Wie geht guter Smalltalk?

Foto: Priscilla Du Preez / Unsplash

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Neulich im ICE von Düsseldorf nach München: Beim Einsteigen treffe ich Thomas, einen Klassenkameraden aus der Grundschule. Ein kurzes „Hallo, lange nicht gesehen, was machst du denn so?“, dann verstaue ich mein Gepäck und setze mich auf einen freien Platz. Und Thomas? Setzt sich daneben. Zwei Minuten später weiß ich, was ich bisher nur befürchtet habe: Auch Thomas fährt nach München. Knapp sechs Stunden Fahrt stehen uns bevor.  

Es gibt Situationen, denen man sich nicht entziehen kann: Die Zugfahrt ist eine von ihnen. Eine andere, ungleich kürzere: das Treffen im Aufzug. Dann sind Smalltalk-Skills gefragt – und das auch noch immer häufiger. Wir wechseln unsere Jobs, ziehen um und sind regelmäßig auf Reisen. Ständig lernt man neue Leute kennen, die unterhalten werden wollen.

Obwohl ein kurzes Gespräch über Belangloses eigentlich nicht so schwer klingt, gruselt es vielen bei dem Gedanken an Smalltalk. Zu oberflächlich, zu belanglos, zu uninteressant – und überhaupt: Muss ich mich mit dem wirklich unterhalten? 

Oberstes Gebot: Harmonie

Eine, die weiß, wie es geht, ist Katja Kessel. Die Germanistin hat in ihrer Dissertation „Die Kunst des Smalltalks“ verschiedene Ratgeber zum „kleinen Gespräch“ analysiert und ausgewertet. Sie bezeichnet Smalltalk als „soziales Lausen“, also die Pflege des Miteinanders. Oberstes Gebot: Harmonie. Das Gespräch soll unangestrengt dahinplätschern. „Das Wichtigste am Smalltalk ist Ausgewogenheit – in allen Belangen“, sagt Kessel. Es ist ein fortwährendes Ausloten. Man soll reden, ohne zu monologisieren, Interesse zeigen, ohne neugierig zu sein, Persönliches preisgeben, ohne selbstzentriert zu wirken, Optimismus zeigen, ohne euphorisch zu sein.   

Bei der Redezeit fängt es an. Wer schweigt, kann kein Gespräch initiieren, wer ununterbrochen von sich selbst redet, wirkt ich-bezogen. Es ist wichtig, dem Gespräch Futter und dem Gesprächspartner Anknüpfungspunkte zu geben. Wer zum Einstieg nur „Wie geht’s?“ fragt, bekommt kaum eine Antwort, die über „Ganz gut“ hinausgeht. Kessel sagt: „Man sollte möglichst etwas Persönliches preisgeben, um ins Gespräch zu kommen. Allerdings darf man nicht intim oder kontrovers werden.“ Soll heißen: Themen wie Politik, Religion, Geld, Krankheit, Tod oder Sexualität besser aussparen. Bloß keinen Konflikt riskieren. Als unverfänglicher Gesprächseinstieg bietet sich ein Bezug auf die aktuelle Situation an. 

Für mich im ICE heißt das: einfach loslegen. Ich könnte erzählen, warum ich nach München fahre (Freund*innen treffen), was mir als Ortsunkundigem an München gefällt (Isar und Biergärten) und was ich mit meinen Freund*innen vorhabe (Konzertbesuch). Dann kann Thomas problemlos anknüpfen. Kessel sagt: „Smalltalk muss nicht gehaltvoll sein, sondern den Gesprächspartner mit einem guten Gefühl zurücklassen.“  

Auf einer Privatfeier könnte man fragen, woher der andere die Gastgeberin kennt. Oder das geschmackvoll eingerichtete Haus loben. „Dann muss man schauen, ob der andere darauf anspringt und man Gemeinsamkeiten findet. Smalltalk ist ein assoziatives Gespräch“, sagt Kessel. Kennt mein Gegenüber die Gastgeberin vom Tennis, kann ich davon erzählen, dass ich selbst jahrelang im Verein gespielt habe. Der andere könnte mich wiederum zum Match auffordern.  

„Smalltalk ist nur auf Augenhöhe möglich“

Ungleich unangenehmer ist es natürlich, seinen Chef oder seine Chefin im Fahrstuhl zu treffen. Freundlich grüßen – und dann? „Bei einem Hierarchie-Gefälle sollte man vorsichtig sein. Smalltalk ist eigentlich nur auf Augenhöhe möglich“, sagt Kessel. Im Zweifel also dem Chef oder der Chefin die Initiative überlassen.

Im Idealfall entwickelt sich aus dem kleinen ein großes Gespräch. Das muss nicht von Düsseldorf bis München dauern. Ich darf Thomas auch sagen, dass ich mir vorgenommen habe, noch etwas zu arbeiten. Oder ein wenig zu lesen. Oder müde bin. Das ist dann nämlich nicht unhöflich, sondern nur ehrlich.  

Fünf Tipps für deinen nächsten Smalltalk 

  • Öffne dich, nur so können deine Gesprächspartner*innen Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte finden. Wer nichts in das Gespräch investiert, kann nicht erwarten, dass sein Gegenüber es tut. Als Faustregel gilt: nicht länger als 120 Sekunden am Stück reden.
  • Beziehe die aktuelle Situation ins Gespräch ein, sie verbindet dich und deine Gesprächspartner*innen. Wenn ihr bei Starkregen auf einem Grillfest seid, kann auch das Wetter ein Thema sein.
  • Vermeide Kontroverses und Intimes: Themen wie Religion, Politik oder Krankheit sind Tabu. Dein Gegenüber soll sich schließlich wohlfühlen.
  • Interessiere dich für dein Gegenüber: Nur wenn du nachfragst, wird der andere sich öffnen. Aber: nicht neugierig wirken.
  • In eine Gruppe hineinzukommen ist meist schwerer, als eine alleinstehende Person anzusprechen. Die hat im Zweifel das gleiche Problem wie du.

Hinweis: Dieser Text wurde 2014 schon einmal veröffentlicht und jetzt noch einmal aktualisiert. Denn Smalltalk ist für viele immer noch schwer. 

  • teilen
  • schließen