Wie geht man mit Hypochonder-Freunden um?

Ernst nehmen? Oder sagen, sie sollen sich zusammenreißen?
Von Christina Waechter
Illustration: Federico Delfrati

Franzi ist eine gute Freundin von mir – und eine großartige Freundin dazu: Sie kann gut zuhören, kennt viele dumme Witze und bringt mir immer Schokoladenkuchen mit, wenn ich Kummer habe. Mit ihr Zeit zu verbringen, ist großartig – solange ihr Körper mitmacht.

Doch sobald ihr Hals kratzt, der Fuß lahmt, oder das Herz schmerzt, wird es schwierig mit ihr. Denn Franzi weiß zu leiden. Sie leidet offensiv, sie kann über nichts anderes mehr sprechen und immer steht sie kurz vor der Einweisung ins Krankenhaus. Auch wenn sie nur eine ganz hundsordinäre Erkältung hat. Jedes Symptom, jeder Schmerz wird sofort gegoogelt und zwar so lange, bis ihr der Internet-Doktor die gewünschte Diagnose ausspuckt: den unmittelbar bevorstehenden Tod durch Siechtum. 

Als Freundin fällt es mir zunehmend schwer, da geduldig zu bleiben. Wenn sie wieder einmal eine harmlose Magenverstimmung als Zeichen für einen nahenden Magendurchbruch wertet, wenn jeder Kopfschmerz glasklares Anzeichen für einen Gehirntumor ist, muss ich mir mittlerweile sehr auf die Zunge beißen, um ihr nicht zu sagen, dass sie sich endlich zusammenreißen soll. Ehrlich gesagt, habe ich ihr schon öfter gesagt, dass es mir auf die Nerven geht, wenn sie so wehleidig ist, dass sie sich ein Beispiel nehmen soll an anderen Menschen (wie mir!), die sich mit Grippe zur Arbeit schleppen und bei Kopfschmerzen ohne viel Getue eine Tablette einwerfen. Und natürlich ist es unserer Freundschaft auch nicht zuträglich, dass jede zweite Verabredung ausfällt, weil es ihr zu schlecht geht. 

Weil ich nicht will, dass unsere Freundschaft an Franzis Hypochondrie und meiner Verständnislosigkeit kaputt geht, spreche ich mit Dr. Dunja Voos. Die ist Ärztin und Psychotherapeutin und betreibt einen Blog, auf dem sie medizinische Themen für Laien verständlich aufschreibt. Meine Strategie, Franzi zusammenzustauchen, hält sie nicht für besonders zielführend: „Einem Hypochonder zu sagen, er soll sich zusammenreißen, kann höchstens kurzfristig helfen. Aber sobald Ihre Freundin den Telefonhörer aufgelegt hat, wird sie wieder anfangen zu zweifeln.“ Dasselbe passiert Hypochondern auch bei Arztbesuchen. Auch wenn der Arzt ein bildschönes EKG vorlegt und versichert, dass der Patient kerngesund ist, beruhigt das die meisten Menschen mit dieser Störung nur kurz. Sobald sie vor die Tür der Praxis treten, fangen sie in der Regel an zu zweifeln – an der Diagnose, an der Fähigkeit des Arztes, an der Funktionsfähigkeit des Gerätes.

Denn Hypochondrie hat mit den Symptomen nichts zu tun, sondern hat ganz andere Ursprünge, sagt Dunja Voos: „Wir alle kennen solche Ängste – vor einer Grippe oder wenn wir Kopfweh haben. Krankhaft wird es erst dann, wenn wir merken, dass wir gar nicht mehr aufhören können, daran zu denken.“

Anders als der Durchschnittsmensch beschäftigen sich Hypochonder ständig mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren körperlichen Krankheiten zu leiden. Hypochondrie ist eine anerkannte und klassifizierte Erkrankung, die definiert wird als „eine beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden. Normale oder allgemeine Körperwahrnemungen und Symptome werden von dem betreffenden Patienten oft als abnorm und belastend interpretiert und die Aufmerksamkeit meist auf nur ein oder zwei Organe oder Organsysteme des Körpers fokussiert." Ungefähr sechs Prozent der Deutschen leiden an solchen schweren gesundheitsbezogenen Ängsten; Frauen etwas mehr als Männer und alte Menschen etwas mehr als junge.

