„Jeder findet Meetings über Zoom blöd, auch der Weihnachtsmann”

Dank Corona bleibt Wale aber nichts anderes übrig. Der Berufsweihnachtsmann erzählt, wie ein erster Nikolausbesuch lief und wie er sich auf die Feiertage vorbereitet.
Interview von Marcel Laskus
remote nikolaus cover

Auch das Interview führte Weihnachtsmann Wale per Zoom und im Kostüm.

Foto: Marcel Laskus / Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Zoom startet. Noch sieht man ihn nicht, die Verbindung stockt. Dafür ist bereits seine Stimme zu hören, die so tief und bassig klingt, dass man nachvollziehen kann, warum er einen guten Weihnachtsmann abgibt. Nun ist er endlich da, Wale trägt rot-weiße Mütze, und unter seinem weißen Kunststoffbart erkennt man, wie er lächelt. An Heiligabend wird er, der 29 ist und in Berlin Medizin studiert, nicht wie in den vergangenen Jahren durch die Wohnzimmer von Familien ziehen. Wegen Corona hat Wale bisher keine Anfrage. Dafür hat er sich ein neues Geschäftsmodell überlegt – als Zoom-Weihnachtsmann. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hat seine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen zehn Aufrufe.

jetzt: Am 6. Dezember, zum Nikolaustag, hattest du deinen ersten Auftritt über Zoom. Wie lief es?

Wale: Alles lief super. Die Eltern und die Kinder saßen vor dem Computer. Meine Begrüßung war wie immer: „Ho, ho, ho, ich grüße euch, hier kommt der Nikolaus!“ 

Das wirkt auch auf die Distanz? 

Das Internet war stabil. Und dann ging es los: Die Eltern haben mir vorab einen Text geschickt, den ich dann vorgelesen habe. Darin ging es darum, was die Kinder dieses Jahr gut oder schlecht gemacht haben. Ein Mädchen spielte Geige, aber sie geht nicht gern zum Unterricht und übt nicht gern allein. Da habe ich ihr gesagt, dass sie das in Zukunft bitte öfter machen muss. Ihr Bruder putzte nicht jeden Tag seine Zähne. Also habe ich ihn ermahnt. Zum Schluss mussten die Kinder singen oder ein Gedicht vorlesen. Dann habe ich ihnen gesagt, dass ihre Geschenke vor der Tür stehen. Nach 40 Minuten war alles vorbei. 

Wo warst du zu diesem Zeitpunkt?

Ich saß in meiner WG in Berlin, die beiden befreundeten Familien saßen in Bayern und Brandenburg. Später haben mir die Eltern gesagt, dass ich es gut gemacht habe und die Kinder es sehr ernst genommen haben.

„Vielleicht trauen sich die Kinder über Zoom mehr, weil ich ihnen nicht so nahe komme“

Wie hast du den Kindern erklärt, dass du nicht zu ihnen kommen konntest?

Auch das haben mir die Eltern vorher aufgeschrieben. Ich habe ihnen erzählt, dass das in der aktuellen Situation nicht möglich ist. Dass man sich anstecken und schnell krank werden kann. Und dass ich gerade im Wald am Südpol sitze und zwischendurch in der Luft rumfliege, bis ich allen ihre Geschenke gebracht habe.

Das haben dir die Kinder geglaubt? 

Auf jeden Fall. Was mir aber auch aufgefallen ist: Vielleicht trauen sich die Kinder über Zoom mehr, weil ich ihnen nicht so nahe komme. Der Junge, der so selten Zähne putzte, wollte mir nicht glauben, dass ich ihn dabei beobachtet hätte, wie er abends mit dreckigen Zähnen ins Bett geht. Da hat der Vater gesagt: Nein, nein, der Nikolaus weiß alles, der sieht dich jeden Abend! Da hat der Junge es geglaubt und gesagt: Okay, ich mach das jetzt. Entspannt also.

Wie ist die Bezahlung? 

Unkompliziert per Paypal. 50 Euro bekomme ich für das Zoom-Meeting. Das ist für mich einfach verdientes Geld. Ich habe keine Geldnot, weil ich neben dem Studium einen gut bezahlten Nebenjob in der Klinik habe. Aber der Job als Weihnachtsmann macht mir Spaß. Und: Ich feiere kein Weihnachten, meine Familie stammt aus Saudi-Arabien, ich bin muslimisch. Dafür respektiere und toleriere ich andere Religionen sehr, von denen ich viele Freunde habe.

Wie kamst du an dein Wissen über das deutsche Weihnachtsfest? 

Ich hatte immer Freunde, die mich zu ihren Weihnachtsfesten eingeladen haben. Ich finde, dass Weihnachten, wie es in Deutschland gefeiert wird, ein schönes Fest ist. Es gibt kein anderes christliches Fest, an dem sich Familien so vollständig treffen wie zu Weihnachten. Es ist wie das Zuckerfest und das Opferfest beim uns Muslimen. Das Essen zu Weihnachten ist lecker, viel Schweinefleisch, das ich zwar nicht esse. Aber es ist trotzdem schön. Ich habe Freunde, die sehen ihre Cousins und Cousinen nur einmal zu Weihnachten. Das ist doch schön, wenn es wenigstens einmal im Jahr klappt. Und schade, dass es dieses Jahr nicht so sein wird.

„Gerade versuche ich mir ein schönes, weihnachtlich geschmücktes Hintergrundbild einzurichten“

Wie ist die Nachfrage für Zoom-Bescherungen bisher? 

Bisher habe ich nur zwei Anfragen von Familien. Und die überlegen noch, ob sie es wirklich über Zoom machen wollen.

Bereitest du dich trotzdem schon auf Heiligabend vor? 

Gerade versuche ich mir ein schönes, weihnachtlich geschmücktes Hintergrundbild einzurichten. Ich wollte mir noch eine weiße Perücke kaufen, das sieht mehr nach Weihnachtsmann aus als meine natürlichen schwarzen Haare. Letztes Jahr habe ich mir Zahnpasta auf die Augenbrauen geschmiert, damit auch meine Augenbrauen weiß sind. Das hat gut funktioniert. Das werde ich dieses Jahr wieder machen. In einem goldenen Buch stehen die Texte drin, die ich den Kindern vorlese. Das werde ich jetzt in die Kamera halten müssen.

Was wird dir bei einer Zoom-Bescherung fehlen? 

Wenn die Kinder vor mir stehen, ist es natürlich schöner. Manchmal bekomme ich Lebkuchen, Schokolade oder Kekse. Die Kinder können die Geschenke sehen, meinen Bart anfassen, hören meine Stimme richtig. Jeder findet Meetings über Zoom blöd, auch der Weihnachtsmann. Die letzten Jahre hatte ich immer etwas zu tun an Heiligabend, jetzt wird es sehr langweilig werden, falls ich nicht gebucht werde. 

Gibt es Vorteile, die eine Zoom-Bescherung mit sich bringt? 

Ich sitze hier in Shorts, habe obenrum meine Weihnachtsmann-Sachen und meinen Bart an. Vor mir auf dem Tisch stehen meine Snacks, mein Wasser. Das ist sehr entspannt. In normalen Jahren ist der Heiligabend ziemlich stressig. Berlin ist groß. Man muss lange Bus und Bahn fahren. So schaffe ich höchstens vier Familien am Abend. Diesmal wäre sicher mehr drin.

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