Ich habe eine Woche lang im generischen Femininum gesprochen

Die Reaktionen waren, nunja, geteilt.
Von Anna Sophia Merwald

Illustration: Julia Schubert

Jahrhundertelang sollten wir Frauen uns im generischen Maskulinum mitgemeint fühlen. Wenn von Chefärzten, Kunden oder Piloten die Rede war, waren auch wir selbstverständlich mit einbezogen – so die Theorie. Die Pluralform sei nicht auf ein bestimmtes Geschlecht festgelegt, soweit zumindest die Meinung der Kritiker des Genderns. Aber Sprache beeinflusst auch unsere Denkweise: Was da nicht vorkommt, ist in der Realität nicht wichtig – so fühlt es sich zumindest oft an. Nicht umsonst klagte im vergangenen Jahr eine Seniorin, weil sie von ihrer Bank in Formularen als „Kundin“ bezeichnet werden wollte. Der Bundesgerichtshof urteilte damals: kein Recht auf weibliche Ansprache, das generische Maskulinum sei eine „historisch gewachsene Übereinkunft“.  Männer können dementsprechend oft nicht nachvollziehen, was eigentlich das Problem von uns Frauen ist – wir wüssten ja, wie es gemeint sei. Und auch Frauen reden ganz oft automatisch von sich selbst im generischen Maskulinum. Aber wie wäre es, wenn ich den Spieß eine Woche mal umdrehen und nur im generischen Femininum sprechen würde? Fühlen die Männer sich da auch mitgemeint?

Ich werde also ab sofort von Chefinnen, Interviewpartnerinnen oder Freundinnen sprechen, auch wenn überall Männer gemeint sind. Am ersten Tag probiere ich das direkt bei meiner Mutter aus. Ich erzähle von meiner Chefin, dem Patrick. Schon etwas konstruiert, die ganze Situation, denke ich. Man muss dazu wissen, dass meine Mutter selbst Chefin ist. Ehe ich fertig bin, merke ich, wie sie mich vollkommen verdattert anschaut. „Bitte was, deine Chefin?“, fragt sie leicht belustigt. Man denke sich eine Betonung auf dem in. Ich erkläre meine Mission und sie fängt an zu lachen. Es ist ein anerkennendes Lachen, so scheint es mir. Für die Sekunde zumindest. Dann sagt sie: „Aber das ist ja Quatsch. Ich glaube, man löst das Problem nicht, indem man das gegeneinander aufwiegt. Man muss die männliche und die weibliche Form gleichzeitig verwenden, auch wenn es umständlich und langatmig ist. Diese Zeit können wir uns ja nehmen.“

Auch ich habe früher in der männlichen Form von mir gesprochen, das war für mich total normal

Diese Zeit können wir uns also nehmen. Ja. Aber so lange ich mich zurückerinnern kann, hat sich kaum jemand diese Zeit genommen. Dabei müsste das eigentlich schon im Kindergarten, in der Schule losgehen. Ich hatte Lehrerinnen, die sich selbst als „Lehrer“ bezeichnet und uns alle nur ihre „Schüler“ genannt haben. Dass wir Mädchen in der Klasse damals sogar in der Überzahl waren, schien in ihren Köpfen keine Rolle zu spielen. Auch ich habe früher in der männlichen Form von mir gesprochen, das war für mich total normal. Ich habe es ja nicht anders gekannt. Gleichzeitig wusste ich immer, dass auch Frauen Lehrerinnen werden können. In der Schule gab es dafür ja genügend Vorbilder. Aber was ist mit anderen Berufen? Was, wenn die wenigen Maurerinnen sich nun auch noch selbst als Maurer bezeichnen? Denkt dann niemand mehr an sie? Und wie sollen sich Kinder vorstellen können, dass es Chefärztinnen gibt oder Frauen, die Flugzeuge steuern, wenn sie unerwähnt bleiben?

Neuer Tag, neues Glück beim Gendern: Ich treffe mich mit einem Kumpel in einer Kneipe. Er, KFZ-Mechaniker, erzählt mir von seiner Sammelleidenschaft für alte Volvos, die inzwischen ganze vier Garagen bevölkern. Und ich irgendwann wieder von meiner männlichen Chefin. Er nippt an seinem Bier und scheint total unbeeindruckt. Damit habe ich nicht gerechnet und frage meinen Kumpel, ob ihm das generische Femininum nicht aufgefallen sei? Er druckst etwas herum und meint schließlich „Ich habe mir da nicht so viel Gedanken darum gemacht. Ich dachte, du hast dich versprochen oder...“ Ich hake nach: „Oder?“ „Oder dass er vielleicht schwul ist?“, sagt er und schaut mich unsicher an. Ich muss unwillkürlich anfangen zu lachen, löse mein Experiment auf und schlage ihm vor, er solle in seiner Werkstatt seine Kollegen mal Kolleginnen nennen. Selbst Mechanikerin genannt zu werden, würde ihm nichts ausmachen. Sagt er. Ein paar Tage später schreibt er mir, seine Kollegen hätten ähnlich reagiert wie er. Frauen gäbe es ohnehin kaum in der Ausbildung und in seiner Werkstatt gar keine, außer am Empfang. Meine Fragestellung spielt in seinem Umfeld einfach keine Rolle. Ist sie deshalb weniger wichtig? Nein, es bedeutet nur, dass zu wenige Frauen diesen Job machen. Spätestens dann würden nämlich auch seine Kollegen mit dem Problem konfrontiert werden.

