Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Wie du als Ersti jetzt neue Leute kennenlernst

Der Spieleabende auf Zoom und der Telegram-Gruppenchat mit allen Erstis können zwar nett sein, sind aber kein Ersatz für ein echtes Kennenlernen.
Illustration: FDE

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Wenn man sein erstes Semester beginnt, heißt es normalerweise: Schnitzeljagd und Kneipentour bei der Ersti-Woche, sich mit Kommiliton:innen in den Uni-Fluren verlaufen, in der Mensa zusammen Nudelberge verspeisen und sich verkatert mit der Lerngruppe in der Bib treffen. Mit Corona ist vieles davon flachgefallen. Der Spieleabende auf Zoom und der Telegram-Gruppenchat mit allen Erstis können zwar nett sein, sind aber kein Ersatz für ein echtes Kennenlernen. Und obwohl ein Großteil der Veranstaltungen nun wieder unter Hygienemaßnahmen in Präsenz stattfindet: Das heißt immer noch nicht, wie früher dicht an dicht in der Orientierungsveranstaltung zu sitzen, dabei flüsternd bei dem:der Nachbar:in nachzufragen, ob er oder sie auch nicht checkt, wie das mit dem Veranstaltungen belegen funktioniert und sich dann vornimmt, es bei einem Kaffee in der Kantine mal gemeinsam zu versuchen. Also: Wie findet man trotz Distanz- oder Hybridlehre neue Freund:innen an der Uni? 

Bei Online-Veranstaltungen ist es wichtig, sich genauer anzuschauen, wer noch so hinter den kleinen viereckigen Fenstern am Bildschirm mit euch zusammen studiert. Klar, in einem Zoom-Meeting mit 25 Teilnehmer:innen führt man kein Gespräch mit der Person im Kasten rechts nebenan. Aber vielleicht redet ihr im manchmal auch in Kleingruppen oder trefft euch mit weniger Leuten für ein Referat. Wenn ihr dann nur noch zu viert oder zu fünft im virtuellen Raum seid, kann man ja ruhig mal fragen, wer noch im ersten Semester ist, wie es den anderen mit der Online-Uni geht oder was sie so am Wochenende vorhaben. 

Wenn man dann jemanden nett findet, heißt es: zuschlagen und Kontaktdaten austauschen! So hat es zumindest bei Clara geklappt. Die 19-Jährige hat letztes Semester angefangen, Medizin zu studieren. Die Ersti-Woche war komplett online und ziemlich unpersönlich, auf die großen Treffen von 200 Erstis im Park hatte sie auch wegen des Corona-Risikos keine Lust. Trotzdem hat sie an der Uni zwei inzwischen ziemlich gute Freund:innen kennengelernt. „Wir haben in einem Kurs eine Übung zu dritt gemacht und schnell gemerkt: Wir passen gut zueinander. Dann haben wir eine Whatsapp-Gruppe erstellt und uns in echt getroffen.“ Das rät sie auch anderen: „Bei den Online-Treffen kann man ja schon merken, wer einem ähnlich ist oder mit wem man sich anfreunden könnte. Dann würde ich die Person einfach anschreiben und fragen, ob sie Lust hat, was zu machen.“ Oft gibt es Plattformen der Uni, wo die Uni-Mailadressen aller Kursteilnehmer:innen aufgelistet sind oder auch Chat-Gruppen mit Telefonnummer.  

Leute anquatschen, deren Miene man wegen ihrer Maske nicht deuten kann? Kein verlockendes Szenario

Bei Präsenzveranstaltungen sieht das ganze nochmal etwas anders aus. Über Sicherheitsabstand Leute anquatschen, deren Mienen man zusätzlich vielleicht sogar wegen ihrer Masken nicht deuten kann, ist kein verlockendes Szenario. Was aber trotz Corona bleibt, sind die Pausen vor und nach den Veranstaltungen. Einige Leute tummeln sich immer vor dem Gebäude. Kommt einfach ein bisschen früher oder trödelt beim Rausgehen, dann könnt Ihr Kommiliton:innen, die ihr aus dem Seminar oder der Vorlesung wiedererkennt, ganz einfach anquatschen à la „Ach, bist du nicht auch beim Schmidt im Seminar?“. Zugegeben: Wer raucht, ist hier im Vorteil, weil man sich dadurch ganz unverfänglich zu den anderen Raucher:innen stellen kann. Aber das ist natürlich keine Empfehlung – auch als Nichtraucher:in darf man sich (vielleicht mit der Einstiegsfrage von oben) dazugesellen und einfach fragen, ob jemand gleich noch Lust auf einen Kaffee oder ein Mittagessen in der Mensa hat. 

