Bis zu 530 Euro brutto pro Tag für den Geräuschemacher

Luis ist einer von rund 30 Geräuschemacher:innen in Deutschland.
Foto: Susanne und Werner Boss / Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Wie eine Aufnahme abläuft

An einem klassischen 90-minütigen Fernseh- oder Kinofilm arbeite ich fünf bis sieben Tage. Die Vertonung einer Filmszene kann dann zum Beispiel so ablaufen: Im ersten Durchlauf nehme ich die Schritte auf, im zweiten die Geräusche der Kleidung und im dritten vielleicht einen Schlüssel, der auf den Tisch gelegt wird. Am Ende muss die Lautstärke der Aufnahmen an den Film angepasst werden, um den Dialog der Schauspieler:innen nicht zu stören. Manchmal schaffe ich es auch nicht, alles ganz synchron aufzunehmen, zum Beispiel bei aufwendig montierten Verfolgungsjagden oder Tanzszenen. Daher wird alles im Nachhinein so geschnitten und bearbeitet, dass es passt. Manche Geräuschemacher:innen schneiden selbst, andere machen nur die Aufnahmen. Das ist häufig eine Generationenfrage, da früher die technischen Geräte und Prozesse weniger einfach zugänglich waren. Für jüngere Menschen ist das jedoch normal. Bei mir ist es von Projekt zu Projekt unterschiedlich.

So sieht der Berufsalltag aus

Mein typischer Arbeitsalltag sieht so aus: Ich denke in Projekten. Dazu tausche mich immer mit den Sounddesigner:innen aus. Diese Menschen sind für die Tongestaltung verantwortlich, sie legen fest, welche Geräusche vorkommen sollen, und ich setze sie dann akustisch um. Das hängt auch davon ab, wie viel Zeit und Budget vorhanden sind. Je mehr Zeit ich habe, desto mehr Details kann ich vertonen. Kinoproduktionen sind aufwendiger, bei TV-Formaten macht man oft Abstriche bei den Geräuschen, um Kosten zu sparen. Ich arbeite am liebsten in meinem eigenen Studio, zusammen mit externen Tonmeister:innen. Die sitzen in der Regie und ich bin im Aufnahmeraum und mache die Geräusche, während der Film läuft. Das läuft also ähnlich ab wie beim Synchronsprechen.

Mit welchen Materialien ich arbeite

Man kann die Materialien, mit denen ich arbeite, in drei Kategorien aufteilen: Es gibt die Schrittgeräusche. Das ist die wichtigste Kategorie für Geräuschemacher:innen. Dafür trage ich die Art von Schuhen, die auch im Film getragen werden. Also beispielsweise Damenschuhe mit Absatz, manchmal laufe ich aber auch barfuß. Dann gibt es die Bewegungsgeräusche. Die mache ich mit diversen Textilien. Sie lassen die Personen im Film lebendig wirken, auch wenn sie gerade nicht sprechen.

Es gibt auch Szenen, in denen eine Person nicht im Bild ist, sie aber trotzdem gehört werden soll. Beispielsweise wenn jemand betrunken nach Hause kommt und etwas anrempelt. Und dann sind da noch die Gegenstände und Requisiten. Also alles, was von Menschen angefasst wird, wie Besteck oder Kaffeetassen bei einer Essensszene, aber auch Papier oder Türklinken.

Welche Eigenschaften man für den Job braucht

Ein Geräuschemacher braucht Verständnis für Filme. Man sollte wissen, wie sie funktionieren, unabhängig von der auditiven Ebene. Man muss Schnitte verstehen und nachvollziehen, was der Film beim Publikum auslösen soll, und wie man die jeweiligen Emotionen unterstützen kann. Zudem sind ein gutes Gehör, ein Gespür für Klangeigenschaften von Materialien und Rhythmusgefühl wichtig. Außerdem muss man sich in die Protagonist:innen eines Films hineinfühlen können, wenn man die Fußschritte synchronisiert.

