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David-W- / photocase.de
  • Die Momente, in denen ich an meiner Intelligenz zweifle, kommen in unregelmäßigen Abständen und sind meist mit einer kindlichen Freude verbunden. Dieser Moment, wenn ich gerade mein Handy in die Hand genommen habe, um spontan eine Freundin anzurufen, und es in fast derselben Sekunde anfängt zu klingeln – weil sie mich anruft. Oder der Moment, wenn ich meiner Schwester eine Nachricht schicken will, weil mir ein Geschenk für unsere Mutter zu Weihnachten eingefallen ist, ich sehe, wie sie beginnt zu tippen und dann schreibt: „Was schenken wir der Mama zu Weihnachten?“ Oder der Moment, wenn ich wirklich, wirklich keine Lust auf ein Interview habe, weil ich krank bin oder nicht genügend Zeit zur Vorrecherche hatte, und mein Chef mir schreibt – „Das Interview hat noch Zeit bis nächste Woche“. Dann freue ich mich diebisch. Und denke auch immer ein ganz kleines bisschen, dass andere Menschen meine Gedanken lesen könnten.

Obwohl ich tief drinnen weiß, dass es nur ein Zufall ist, dass meine Schwester mir exakt in dieser Sekunde schreibt, dass eine Freundin im gleichen Moment an mich denkt wie ich an sie, dass mein Chef keine Ahnung davon hat, wie wenig Lust ich heute auf dieses Interview hatte – alles vergessen. Irgendeine höhere Macht hat dafür gesorgt, dass diese Dinge passieren. Und in meinem Gehirn blitzt das Wort „Gedankenübertragung“ auf wie eine Leuchtreklame. Manchmal spreche ich es auch aus, und muss mich dafür nicht mal rechtfertigen. Denn die meisten Menschen kennen diese Freude und teilen sie, und wenn ich zu ihnen sage: „Wow, das war jetzt aber Gedankenübertragung“, zweifelt niemand meine Intelligenz an oder denkt, ich sei auf einmal einer esoterischen Gruppierung beigetreten.

Fast jeder glaubt ein bisschen an Gedankenübertragung, einfach, weil es so schön wäre, wenn es sie gäbe. Sogar ich, die ich von Natur aus (und von Berufs wegen) eher skeptisch bin, mich für einen rationalen Menschen halte und nicht einmal während meiner Ghostbusters-Zeit an übernatürliche Kräfte geglaubt habe. Trotzdem halte ich bei solchen Erlebnissen immer an meinem kleinen Gedankenübertragungs-Wunder fest.

Der britische Statistiker David Hand hat ein Buch über genau diese unwahrscheinlichen Erlebnisse, wie er es nennt, geschrieben, „The Improbability Principle“, das „Unwahrscheinlichkeitsprinzip“ also. Er bestätigt mir das, was ich schon vermutet habe: dass der wundersame Wunsch nach Gedankenübertragung dämlich ist. Denn es handelt sich bei diesen Ereignissen um nichts anderes als den guten alten Zufall.

Und was ist mit den 999 anderen Telefonaten?

Verschroben sei der Gedanke deswegen trotzdem nicht, beruhigt mich Hand, eher menschlich. Er erklärt das anhand des Telefon-Beispiels: Wenn man gerade an einen Menschen denkt, mit dem man lange nicht mehr gesprochen hat und dieser Mensch einen dann in ebenjenem Moment anruft, sei eine ungläubige Freude ganz normal. „Überlegt man sich hingegen, dass es 7 Milliarden Menschen auf der Welt gibt, die ständig telefonieren, erscheint es einem plötzlich gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass sich zwei Menschen, die sich gut kennen, einander im gleichen Moment anrufen.“ Und weil ich noch nicht ganz überzeugt wirke, fügt Hand hinzu: „Und all die Momente, in denen Sie angerufen werden und nicht gerade an den Anrufer gedacht haben, fallen Ihnen dann einfach nicht auf. Oder?“ Das ist wahr. Die neunhundertneunundneunzig Mal, in denen meine Schwester mir schreibt und wir nicht den gleichen Gedanken haben, nehme ich nicht wahr. Erst beim tausendsten Mal, bei der Geschenk-Sache, passiert es – und dann bin ich natürlich hingerissen und glaube an ein übermächtiges Universums-Gedankenübertragungs-Monster.