Die Fronten zwischen Männern und Frauen sind offenbar verhärtet, aber jetzt bin ich im Flow. Ich will die Sprache weiblich machen!

Beim nächsten Mal versuche ich es mit einer anderen Geschichte. Auf der Suche nach Protagonisten für einen Artikel frage ich meine Kontakte durch. Einem Kumpel von mir, Kunststudent, schlage ich vor, er könnte auch seine Freundinnen fragen, ob die jemand passenden kennen. „Meine Freunde auch?“, entgegnet er. „Hätte ich von Freunden gesprochen, hättest du nicht gefragt, ob Freundinnen mitgemeint sind, oder?“, gebe ich zurück. „Raffiniert“, denke ich. „Raffiniert“, sagt er. Dann wirft er mir vor, ihm voreilig Sexismus unterstellt zu haben und mich daher selbst sexistisch geäußert zu haben. Mist, ich sitze in der Falle! Und er hört noch nicht auf: „Feminismus sollte den Egalitarismus anstreben. Wenn er das nicht tut, verkommt das Ganze zu einem stupiden Spiel um eigene Interessen. Die Schuldfrage lässt sich nicht so einfach auf mich abwälzen. Ich sehe es dennoch als Verantwortung, vorsichtig damit umzugehen, nur den Mund mache ich sicher nicht zu.“ Das ist natürlich total richtig so: Allein die weibliche Form zu benutzen, ist genauso sexistisch wie nur das generische Maskulinum. Trotzdem wurde dadurch jahrelang das männliche Geschlecht deutlich bevorzugt. Egal, worum es ging: Die Männer waren präsent und sind es immer noch, allein durch die Sprache. Haben wir Frauen nicht auch ein Recht auf einen Ausgleich? Immerhin: Mein Künstlerfreund hat meine Artikelanfrage doch noch an eine Freundin weitergeleitet. Und zwar tatsächlich an eine Frau.

Diese Auseinandersetzung hat mir wieder Antrieb gegeben: Die Fronten zwischen Männern und Frauen sind offenbar verhärtet, aber jetzt bin ich im Flow. Ich will die Sprache weiblich machen! Schon höre ich meinen inneren Motivationsguru mir unaufhörlich vorbeten: „Ich fühle mich stark, das generische Maskulinum habe ich fast vollends aus meinem Sprachgebrauch verbannt.“ Automatisch schließe ich die Augen, finde meine innere Mit...

Gut, wenn ich ganz ehrlich bin, ab und zu denke ich immer noch im generischen Maskulinum, spreche es aber nicht aus. Und dann plötzlich bei einer Diskussion über die FridaysforFuture-Bewegung rutscht es mir raus: Schüler. Und das obwohl gerade diese Klimastreiks von einer jungen Frau initiiert wurden. Ich spüre, wie sämtliche Gender-Götter (oder soll ich sie geschlechtsneutral Gottys nennen wie der Moderator Hermes Phettberg?) ihre Hände über meinem Kopf zusammenschlagen, als könnten sie dieses teuflische „Schüler“ so vertreiben. Ich erkläre mein Experiment für gescheitert: Ich habe es nicht mal selbst geschafft, es durchzuhalten.

Eine Freundin macht mir Mut. Sie erzählt von einem Soziologie-Professor, der in seinen Vorlesungen abwechselnd nur die weibliche beziehungsweise nur die männliche Form verwendet hat. Mal „Schüler“, dann wieder „Schülerinnen“ im Wechsel zu benutzen (oder vielleicht eine ganz neue Form à la Phettberg: Schülys), könnte ein gute Lösung sein. Nennt man beide Geschlechter in einem Zug, impliziert man unbeabsichtigt mit der Reihenfolge auch eine Rangfolge. Und welche Form ist überhaupt neutral? Warum ist „das Mädchen“ ein Neutrum, aber „der Junge“ nicht? Klar, „das Mädchen“ ist ein Diminutiv, genauso wie das Bübchen, aber wann habe ich dieses Wort zum letzten Mal benutzt? „Mädchen“ dagegen gehört zu unserem normalen Sprachgebrauch, dabei ist das nichts anderes als die verkleinerte Form einer Magd. So müssen sich sogar erwachsene Frauen manchmal bezeichnen lassen. Und es bleibt hoffnungslos, denn selbst die allgemeinste Beschreibung unserer Spezies ist formell gesehen maskulin: „der Mensch“.

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