Horror-Date: Die Titanic-Panne

Illustration: jetzt

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Dating-Situation: Brunch mit der Familie

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, 18

Vibe des Dates: Einfach nur peinlich

Horrorstufe: 7 von 10

Während meine Freundinnen schon längst ihren ersten Freund hatten, war für mein 16-jähriges Ich einfach nie der Richtige dabei. Denn wenn ich mich schon für den Rest meines Teenager-Lebens auf jemanden einlasse (so romantisch habe ich mit 16 tatsächlich gedacht), dann doch wenigstens auf einen, der mit mir über das Leben philosophiert und super tiefgründige Gespräche führt. Über Parallelwelten, den Sinn und Unsinn der Menschheit und natürlich über Justin Bieber – meinen eigentlichen Traummann. Aber nach vielen fiesen Kommentaren meiner Freundinnen, wie „Du bist einfach zu verklemmt“ oder „Sei doch nicht so eine Nonne“, war ich dann plötzlich nicht mehr so wählerisch und bereit, für „den Einen“. 

Unser erstes Date und das erste meines Lebens

„Der Eine“ kam dann auch sehr schnell. Er hieß Lukas, war schon 18 und bei allen Mädchen in meinem Dorf ziemlich beliebt. Er war mir schon eine ganze Weile aufgefallen. Aber erst auf dem Sommerfest meiner besten Freundin habe ich dann endlich mit ihm geredet. Und was er so sagte, gefiel mir schon sehr. Er brachte alles mit: Er war ein Gentleman, genau wie Justin, machte mir immer die Tür auf und half mir den ganzen Abend über in meine Jacke. Außerdem hörte er auch Justins Musik – jedenfalls ab und zu. Und er hat mit mir philosophiert. Zwar über Elektroautos (er hat eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht), trotzdem war ich so beeindruckt, dass ich mich mit ihm alleine treffen wollte. Zum Glück fragte er mich am Ende der Feier noch nach meiner Nummer und am nächsten Tag verabredeten wir uns für den kommenden Samstag – unser erstes Date und das erste meines Lebens. 

Es war unglaublich warm, ich war also froh, als Lukas am Samstagmorgen vorschlug, mich um elf Uhr abzuholen, um an den See zu fahren. Als dann aber plötzlich meine Großeltern und meine älteren Geschwister bei mir zuhause auftauchten, überkam mich eine kurze Panik. Meine Mutter hatte vergessen, mir zu sagen, dass sie zum Brunchen kommen. Ich wollte doch nicht, dass meine Familie Lukas sieht! Dafür war es viel zu früh – wie peinlich! Also schrieb ich ihm, er solle mir doch bitte Bescheid sagen, wenn er da ist, dann würde ich rauskommen. Um die „Katastrophe“ abzuwenden. 

Meine Mutter deckte für ihn ein und bat ihn, zum Essen zu bleiben

Ich legte mein Handy weg und half meinem Vater in der Küche. Plötzlich klingelte es an der Tür. Meine Mutter machte auf und ich hörte Lukas Stimme. Mist! Meine Nachricht hatte er wohl nicht mehr gelesen. Mit einem fiesen Grinsen betrat meine Mutter das Esszimmer. „Guck mal, wen ich hier für dich habe, Johanna“, sagte sie. Mir stieg sofort die Röte ins Gesicht. „Nein, jetzt reiß dich zusammen und geh erwachsen mit der Situation um“, ermahnte ich mich selbst. Also begrüßte ich ihn und bot ihm sogar ein Glas Wasser an. Aber meine Mutter ging einen Schritt zu weit. Sie deckte für ihn ein und bat ihn, zum Essen zu bleiben. „Nein Mama, nein!“, schrie ich sie in Gedanken an. Aber weil er sofort mit „Ja gerne“ antwortete, widersprach ich nicht. 

Da saßen wir also, inmitten meiner Familie. An unserem ersten Date. Mit dem ersten Jungen, mit dem ich überhaupt ein Date hatte. Und natürlich quetschten meine Verwandten ihn aus. Was er beruflich macht, auf welche Schule er gegangen ist, was seine Hobbys sind und ob er Geschwister hat. Immer wieder flehte ich meine Familie an, Lukas nicht mit den ganzen Fragen zu nerven, aber sie hörten nicht auf. Sie müssten doch wissen, wer mein Freund ist. Mein Freund?! 

„Sie meinen bestimmt die Titanic“

Und weil es noch nicht unangenehm genug war, fing dann meine Familie an zu erzählen. Von mir, meinen Hobbys und meinen Geschwistern. „Eine von Johannas Schwestern fehlt heute“, erklärte meine Mutter. „Die ist gerade auf der italienischen Insel Giglio. Das ist die, vor der vor ein paar Jahren dieses große Kreuzfahrtschiff untergegangen ist. Na, wie heißt es denn nochmal?“ – „Sie meinen bestimmt die Titanic“, antwortete Lukas überzeugt. Stille. Das hatte er jetzt nicht gesagt. Ich starrte ihn nur ungläubig an. „Nein, sie meint die Costa Concordia“, antwortete ich. „Oh, die kenne ich nicht.“ 

Den ganzen Brunch über redeten wir nicht wirklich miteinander. Und auch das Date am See war dann ein Reinfall. Wir hatten irgendwie nichts gemeinsam und tiefgründige Gespräche konnte ich mit ihm auch nicht führen. Seine Titanic-Panne saß einfach zu tief. Er war wohl doch nicht „der Eine“. 

Heute weiß ich, dass das nicht an seiner Aussage lag. Ich hätte schon auf der Sommerfeier merken können, dass wir nicht zueinander passen. Aber ich wollte dazugehören. Zu den coolen Mädels, die locker sind und nicht so „verklemmt“ – ich habe mich also drängen lassen. Jetzt, sieben Jahre später, weiß ich, dass das nichts mit Verklemmtheit zu tun hatte und dass nach „dem Einen“ auch „der Nächste“ kommt. 

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