2200 Euro brutto für den Altphilologen

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So bin ich Altphilologe geworden

Für die römische Kultur habe ich mich tatsächlich schon in der Grundschule interessiert. Mein erstes Referat habe ich damals über das Römische Reich gehalten. Am Gymnasium habe ich dann Latein als erste Fremdsprache gewählt – mit Blick auf weitere romanische Fremdsprachen erschien mir das eine gute Basis zu sein. Das Fach hat mir dann so gut gefallen, dass ich später sogar Abitur in Latein gemacht habe. Nach der Schule habe ich dann Latein und Mathe auf Gymnasiallehramt studiert. Als mir an der Uni nahegelegt wurde, über eine Promotion nachzudenken, war natürlich mein Ehrgeiz geweckt. Ich entschied mich, vorerst nicht an die Schule zu gehen, sondern in der Wissenschaft zu bleiben.

Das macht man als Altphilologe

Das kommt darauf an, in welchem Bereich man tätig ist. Ganz allgemein gesagt beschäftigen wir uns mit dem Verständnis von Texten der Antike, ihrer Wirkung und  ihrer Rezeption. Wenn man wie ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an einer Uni angestellt ist, wird man für verschiedene Aufgaben eingesetzt: Neben der Arbeit am eigenen Dissertationsprojekt ist man normalerweise auch in der akademischen Lehre tätig. Außerdem unterstützt man die Arbeit der Professur oder des Lehrstuhls, beispielsweise durch Rechercheaufträge, Projektvorbereitungen oder die Organisation von Exkursionen, Tutorien und Tagungen.

So sieht der Arbeitsalltag aus

Ich gebe etwa zwei bis drei Lehrveranstaltungen die Woche, dazu gehört natürlich auch die Vor- und Nachbereitung der Sitzungen, Sprechstunden sowie phasenweise die Klausurvorbereitung und -korrektur. Daneben müssen immer auch organisatorische Aufgaben erledigt werden. Die übrige Zeit nutze ich, um an meiner Dissertation zu schreiben. Mein Arbeitsalltag ist insgesamt also relativ vielfältig, bietet aber auch viel Freiraum für eigene Kreativität: Im Rahmen der Doktorarbeit beschäftige ich mich zum Beispiel viel mit der Interpretation lateinischer Texte. Da muss man auch mal bereit sein, neue und ungewöhnliche Wege zu gehen, wenn man etwas Innovatives zur bestehenden Forschung beitragen möchte.

Vorstellung vs. Realität

Wenn man an Altphilolog:innen denkt, hat man vermutlich schnell ein Bild von weltfremden, verschrobenen Wissenschaftler:innen im Kopf, die über verstaubten Büchern brüten, in ihrer Freizeit Latein sprechen und jeglichen Bezug zur Realität verloren haben. Das ist natürlich nicht so. Vor allem, dass unsere Forschung nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hätte, ist ein Vorurteil, das absolut nicht der Wahrheit entspricht. Wenn man sich mehr mit der Materie auseinandersetzt, stellt man schnell fest, dass es durchaus aktuelle Bezüge auf den unterschiedlichsten Ebenen gibt.

Eine antike Schmähschrift ist einem modernen Disstrack unter bestimmten Gesichtspunkten beispielsweise gar nicht so unähnlich. Die Wurzeln unserer heutigen Kultur lassen sich oft bis in die römische Antike zurückverfolgen und sind demnach eng mit dem Lateinischen verbunden. Außerdem behandeln viele Autor:innen zeitlose Themen wie Liebe, Krieg, Schmerz und Trost, die den Menschen ja bis heute beschäftigen. Umgekehrt lassen sich aber auch vergleichsweise junge Theorien wie beispielsweise die Gender Studies auf antike Texte anwenden, was wiederum neue Facetten zum Vorschein bringt.

Was der Job mit dem Privatleben macht

Meine Lateinkenntnisse helfen mir sehr im Umgang mit anderen romanischen Sprachen: Obwohl ich nur Grundkenntnisse in Spanisch, Französisch und Italienisch habe, kann ich auch anspruchsvollere Texte oder langsam Gesprochenes ganz gut verstehen. Durch die Arbeit in der Wissenschaft kommt man außerdem viel herum und lernt interessante Menschen kennen: Man reist auf Tagungen und Workshops und baut sich so ein breites Netzwerk auf, auch über Fachgrenzen hinweg. Von diesem Austausch profitiert man nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ein Nachteil einer wissenschaftlichen Karriere ist, dass man recht flexibel sein muss, was die Arbeitsstelle und damit gegebenenfalls auch den Wohnort betrifft. Da braucht man natürlich auch im Privatleben eine gewisse Spontaneität. Als die Stelle an meiner Heimatuniversität ausgelaufen ist, musste ich für eine neue Stelle zum Beispiel kurzfristig nach Nordrhein-Westfalen umziehen, obwohl ich in Bayern sehr verwurzelt bin. Den Kontakt zu Familie und Freund:innen zu halten oder meine Vereinsarbeit weiterzuführen, ist zwar nicht unmöglich, aber erfordert auf jeden Fall mehr Planung.

Das verdient man als Altphilologe

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich im öffentlichen Dienst beschäftigt. Momentan arbeite ich in Teilzeit, weil das vonseiten der Uni so vorgegeben war und ich die Stelle vertretungsweise übernommen habe. Im Monat verdiene ich 2200 Euro brutto und 1525 Euro netto. Das kann aber nach Faktoren wie Beschäftigungszeit und Bildungsabschluss variieren. Bei meinem derzeitigen Lebensstandard komm ich mit meinem Gehalt ganz gut aus.

Diese Eigenschaften sollte man mitbringen

Man muss natürlich eine gewisse sprachliche und literarische Kompetenz mitbringen sowie eine hohe Einsatzbereitschaft in Forschung und Lehre. Beim Schreiben einer Doktorarbeit sind Kreativität und Durchhaltevermögen gefragt. Die Arbeit in der Wissenschaft erfordert allgemein ein hohes Maß an Spontaneität und Flexibilität, da die Stellen oft rar gesät und befristet sind. Wer eine akademische Laufbahn anstrebt, braucht außerdem einen gesunden Ehrgeiz.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Manche Leute gehen automatisch davon aus, dass ich als Altphilologe fließend Latein spreche. Das stimmt nicht. Wir arbeiten ja hauptsächlich am geschriebenen Text. Und Latein ist eben auch keine Sprache, die noch aktiv gesprochen wird. Deshalb ist es auch so schwer, heute noch Lateinsprechen zu lernen. Trotzdem werde ich auf Partys oft gefragt, ob ich nicht mal was auf Lateinisch sagen kann. Mit irgendeinem lateinischen Sinnspruch kann ich meine Gesprächspartner:innen dann meistens zufriedenstellen. Einer meiner Favoriten steht bei Cicero und lautet: Iucundi acti labores. Arbeiten sind angenehm, wenn sie getan sind.

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