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Nur weil das Handy abgesoffen ist, heißt das ja nicht gleich, dass es seiner Besitzerin genauso geht!

Foto: PolaRocket / photocase.de; Illustration: jetzt

In der Woche vor Weihnachten ging mein Handyakku leer. Es war sieben Uhr Abends, ich hatte zwei Freundinnen zum Kochen eingeladen und ließ das Smartphone in der Ecke liegen. Nicht am Ladekabel. Einfach so. Ich lud es auch nicht auf bis zum nächsten Morgen, denn ich hatte einen sehr lustigen, unterhaltsamen Abend und dachte mir nichts weiter dabei.

Weil ich nicht mehr ganz sicher war, wo ich mein Handy hingelegt hatte und ins Bett wollte, stellte ich mir den kleinen, analogen Wecker. Erst am nächsten Morgen steckte ich das Handy wieder an.

Dann las ich auf dem Weg zur Arbeit drei Nachrichten von Freunden, die mich fragten, ob bei mir alles in Ordnung sei (Wortlaut nahezu identisch: „Alles gut bei dir?“); außerdem mehrere Nachrichten von meiner Mutter, die sagte, es sei seltsam, da doch bei dem Messenger, den wir verwenden, immer das „Auge“ käme, wenn ich die Nachrichten gelesen hätte, diesmal kam aber nur der „Brief.“ Was das zu bedeuten habe? Und gerade, als ich die Worte „Stasi-Methoden“ tippte und meiner Mutter schicken wollte, fiel mir auf, dass sie gar keine Schuld traf.

Auch die Freunde, die sich nach meinem Wohlergehen erkundigt hatten, waren nicht aufdringlich oder verrückt geworden. Sie hatten mich lediglich dabei ertappt, wie ich entgegen meiner Gewohnheiten gehandelt hatte – und ihnen nicht noch am gleichen Abend, als sie mir geschrieben hatte, geantwortet oder mich zu ihren Fragen geäußert hatte. Und das hatte sie eben hellhörig werden lassen. Und mich erst.

Niemand zwingt mich, ständig mein Handy parat zu haben. Trotzdem tue ich es.

Denn ich antworte wirklich immer sofort, und zwar auf alles. Auf die Frage, wann ich Zeit zum Kaffee trinken habe, auf die Frage, welche Zahnbürstenfarbe ich gerne hätte, auf hirnrissige Unterhaltungen mit meinen besten Freunden, die eigentlich keine Unterhaltungen sind, sondern eine Aneinanderreihung unserer liebsten Serien-Zitate. Meine Reaktion kommt meistens sofort, und dabei geht es mir bewusst nicht um Arbeitsmails- oder Nachrichten, bei denen Zuverlässigkeit für mich selbstverständlich ist. Bei der Arbeit geht es immerhin um etwas. In meinen Privatunterhaltungen nicht, oder zumindest um weniger. Eine andersfarbige Zahnbürste wirkt sich jedenfalls nicht auf meinen Ruf als zuverlässige Kollegin aus.

Dass ich mein Smartphone, außer zum Schlafen, ausschalte, ist also wirklich selten. So selten, dass man meinen könnte, mir sei etwas passiert. Das liegt aber nicht an irgendjemandem, der mich zwingt, mein Handy ständig parat zu haben. Sondern an mir. Ich handle so fremdbestimmt, weil ich selbst es mir eingeredet habe. Millionen anderen Menschen geht es ähnlich, seit Jahren. Aber erst jetzt frage ich mich: Wie konnte es so weit kommen – dass so viele Menschen das Gefühl verinnerlicht haben, wenn sie sich nicht komplett an die Strukturen anpassten, die das digitale Zeitalter uns vorgibt, seien sie verloren – oder hätten zumindest Nachteile? 