Auch außerhalb des eigenen Studiengangs gibt es trotz Corona viele Möglichkeiten, Leute kennenzulernen. „Die meisten haben abgespeichert, dass während der Pandemie nichts läuft. Aber da lohnt sich eine Recherche. Es gibt viele Angebote, zum Beispiel vom Studierendenwerk, wo es ganz bewusst ums Kennenlernen geht“, sagt Irina Theisen. Sie leitet die psychologisch-psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks Berlins. Fast alle Universitäten bieten Hochschulsport an. Außerdem gibt es oft die unterschiedlichsten Aktions-Gruppen wie Uni-Chor, den Fachschaftsrat, das Campusradio oder die Klima-Gruppe. Diese Gruppen sind oft auf neue Leute angewiesen, freuen sich daher über zukünftige Mitglieder und versuchen, diese auch schnell zu integrieren. 

Wichtig dabei: „Man sollte sich überlegen, wo man sich wohlfühlt, bei welchen Tätigkeiten man in seinem Element ist, damit man sich nicht verstellen muss. In einem Setting, in dem man sich fehl am Platz fühlt, ist es auch eher unwahrscheinlich ,seine Leute’ kennenzulernen“, rät Sophie Plessing, Sprecherin vom Studentenwerk München. Und: „In kleineren Gruppen hat man oft weniger Hemmungen und es kostet weniger Überwindung überhaupt hinzugehen“, so Psychologin Irina Theisen. Daher lohnt sich auch – ganz oldschool – ein Blick auf das Schwarze Brett der Bibliothek oder der Institute. Es kommt gar nicht so selten vor, dass Leute dort eine Band, eine Lese-oder Lerngruppe gründen wollen und Mitglieder suchen. Digital findet man solche Angebote oft auch auf den Social Media-Accounts der Fachschaften, die organisieren außerdem oft auch noch nach der Ersti-Woche im laufenden Semester Veranstaltungen wie Filmabende oder Tischtennisturniere – und die Leute dort kennt ihr dann höchstwahrscheinlich schon vom Sehen aus den Lehrveranstaltungen. 

Abgesehen davon kann man sich natürlich auch außerhalb der Uni umschauen. Die Klassiker: In eine WG oder ins Wohnheim ziehen, sich einen Nebenjob suchen, der in Präsenz stattfinden kann und bei dem auch andere junge Leute arbeiten oder: ab zum Sportverein. 

„Das wird Überwindung kosten, ich werde kurz davor überhaupt keine Lust haben, aber das tut mir gut“

Ansonsten heißt es: kreativ werden. So wie Vera. Sie ist 20 Jahre alt und studiert im ersten Semester soziale Arbeit: „Ich bin neu in die Stadt gezogen, hatte Bock Leute kennenzulernen und dachte, das kann man mit Dating-Apps ganz gut.“ Vera hat ein Profil mit witzigen Bildern erstellt und die Leute, die sie gematcht hat, direkt angeschrieben: „Ich hab dann gefragt: ,Hey, hast du heute Abend Lust mit mir und einer Freundin ein Bier zu trinken? Bring doch einen Freund mit!’“ So haben Vera und ihre Freundin zwei Jungs kennengelernt, mit denen sie jetzt gut befreundet sind. Denn tatsächlich gibt es viele Leute, die Freund:innen auf Dating-Apps suchen, meint Vera: „Beim Swipen sehe ich ganz viele, die schreiben in ihre Bio sowas wie ,Ich bin neu in Berlin und habe Lust Leute kennenzulernen’“. Manche Apps haben inzwischen sogar extra Funktionen, über die man ausschließlich nach Freund:innen suchen kann. 

Klar, es kostet ganz schön viel Mut, sich online zum Blind-Date mit potenziellen Freund:innen zu verabreden oder Leute aus dem Seminar einfach nach ihrer Nummer zu fragen. Aber: „Die meisten sagen nicht nein, denn die kennen auch noch keine Leute. Da muss man einfach ein bisschen mutig sein“, sagt Medizinstudentin Clara. Auch Sophie Plessing vom Studentenwerk München meint: „Man muss auf Menschen zugehen.“ Wer das am Anfang  noch nicht so gut schafft, muss sich aber nicht stressen. Neue Leute kennenzulernen fällt eben nicht jedem:r leicht. „Das kann ein anstrengender Prozess sein. Da ist Ausdauer gefragt. Rückschläge sind normal. Die gute Nachricht ist, dass man mit der Zeit immer besser wird!“, sagt Sophie Plessing. Irina Theisen rät außerdem: „Man sollte sich fest vornehmen, einmal die Woche zu einem Treffen zu gehen und sich sagen: Das wird Überwindung kosten, ich werde kurz davor überhaupt keine Lust haben, aber das tut mir gut.“ 

Am besten also, man nutzt gerade am Semesteranfang möglichst viele (analogen und digitalen) Chancen, um Leute kennenzulernen. Dabei darf man aber ruhig etwas wählerisch sein, was die Veranstaltungen angeht – Stichwort: eigenes Interesse und kleine Gruppen. Wenn man jemanden nett findet, sollte man einfach direkt die Kontaktdaten austauschen und sich in echt treffen. Auch außerhalb der Uni oder beim Online-Dating. Und auch wenn das manchmal schwerfällt, sollte man sich bewusst machen: Alle Erstis wollen neue Freundschaften schließen und sind dankbar für jeden vorsichtigen Annäherungsversuch, den sie nicht selbst starten müssen.

  • teilen
  • schließen