Ein Soldat, der in einem Kriegsfilm angeschossen ist, geht natürlich ganz anders als ein Teenagermädchen, das gerade ihren Schulabschluss gemacht hat. Man muss überlegen, in welcher Verfassung die Person in der jeweiligen Szene ist und wie man das in Klangeigenschaften überträgt. Außerdem sollte man teamfähig sein und sich mit allen Beteiligten absprechen. Dazu zählen Sounddesigner:innen, Geräuschtonmeister:innen, Editor:innen, Regisseur:innen und Mischtonmeister:innen, also diejenigen, die aus allen auditiven Elementen ein einheitliches Klangbild entstehen lassen.

Wie ich Geräuschemacher geworden bin

Ich habe eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik gemacht. Danach habe ich Filmton/Sounddesign an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert. In dieser Zeit lag mein Fokus zunehmend darauf, wie Geräusche in Filmen entstehen. Ich habe immer mehr ausprobiert und Menschen kennengelernt, die das bereits beruflich gemacht haben. Da es keine Ausbildung für diesen Beruf gibt und aktuell überhaupt nur etwa 30 Geräuschemacher:innen in Deutschland arbeiten, muss man sich vieles selbst beibringen. Irgendwann hatte ich ein Level erreicht, das von anderen geschätzt und gefragt wird. Jetzt arbeite ich als selbständiger Geräuschemacher und vertone hauptsächlich Kinofilme, Fernsehfilme und Serien. So habe ich unter anderem die Geräusche für „Systemsprenger“, „Niemand ist bei den Kälbern“ oder auch die Netflix-Serie „Die Kaiserin“ gemacht.

Vorstellung vs. Realität: So ist der Beruf wirklich

Wie der Beruf wirklich ist, ist mir erst klar geworden, als ich ihn ausgeübt habe. Mal ersetzt man nur fehlende Geräusche, das ist meist in Serien der Fall. Mal ist es eine größere gestalterische Aufgabe. Ich mag die Kombination aus kreativer und handwerklicher Arbeit sehr. Man muss sich täglich neu erfinden, um Geräusche mit den verschiedenen Materialien erzeugen zu können. Die Selbständigkeit ist allerdings eine Herausforderung, mit der man lernen muss, umzugehen. Wie viele Projekte man in einem Monat hat, kann sehr unterschiedlich sein. Daher variieren auch die Einnahmen. Das muss man einplanen.

Was der Job mit dem Privatleben macht

Bei mir vermischen sich Beruf und Privatleben, denn viele meiner Freund:innen sind selbst Filmschaffende. In meinem persönlichen Umfeld werden also viele Filme geschaut, es wird über neue Projekte, Techniken, Ideen oder Themen aus der Film- und Kunstbranche diskutiert. Außerdem kann ich entscheiden, welche Projekte ich annehme und wie viel Freizeit übrig bleibt. In diesem Punkt lernt man sich von Projekt zu Projekt besser selbst einzuschätzen – vor allem, wenn es darum geht, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Wenn es um meinen Beruf geht, sind die Leute immer interessiert und fragen, wie ich die Geräusche genau erzeuge. Viele wissen auch nicht, dass Filmton nicht mit Filmmusik gleichzusetzen ist. Das ist ein anderes Berufsfeld, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Ich sage aber immer: Filmton ist alles, was man im Film hört – außer die Musik. Außerdem wollen die Leute oft wissen, mit welchen Regisseur:innen ich zusammengearbeitet habe. Das erzähle ich gerne, aber nicht immer sind die Namen den Leuten auch bekannt.

Wie viel man als Geräuschemacher verdient

Das Honorar ist Verhandlungssache. Man spricht hier allerdings immer von einer Tagesgage, die liegt meist zwischen 450 und 530 Euro und ist abhängig vom jeweiligen Film. Es gibt auch die Berufsvereinigung Filmton, die jedes Jahr eine Gagenempfehlung herausgibt. Man muss allerdings dazu sagen, dass die Gagen in dieser Form häufig nicht bezahlt werden können. Oft sind eben gerade die künstlerisch und inhaltlich wirklich guten Projekte chronisch unterfinanziert. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Zeiträumen im Jahr. Die meisten Filme werden im Sommer gedreht, daher findet im Winter die sogenannte Postproduktion statt. Dann komme ich ins Spiel, weshalb ich im Winter meist mehr zu tun habe und somit auch mehr verdiene.

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