Weil die technischen Möglichkeiten faszinierend sind, neigen wir zu „Völlerei“

Der Biopsychologe Professor Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin sagt, in der Welt, in der wir leben, sei unser Informationsaustausch in ein Missverhältnis zur Realität geraten. Weil die technischen Möglichkeiten unserer medialen Kommunikation eben sehr faszinierend seien, neigen wir zur Völlerei im Umgang mit Informationen. „Wir übersehen leicht, dass dieser informationelle Teil der Welt ungleich viel größer ist als unser tatsächlicher Handlungsspielraum. Ein Beispiel: Junge Menschen können heute, im Vergleich zu früher, in die ganze Welt verreisen. Sie können aber nicht überall gleichzeitig sein. Um nichts zu verpassen, können sie zwar fast zeitgleich mit der ganzen Welt kommunizieren – aber eben nur mit virtuellen Partnern.“

Doch was will man eigentlich damit erreichen, ständig erreichbar zu sein? Dass unsere Freunde uns als „zuverlässig“ wahrnehmen? Tun sie hoffentlich ohnehin; und meinen damit bestimmt nicht, wie schnell wir auf Nachrichten antworten, sondern eher, ob wir ihnen in schwierigen Situationen oder bei wichtigen Fragen zur Seite stehen. Dass wir verhindern, etwas „zu verpassen“? Nachrichten, Anrufe? Sind in den allermeisten Fällen nicht so dringend, dass sie nicht noch eine Nacht oder einen Tag warten können. Den Anschluss an Freunde und Familie? Wer tatsächlich Angst verspürt, den Bezug zu Freunden und Familie zu verlieren, weil er nicht immer sofort bei Whatsapp reagiert, dem rate ich, mal wieder einen Freund oder die Familie zu besuchen.

Wir kommen mit unseren uralten Verhaltensmustern nicht mehr hinterher

„Das Ganze ist ein Problem der Hygiene unserer Lebensführung“, sagt Walschburger, „In einer Welt, in der wir  immer schneller und eindrucksvoller mit vielerlei medialen Anregungen konfrontiert werden, wird es zunehmend wichtiger, selbstkontrolliert zu handeln, und nicht angeregt durch mediale Anreize. Ziel sollte sein, persönlich wichtige und seriöse Informationen von den unwichtigeren und unseriösen zu unterscheiden und einen gesunden Lebensrhythmus zwischen Aktivität und Ruhe zu finden.“ 

Dazu können wir uns laut Walschburger fragen: Wann bin ich erreichbar? Wann mache ich Pause? Wann gönne ich mir eine Auszeit? Zu welcher Zeit müsste ich einschlafen und wie lange ausschlafen, um ohne Wecker wach zu werden? Wie kann ich das alles mit meiner sozialen Umwelt in Einklang bringen?

Der Biopsychologe sagt aber auch, man dürfe den technischen Fortschritt nicht verteufeln. „Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums der letzten zehntausend Jahre haben wir eine beeindruckende kulturelle und zivilisatorische Umwelt geschaffen. Die hat sich aber immer mehr von unserer prähistorischen „natürlichen“ Umwelt entfernt, während wir selbst als Menschen uns sehr viel weniger verändert haben.“ Obwohl wir von Natur aus dazu ausgestattet seien, uns an veränderte Umwelten anzupassen, würden wir von unserer neuen digitalen Umwelt massiv getestet. Trotzdem können wir immer noch dazulernen, sagt Walschburger.

Stell dich daheim mal wieder lässig in eine Ecke

So etwa vor zehn Jahren war der Satz „Willst du was gelten, mach dich selten“ gerade ziemlich hip. Der funktionierte so: Zeig dich so spät wie möglich auf den coolsten Partys und chille dann unnahbar in irgendeiner Ecke, am besten mit einer Freundin, die genauso cool und unnahbar ist. Das war zwar durchaus manchmal so unspaßig, wie es sich anhört (denn man verbrachte überdurchschnittlich viel Zeit damit, in Ecken von Hauspartys so zu tun, als sei man cool). Aber es hat, zumindest manchmal, funktioniert.

Klar, der Spruch ist blöde Teenagerlogik. Und als zwischenmenschlicher Rat in echten, realen Beziehungen taugt er überhaupt nichts und ist sogar unreif und unproduktiv. Aber für den Umgang mit dem Smartphone oder dem Computer enthält der Satz einen wahren Kern; und der lautet nicht, „Mach dich interessanter, als du bist“ (ein besonders auf Instagram und Twitter vorherrschendes Mantra), sondern: „Mach dich nicht so verdammt durchschaubar.“ Stell dich daheim mal wieder in eine Ecke. Einfach so, mit dir allein. Und leg das Smartphone in eine andere.

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