Wenn das Date eigentlich eine Therapie bräuchte

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Dating-Situation: Falafel essen wird zur Therapiestunde

Geschlecht, Alter und Vibe des Dates: männlich, Mitte-Ende 20, brauchte dringend jemanden zum Reden

Horrorstufe: 7 von 10

John war eines meiner ersten Tinder-Dates. Wir schrieben eine ganze Weile hin und her, er war unterhaltsam und sympathisch. Ausnahmsweise mal ein Mann, der nicht sofort sämtliche Grenzen überschritt. Als das Wetter langsam angenehmer wurde, verabredeten wir uns erst einmal auf ein Date im Freien. Ich, die frisch aus einer langen Beziehung kam, traute mir noch nichts Privates zu und in diesem Fall lag mein Bauchgefühl definitiv richtig. Der Treffpunkt war ein Platz in der Nähe einer dieser typischen Straßen voller Restaurants und Cafés, sein Vorschlag und ein weiteres gutes Zeichen. 

Als weiblich gelesene Person lege ich viel Wert darauf, auf Social Media so wenig wie möglich zu täuschen, tausche meine Bilder auf Tinder regelmäßig aus und versuche, alles in meinem Profil aktuell zu halten. John tat das nicht.

Als ich am ausgemachten Treffpunkt ankam, saß er bereits auf einer Parkbank und: Sah nicht so aus wie auf seinen Bildern. Es war zwar eindeutig dieselbe Person, jedoch hatte sich in der Zeit zwischen Aufnahme des Bildes und unserem Treffen wohl einiges getan. Natürlich wollte ich mir meine Enttäuschung nicht sofort anmerken lassen, einige Menschen machen eben nicht regelmäßig Fotos, und wir hatten gerade einen weiteren Lockdown hinter uns.

Doch nach einer kurzen Begrüßung und etwas Smalltalk merkte ich sofort: „Das wird nichts.“ Und wie vom Himmel geschickt, bekam ich einen Anruf meiner Mitbewohnerin, die ihren Haustürschlüssel vergessen hatte und zuhause vor der verschlossenen Tür stand. Bingo!   

Ich erklärte meinem Date die Situation, aber er war ganz gelassen: „Dann kann sie den Schlüssel doch abholen kommen?“ Zaghaft schrieb ich ihr eine Nachricht, sie hatte sich tatsächlich schon auf den Weg gemacht. Ich schickte noch schnell ein: „SOS, es ist seltsame Stimmung, bitte mach eine Szene oder so, damit ich gehen kann.“ Und schickte ein stummes Gebet hinterher, dass sie es rechtzeitig lesen würde. 

Natürlich hatte ich Pech. Meine Mitbewohnerin ist eine der letzten drei Personen unter 25, die nicht regelmäßig auf ihr Smartphone schaut. Sie nahm mir schnell den Schlüssel aus der Hand und verschwand mit einem: „Viel Spaß noch.“

Er war misogyn, unzufrieden und nicht an meinem Leben interessiert

Wir holten uns also Falafel, wenigstens bezahlte er widerwillig, und setzten uns auf eine Bank. Leckeres Essen, oberflächliche Gespräche, so schlimm war es bis dato nicht. John sprach sehr gerne über sich selbst, sehr, sehr gerne sogar. Ich verbrachte die erste halbe Stunde hauptsächlich mit Zuhören und dem ein oder anderen „Ahh, ach wirklich, wow“. Er war viel herumgekommen, hatte im Ausland gearbeitet und wäre (natürlich) fast Fußballprofi geworden. Langsam bekam ich das Gefühl, er brauchte einfach mal wieder jemanden, der ihm zuhört, also gab ich ihm den Raum und warf sogar die ein oder andere Frage ein. Bis ich fragte: „Hast du eigentlich Geschwister?“ – eine eigentlich unschuldige und typische Frage für ein erstes Date, aber für John wohl ein echter Trigger.

Jetzt kam er richtig in Fahrt. Er lästerte über seine Schwester, die immer das „schwarze Schaf“ der Familie gewesen sei und trotzdem von allen bevorzugt werde. Er hatte studiert, den Sport betrieben, den sein Vater liebte, und wolle es immer allen recht machen. Trotzdem sei er nicht so erfolgreich wie seine Schwester. Diese hatte wohl durch eine Reihe glücklicher Zufälle, so sah er das zumindest, einen Traumjob bei einem Modelabel erhalten und lebte nun in New York. Anstatt sich für seine Schwester zu freuen, gab er jedoch so ziemlich jedes sexistische Klischee zu „nichts taugenden Partymäusen“ von sich. Ich merkte: Er war misogyn, unzufrieden mit sich selbst und nicht wirklich an meinem Leben interessiert – mit ihm wollte ich keine Zeit verschwenden.

Statt einem ersten Date, brauchte er wohl eher einen Satz Therapiestunden, bei denen er ausgiebig darüber sprechen konnte, wie toll er ist – und warum trotzdem alle seine Schwester cooler finden. 

In diesem Moment hatte ich Glück: Meine Mitbewohnerin antwortete ENDLICH auf meine Nachricht. Ich ergriff die Chance und tippte ein kurzes: „Hol mich hier raus.“ Wenige Minuten später klingelte mein Handy und sie rief etwas von „Wollte Topf vom Schrank holen … verletzt … Hilfe!“

Mit einer, hoffentlich, oskarreifen Leistung verabschiedete ich mich von John, der immer noch in einer Geschichte über eines seiner glorreichen Fußballspiele vertieft war, und machte mich auf den Weg nach Hause. 

Immerhin wünschte er meiner Mitbewohnerin über Whatsapp noch eine gute Besserung. Leider vergaß ich komplett, ihm darauf zu antworten.

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