Horror-Date: Schweigen im Park

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Dating-Situation: Erstes Date über OKCupid

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, Mitte Zwanzig

Vibe des Dates: der Inbegriff unangenehmer Stille

Horrorstufe: 5 von 10

Unsere Autorin ist 26 Jahre alt, lebt in Berlin und datete dort im Frühjahr 2021 Männer unter anderem über Dating-Apps. Eines der Dates wird ihr in negativer Erinnerung bleiben. Hier erzählt sie davon, anonym – um ihre Privatsphäre zu wahren.

„So hatte ich mir das Singleleben nicht vorgestellt: Anstatt frisch getrennt durch Bars und Clubs zu ziehen, verbrachte ich das Frühjahr 2021 aufgrund der Kontaktbeschränkungen größtenteils zu Hause. Weil ich trotz Pandemie aber nicht komplett auf Dating verzichten wollte, landete ich auf Empfehlung eines Freundes hin auf OKCupid, der wohl beliebtesten Kennenlern-App in der linksgrünen Studierendencommunity Berlins. Voller Optimismus verabredete ich mich dort zu einem Spaziergang mit Philipp. Online: sympathisch, offen, easy going. In der Realität: nichts davon.

Wir verabredeten uns für Samstagabend, 20 Uhr, in der Nähe des Berliner Parks Humboldthain. ‚Schreib mir, wenn du auf dem Weg bist, dann gehe ich los‘, schrieb er nachmittags. Das tat ich. Am Treffpunkt angekommen, hatte er auf meine Nachricht immer noch nicht reagiert. Ich wartete also. Als Philipp nach zehn Minuten nicht da war, rief ich ihn an – schließlich hatte ich einen Fahrtweg von mehr als einer halben Stunde auf mich genommen. ‚Wie, du bist da?‘, blaffte er mich am Telefon an, bevor er sich trotzdem auf den Weg machte. Rückblickend hätte ich mich zu dem Zeitpunkt schon verabschieden sollen. Aber hey, ich war frisch Single und wollte was erleben, da kann man Warnsignale schon mal übersehen.

Mit einer Verspätung von zwanzig Minuten kam Philipp an, blieb zwei Meter vor mir stehen und starrte mich wortlos mit aufgerissenen Augen an. ‚Philipp?‘, fragte ich vorsichtig. ‚Ja, hallo‘, sagte er, ohne sich von der Stelle zu rühren. Sonst sagte er nichts, die Situation fühlte sich plötzlich merkwürdig an. Um sie aufzulockern, schlug ich vor, beim Späti ein Bier zu holen und zur Aussichtsplattform des Parks zu gehen. Jegliche anschließende Kommunikation ging von mir aus, Philipp schien es die Sprache verschlagen zu haben. Während des Spaziergangs starrte er unentwegt auf seine Füße, stellte keine Fragen und antwortete auf meine nur einsilbig. Er benahm sich, als hätte ich ihn gezwungen, sich mit mir zu treffen. Allem Anschein nach fühlte er sich extrem unwohl.

‚Schwierig‘, dachte ich. ‚Warum ist er überhaupt gekommen?‘ Trotzdem wollte ich nicht direkt gehen, um nicht unhöflich zu sein. Ich versuchte also, etwas über ihn zu erfahren. Irgendwann fanden wir endlich eine Gemeinsamkeit: Wir beide waren vor ein paar Jahren zum Studium aus München nach Berlin gezogen. Endlich etwas, über das wir sprechen könnten, dachte ich. Doch was ich für ein geeignetes Smalltalk-Thema gehalten hatte, stellte sich schnell als der mögliche Grund für Philipps abweisendes Verhalten heraus.

Er schien zumindest schlechte Erfahrungen mit meiner Heimatstadt gemacht zu haben

Seine erste Reaktion war abschätzig, es hörte sich sehr von oben herab an, als er sagte: ‚Dass du aus München kommst, war mir direkt klar, als ich dich gerade am Telefon reden gehört habe.‘ Ich spreche keinen bayrischen Dialekt und habe mir den Großteil meines Münchner Vokabulars über die Jahre abgewöhnt – mal abgesehen davon, dass das kein Grund ist, unfreundlich zu werden, sollte das wirklich sein Problem gewesen sein. Er schien zumindest schlechte Erfahrungen mit der Stadt gemacht zu haben, denn alles, was er zu seiner Vergangenheit dort sagte, war: ‚Ich habe mit München nichts mehr zu tun.‘ Wenn es dort schlimm für ihn gewesen war, tut mir das zwar leid für ihn – meine Schuld war es trotzdem nicht.

Nach diesem gescheiterten Gespräch hatte ich keine Lust mehr, es zu versuchen. ‚Wenn er unangenehme Stille will, kann er sie haben‘, dachte ich und beschloss, mich nach dem Bier auf den Weg zu machen. Und so verbrachten wir einen stillen Spaziergang, der lediglich ab und zu von Hmmm-Lauten unterbrochen wurde, die Philipp immer wieder herauspresste, da die Stille anscheinend auch ihm unangenehm war.

Als wir, auf der Aussichtsplattform angekommen, den – immerhin sehr schönen – Sonnenuntergang ansahen, sagte er zu meiner Erleichterung: ‚Du, ich hatte einen langen Tag. Ich würde mich mal auf den Weg machen.‘ Nachdem wir uns verabschiedet hatten, telefonierte ich mit einer Freundin und versuchte, diese seltsame Begegnung einzuordnen. Von Philipp habe ich danach nichts mehr gehört. Bis heute frage ich mich, was an dem Abend los war. So ‚easy going‘, wie er sich auf OKCupid beschrieb, war er jedenfalls nicht.“

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