Der Ursprung so einer Störung ist oft in der Entwicklungsgeschichte von Menschen zu suchen, erklärt mir Dunja Voos: „Typisch für so eine Erkrankung wäre zum Beispiel ein junger Mann mit einer Herz-Angst-Neurose, dessen Bruder an einem Herzinfarkt gestorben ist. Da kann sich die Angst so sehr verfestigen, dass er gar nicht mehr arbeitsfähig ist. Oft stecken dahinter Schuldgefühle, dass er selbst überlebt hat, der andere nicht.“

Manchmal manifestiert sich eine Hypochondrie aus einer Kindheit, in der sich das Körperbewusstsein nicht gesund entwickeln konnte. Wenn ein Kind traumatisiert wurde, wenn seine Körpergrenzen überschritten wurden, sei es durch sexuellen Missbrauch oder andere Formen der Grenzüberschreitung, kann sich das erlittene Trauma später in einer hypochondrischen Erkrankung zeigen.

Manchmal ist  diese geradezu krankhafte Angst aber auch Symbol für etwas anderes. Dunja Voos nennt als Beispiel Liebeskummer: „Es gibt auch Menschen, die sich vor lauter Liebeskummer so stark auf ihr Herz konzentrieren, dass in ihnen eine irrationale Angst vor einem Herzinfarkt entsteht.“  Wer wie Franzi eine übermäßige Angst vor Krankheiten und dem Tod hat, ist also kein Weichei, sondern hat womöglich ein Trauma erlebt.

Aber wie kann ich besser damit umgehen, wenn sie mal wieder nachts um halb drei Uhr anruft, weil sie Angst vor dem Sterben hat und ich sie kaum mehr ernst nehmen kann? Frau Voos hat durchaus Verständnis für meine Verständnislosigkeit: „Es ist schwer, mit Menschen mit hypochondrischen Tendenzen umzugehen. Da verdreht man schon mal am Telefon die Augen. Es ist auf jeden Fall immer gut, viel zu wissen. Wenn ich als Freundin die Hintergründe kenne, wie eine Hypochondrie entsteht, kann ich viel gelassener damit umgehen. Wichtig ist nur immer zu wissen, dass man selbst keine Therapeutin ist und auch zu signalisieren, wenn es einem zu viel wird.“ Voos rät, der Freundin oder dem Freund klar zu sagen, wenn man mit der Situation überfordert ist und denjenigen aufzufordern, sich bei einem Therapeuten professionelle Hilfe zu suchen. Andererseits sieht sie auch, dass man als Freundin einer Hypochonderin durchaus etwas gewinnt: das Gefühl, gebraucht zu werden, ein wichtiger Ratgeber zu sein.

Bei diesem letzten Satz fühle ich mich ein bisschen ertappt. Denn auch, wenn ich mich immer wieder über Franzis Hypochondrie lustig mache – es fühlt sich schon auch gut an, die Person zu sein, die sie nachts um halb drei Uhr anruft, wenn sie Angst hat. Und diejenige zu sein, die es immer wieder schafft, sie aus der Panik rauszukriegen. Jetzt, wo ich weiß, dass Franzi nicht an Wehleidigkeit leidet, sondern an einer ernstzunehmenden psychischen Störung, fällt es mir bestimmt auch leichter, meine Ungeduld in Zaum zu halten. Und ihr zu sagen, wann es mir zu viel wird und sie vielleicht lieber mit einem Therapeuten sprechen sollte. 

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