Bis zu 3000 Euro brutto für den Hörspielproduzenten

Leon Stiehl hat ein eigenes Hörspiel- und Hörbuchlabel gegründet.
Foto: Fabian Raabe, Illustration: jetzt

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Was ein Hörspielproduzent macht

„Meine Aufgabe ist es, alle Einzelteile, die für die Produktion eines Hörbuchs oder Hörspiels nötig sind, zusammenzubringen. Dazu gehört zuallererst, einen Text zu finden, der vertont werden soll. Das sind in meinem Fall entweder eigene Texte oder Auftragsarbeiten, zum Beispiel Romantexte von Autoren und Autorinnen. Wenn es um die Produktion eines Hörspiels geht, in dem es mehrere Figuren gibt, muss ich mich darum kümmern, dass der Fließtext in ein Hörspielskript umgewandelt wird. Für die einzelnen Figuren buche ich dann Sprecher und Sprecherinnen, organisiere die Aufnahme und führe Regie. Außerdem koordiniere ich die Zusammenarbeit mit Grafikern, Musik- und Sounddesignern und sorge dafür, dass sich jemand um den Schnitt kümmert.

Zu meinem Job gehören auch solche Dinge wie Community Management, Social-Media-Analysen oder die Finanzverwaltung. Vieles davon sind nicht die typischen Aufgaben eines Hörspielproduzenten, aber da ich ein eigenes unabhängiges Hörbuch- und Hörspiellabel gegründet habe, gehen einzelne Jobs oft ineinander über. Ich habe zwar ein Team, mit dem ich immer wieder zusammenarbeite, aber ich bin der Einzige, der diese Arbeit hauptberuflich macht. 

Der Arbeitsalltag

Zum Großteil arbeite ich von zu Hause aus, wo ich mir mit einer Kollegin ein kleines Studio aufgebaut habe. Einen typischen Arbeitsalltag habe ich nicht, weil vieles Projektbezogen abläuft. Morgens kümmere ich mich aber meistens erst einmal um organisatorische Sachen wie das Beantworten von Mails oder Kommentaren auf unseren Social-Media-Plattformen. Gegen Vormittag bespreche ich mich dann mit meinem Praktikanten, den ich vor Kurzem eingestellt habe. Er unterstützt mich vor allem beim Schnitt und beim Versenden von Merchandise-Artikeln oder Goodies wie CDs oder bedruckten Tassen an unsere Hörer und Hörerinnen. Wenn gerade Aufnahmen für ein Hörspiel anstehen, kommen die verschiedenen Sprecher und Sprecherinnen in mein Studio und wir gehen in die Rollenarbeit. Das bedeutet, dass wir gemeinsam überlegen, wie man die jeweilige Figur stimmlich und charakterlich am besten umsetzen kann.

Eigene Texte spreche ich auch selbst ein. Das ist zum Beispiel bei einem unserer aktuell größten Projekte der Fall – eine Fan-Fiction-Hörbuchserie zu Harry Potter, die ich gemeinsam mit meiner Kollegin Lena Schmidtke produziere und die wir auf unserem YouTube-Account MooEntertainment veröffentlichen. Wenn ich mit der Textarbeit beschäftigt bin, sitze ich nicht – wie man sich das klassischerweise vorstellt – am Schreibtisch, sondern gehe das Ganze etwas unkonventioneller an. Für die Harry-Potter-Serie laufe ich zum Beispiel in meiner Wohnung herum und improvisiere Dialoge. So entstehen dann auch immer wieder neue Figuren.

Außerdem spielt der Austausch mit der Community, die wir uns aufgebaut haben, eine große Rolle. Zusammen mit meinem Team mache ich zum Beispiel regelmäßig Live-Hörbuch-Premieren oder Hörspiel-Improvisationen auf der Streaming-Plattform Twitch. Vor der Corona-Pandemie waren wir mit solchen Improvisationsshows auch auf Festivals unterwegs. Die Zuhörer und Zuhörerinnen werden dabei mit ihren Ideen ganz aktiv in die Entstehung eines Hörspiels mit einbezogen und alles geschieht spontan aus dem Moment heraus.

Der Weg dorthin

Nach der Schule habe ich in Berlin am Theater gearbeitet und Schauspiel studiert. Dort habe ich auch meine heutige Kollegin Lena Schmidtke kennen gelernt. Irgendwann hat sie mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr zusammen ein Hörspiel zu produzieren. Und das haben wir dann einfach gemacht, ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben. Allen anderen haben wir erzählt, wir hätten ein Riesenprojekt am Laufen, aber in Wirklichkeit saßen wir unter meinem Hochbett und haben uns mit Bettdecken ein Studio zusammengebastelt. In dem Prozess habe ich dann aber festgestellt, dass man beim Produzieren von Hörspielen, im Gegensatz zum Theater, viel unabhängiger arbeiten kann. Das hat mir gefallen.