Was ist aber, wenn man die Whatsapp- und Telefon-Zufälle Zufälle sein lässt? Was ist mit der Stewardess Violet Jessop, die drei Schiffbrüche in Folge überlebt hat? Oder mit Nick Champion, dem jungen Mann, der innerhalb eines Jahres Zeuge von zwei Massenschießereien in den USA wurde? War das etwa auch nur Zufall? Ist es nicht das Schicksal dieses Mannes, einen Haufen Massenschießereien mitzuerleben? Man könnte es fast meinen, wenn man wollte. David Hand erklärt auch diese Ereignisse mit Logik: Wenn man bedenkt, wie viele Massenschießereien es derzeit in den USA gebe, sei es nicht verwunderlich, dass manche Menschen mehr als eine Schießerei erleben. Das Gleiche gilt übrigens für die Schiffbrüche zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

Menschen denken gerne, ihnen sei etwas Außergewöhnliches passiert

Aber die Art, darüber nachzudenken, als sei es etwas Außergewöhnliches, sei nur menschlich – und gar nicht mal schlecht: „Wenn Menschen in einen Autounfall verwickelt werden, neigen sie dazu, zu sagen ‚Wow, ich hatte so ein Riesenglück.’ Aber man könnte das natürlich auch von der anderen Seite betrachten und sagen: ‚Die hatten aber ein Pech, dass sie überhaupt in einen Autounfall geraten sind.’ Und doch werden Menschen fast immer dazu tendieren zu sagen, sie hätten wahnsinnig Glück gehabt.“ Angesichts der vielen schlechten Laune da draußen tut es irgendwie gut zu wissen, dass der Mensch wirklich die Fähigkeit besitzt, nach einem beschissenen Erlebnis derart positiv zu denken.

„Natürlich wird man, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, sensibler für solche Zufälle und beginnt, mehr auf sie zu achten“, sagt Hand. Er erzählt von Menschen, die ihm Mails schreiben, weil ihnen immer mehr seltsame Zufälle passieren, so viele, dass sie sich wiederum denken, das könne doch kein Zufall sein – sondern irgendetwas Mystisches, Unerklärbares. „Aber gerade weil wir so viele Menschen auf der Welt sind, ist doch klar, dass einigen von ihnen etwas Außergewöhnliches passiert“, sagt David Hand.

Nur, weil ich weiß, wie etwas entsteht, macht es das doch nicht weniger wunderbar

Da hat er bestimmt Recht. Nur, wie soll ich jetzt mit diesem Wissen umgehen, solche Erlebnisse als Zufälle anzunehmen? Ist das nicht total frustrierend? Kann ich mich dann überhaupt noch darüber freuen, dass ich nach einem Autounfall gerade so mit dem Leben davongekommen bin oder, harmloser, dass mein Vater mich anruft, wenn ich gerade an ihn denke? Sage ich dann „Papa, ich wollte dich auch gerade anrufen, aber das ist nichts Besonderes, nur ein Beweis dafür, wie viel die Menschen auf der Welt telefonieren“? Oder klettere ich in Zukunft aus dem brennenden Auto, zucke mit den Schultern und sage: „Es passieren so viele Autounfälle auf der Welt, ist doch klar, dass ich jetzt auch einmal an einem beteiligt war?“

Eine Bekannte von mir fotografiert für Instagram (und für sich selbst) Dinge, die so aussehen, als hätten sie ein Gesicht. Seit sie damit begonnen hat, fallen ihr immer mehr Dinge auf, die aussehen, als hätten sie ein Gesicht, Heizungsrohre, Reste auf ihrem Teller, Briefkästen. Sie freut sich dann immer wie ein Kind, wenn sie ein neues „Gesicht“ sieht, dabei ist sie einer der gebildetsten und vernünftigsten Menschen, die ich kenne. Die kindliche Neugier und Freude, sagt Hand, sollte auch nicht verloren gehen, wenn man sich näher mit Zufällen auseinandersetzt. Auch, wenn man weiß, dass es Zufälle sind. „Ein Mensch, der einen Regenbogen sieht, und nicht weiß, wie er entsteht, wird sich genauso darüber freuen, wie ein Mensch, der weiß, wie der Regenbogen entsteht. Beide denken sich, ‚Wow, toll’. Nur weil ich weiß, wie etwas zustande kommt, macht es das doch nicht aus irgendeinem Grund weniger wunderbar.“