Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Möchtegern-Rapper

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horrortrip. Diesmal: „Du hast schönes, glattes Haar, wunderbar.“
Von Erik Brandt-Höge

Illustration: jetzt

Die Strecke: von Hamburg nach Berlin

Der Fahrer: Timo*, Student und Nachwuchs-Rapper

Horrorstufe: 6 von 10

„Soll ich mal Musik anmachen?“ Timos Frage zu Beginn unserer Fahrt hätte ich auf keinen Fall mit „Ja“ beantworten sollen. Wirklich: auf keinen Fall. Denn, erstens, bedeutete Timos „mal“ eigentlich „die gesamte Fahrt von Hamburg nach Berlin“. Und zweitens meinte er mit „Musik“ seine eigene. Aber weil es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Grund für irgendeine Art von Unfreundlichkeit gegenüber Timo gegeben hatte, sagte ich, was ich eben nicht hätte sagen sollen, nämlich: „Ja, klar!“ 

Ich wollte nach einem Familienbesuch zurück nach Berlin, wo ich studierte und Timo auch, wie er erzählte. Er war in Hamburg bei einem Kumpel gewesen, um „ein bisschen was aufzunehmen“.  Und dann hörte ich das „bisschen“, was Timo aufgenommen hatte. „Ist noch nicht ganz fertig, ist nur ein Demo-Tape, aber schon ganz geil, oder?“ 

„Mit dir ist die Zeit so geil, komm, wir gehen zusammen steil“

Aus den Boxen von Timos außen knallrotem, innen geradezu steril aufgeräumtem und geputztem Kleinwagen, bollerte Rap-Musik. Genauer: schlechte Rap-Musik. Richtig schlechte. Beschissene. Über Beats und Bässe lässt sich streiten, über Autotune auch, aber die Qualität von Lyrics ist schon leicht zu bewerten. „Ist für meine Freundin“, sagte Timo, „aber das kann jede Frau gut finden.“ Der Text handelte in der Tat von einer Frau. Ich erinnere mich, Gott sei Dank, nicht mehr an sehr viel davon, aber ein paar Sätze kriege ich noch so ungefähr zusammen: „Du hast schönes, glattes Haar, wunderbar, lässt es fliegen, lass uns bald zusammen in der Sonne liegen.“ Und: „Mit dir ist die Zeit so geil, komm, wir gehen zusammen steil.“ Auch: „Ich geh für dich durch die Wüste, denk dabei nur an deine heißen ‚PIEP‘.“ Der Piepton war wirklich eingebaut.

„Und? Ziemlich gut, oder?“, sagte Timo. Und jetzt fiel mir die Antwort schon schwerer. „Hmm, joa, naja“, stammelte ich. „Was heißt ‚naja‘?“ Ich wich aus: „Ich bin mehr so der Rock-Fan.“ „Aber du hast doch eine Meinung!“ „Ich bin … unentschlossen.“ „Ok, ich mach noch was an. Deswegen nehme ich ja die Leute mit, ich brauch Feedback.“ 

Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, fuhr Timo schon fort: „Hier, hör mal auch das!“ Er schaltete einen Song weiter. Der handelte nicht von seiner Freundin, sondern von Timo selbst und davon, wie extrem gut er rappen könne und wie extrem schlecht es jemand anderes täte. Typisches Battle-Rap-Phänomen, klar, aber eben auch schon wieder richtig mieser Rap. In etwa so: „Halt den Mund, Junge, daraus kommt nur Schund, Junge.“ Und: „Ich mach Shows, du scheißt dir in die Hos'.“ „Ist nicht so meins“, blieb ich noch zurückhaltend in meinem Feedback. Und Timo: „Willst du’s trotzdem haben?“ „Was meinst du?“ „Na, das Demo! Kannst du haben!“ „Danke, ich glaube, das ist nichts für mich.“ „Da sind noch drei andere Dinger drauf, kostet nur fünf Euro, die CD. Haben wir in Hamburg hundert Stück von gebrannt.“ „Danke.“ „Alter, das kriegst du nie wieder so billig, das kommt bald raus, und dann ärgerst du dich. Ich mach mal die anderen Tracks an.“ 

Ich hatte mit einem Mix aus Fremdscham und Ärger zu kämpfen

Es folgten: ein weiterer Battle-Rap und noch eine eklige Nummer für Timos Freundin. Und eine ebenso eklige für „alle Frauen auf der Welt“ (so hieß der Track auch, wie mir Timo verriet), allerhand Pieptöne inklusive. Timo bemühte sich, mir fünf Euro abzunehmen, immer wieder, und ich hatte mit einem Mix aus Fremdscham und Ärger zu kämpfen. Dreimal hörten wir das Demo-Tape durch. Dann noch ein Tape, ein älteres, wie Timo erklärte, da wäre er „noch ganz am Anfang gewesen“, deshalb würde das auch nur drei Euro kosten – „und das, obwohl sieben Tracks drauf sind!“ Ich zahlte keinen Cent. Und tat irgendwann so, als würde ich schlafen.

Der abgemachte Mitfahrpreis lag bei 15 Euro. In Berlin angekommen, meinte Timo: „So, 20 sind das dann.“ Dabei grinste er und hielt mir eine CD im Pappschuber entgegen. Ich sah ihn fragend an. Dann die erlösenden Worte von ihm: „Ok, ok, hör halt deinen Rock!“

*Name geändert

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