Das heißt meistens, nicht nur nach oben zu gucken, sondern auch nach unten. Verstehen, dass man es selbst vielleicht auch gar nicht so schlecht hat.“

Man kann lernen, anderen Dinge zu gönnen

Anderen Dinge zu gönnen, die einem selbst nicht vergönnt sind, ist also keine Kunst, sondern eine Fertigkeit, die man lernen kann. Aber dafür muss man oft erstmal mit sich selbst klarkommen. Akzeptieren, dass andere Leute gewisse Dinge vielleicht schneller oder besser können. Oder aber: einfach besser ankommen beim Vorgesetzten, Lehrer, Professor.

Das kann funktionieren, indem man sich nicht über die eigene Benachteiligung definiert. Sondern seinen Selbstwert an anderem festmacht. Sich überlegt, worin man selbst eigentlich wirklich herausragend gut ist. Oder sich bewusst macht, dass es ja auch wichtigere Dinge im Leben gibt.

Natürlich wird man ihn aber auch nie vollständig los: Den Wunsch nach Bestätigung und Belohnung. Und wenn man die nicht von ganz alleine bekommt, muss man sich vielleicht auch mal trauen, sie einzufordern. Wer den Kollegen um Lob beneidet, kann beispielsweise aktiv selbst um Feedback bitten. Und dann hören, dass man eben auch gute Arbeit leistet. Oder aber aufdecken, warum die eigene Leistung nicht so wertgeschätzt wird wie die von anderen.

Bei struktureller Ungerechtigkeit wird der Neid zur Tugend

Natürlich, so sagt Overdick, kann man auch beim Kollegen, den man beneidet, nachfragen. Das hilft schließlich oft, die Situation realistischer einzuschätzen: Wie kam er an seinen Vorteil? Was unterscheidet uns? „Für wenig angebracht halte ich es allerdings, das Ganze als Vorwurf zu formulieren. Denn meist ist der Beneidete nicht die richtige Ansprechstelle. Eigentlich ist es Aufgabe desjenigen, der unterschiedliche Bedingungen schafft oder ungerecht verteilt, das zu erklären. In vielen Fällen also beispielsweise der Führungskraft.“

Im besten Fall kann so ein Feedback-Gespräch sicherlich helfen, sich ungleiche Behandlung zu erklären. Es kann anspornen oder beruhigen. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen es wenig bis nicht nachvollziehbare Gründe für eine ungerechte Behandlung gibt. In denen Neid und Missgunst vielleicht die genau richtige Reaktion sind.

Oft werden Männer und Frauen für die gleiche Leistung in einem Unternehmen zum Beispiel unterschiedlich bezahlt. Das ist dann nicht nur ein persönliches, sondern ein strukturelles Problem – das gelöst werden muss. In diesem Fall will ich dann auch gar nicht fragen, wie ich mehr gönnen kann. Denn in einem solchen Fall wird der Neid, den ich sonst loswerden will, zur Tugend.

Mehr Tipps, um das Leben einfacher oder besser zu machen:

  • teilen
  • schließen