Dass in unserem Schauspielstudium auch eine Sprechausbildung enthalten war, hat uns definitiv geholfen. Aber alles andere haben wir uns selbst beigebracht, vor allem was das Technische angeht. 2019 haben wir dann offiziell eine Firma gegründet. Wenn ich allerdings nicht schon von Anfang an damit begonnen hätte, eine Community auf Social Media aufzubauen, wären wir heute nicht dort, wo wir sind. Als freier Hörspielproduzent, ohne große Namen wie Audible oder einen Verlag im Rücken, ist es unheimlich schwierig, auf dem Markt zu bestehen. Da kann das Produkt noch so gut sein. 

Vorstellung vs. Realität

Bevor ich mit dem Job angefangen habe, hatte ich vom Beruf eines Hörspielproduzenten eher so die klassische Vorstellung, dass das jemand ist, der sich hauptsächlich um die Rahmenbedingungen kümmert. Aber weil ich auch am Text und als Sprecher arbeite, ist mein Aufgabenbereich viel breitgefächerter. 

Auch die Probleme, die entstehen, wenn man ein eigenes Unternehmen führt, hatte ich früher nicht auf dem Schirm. Am Anfang waren alle total begeistert von dem Projekt, aber keiner hat daran gedacht, dass auch viel organisatorischer Aufwand notwendig ist. Mittlerweile ist das Unternehmen aber gewachsen und ich bin in der Position, Aufgaben verteilen zu müssen und sicher zu stellen, dass Deadlines eingehalten werden. Das führt manchmal zu Konflikten, weil viele Künstler und Künstlerinnen, mit denen ich zusammenarbeite, auch noch ihre eigenen Projekte verfolgen. 

Was mich hingegen positiv überrascht hat, ist das Finanzielle. Ich arbeite zwar nebenbei ab und zu auch noch als Synchronsprecher, aber nur, weil es mir Spaß macht, und nicht, weil ich darauf angewiesen bin. Wenn ich wollte, könnte ich allein von der Hörspielproduktion leben. Das zu erreichen, ist nicht einfach in der freien Szene. 

Wie viel ein Hörspielproduzent verdient

Weil es immer darauf ankommt, an welchem Projekt ich gerade arbeite, habe ich kein festes Gehalt. Ich zahle mir monatlich so viel aus, wie ich gerade zum Leben brauche. Das können mal null Euro und mal 3000 Euro brutto im Monat sein. Wenn wir mehr einnehmen, investieren wir das direkt wieder in neue Projekte. Weil die meisten unserer Hörbücher und Hörspiele im Internet frei verfügbar sind, kommt das Geld, das wir verdienen, hauptsächlich aus Werbeeinnahmen von Youtube und Twitch sowie Spenden aus der Community. Ohne diese Unterstützung der Hörer und Hörerinnen würde es nicht funktionieren. Dass ich von dem Job leben kann, ist noch nicht lange so. In den ersten zwei Jahren habe ich höchstens 100 Euro im Monat verdient und war auf mein Gehalt als Synchronsprecher angewiesen. Wie lange es noch so gut läuft wie jetzt, kann ich nicht sagen, aber mit dieser Ungewissheit muss man als Freischaffender leben.

Was der Job mit dem Privatleben macht

Bis letztes Jahr habe ich noch unglaublich viel gearbeitet, vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag waren keine Seltenheit. Einen richtigen Feierabend oder Wochenenden gab es fast nie. Inzwischen versuche ich, meine Arbeitszeiten zu begrenzen, weil ich gemerkt habe, dass mir das gesundheitlich nicht gut tut und mein Privatleben viel zu kurz kommt. Als Nine-to-five-Job funktioniert das Ganze aber trotzdem nicht für mich, weil die Arbeit und das Private oft miteinander verschwimmen. Wenn ich mit Freunden und Freundinnen zusammen bin, scherze ich zum Beispiel immer gerne rum und schlüpfe dabei in verschiedene Figuren, woraus dann wieder neue Ideen entstehen. Manchmal beobachte ich auch alltägliche Situationen, um daraus Impulse für neue Geschichten mitzunehmen. Zum Beispiel schaue ich mir an, wie Menschen miteinander sprechen und wie natürliche Dialoge ablaufen.

Was ich auf Partys immer wieder gefragt werde

Meistens fragen die Leute: „Kenne ich deine Stimme irgendwoher?“

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