1000 Euro brutto für den Tontechniker

Foto: privat; Grafik: jetzt

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Wie der Arbeitsalltag eines Tontechnikers aussieht

„Als selbstständiger Tontechniker besitze ich ein kleines Tonstudio, das ich mir gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Max aufgebaut habe. In der Regel wird bei uns Rap aufgenommen. Beim Mischen bearbeite ich danach das aufgenommene Material. Das ist eine gleichermaßen handwerkliche wie künstlerische Tätigkeit, bei der das oberste Ziel immer ein angenehmer Klang ist. Eine roh aufgenommene Stimme klingt anfangs nicht besonders. Deswegen arbeitet man mit verschiedenen Effekten und Geräten, zum Beispiel mit Kompressoren oder Equalizern. Danach klingt der Song schon ziemlich fertig.

Zuletzt kommt das Mastering. Das übernimmt im besten Fall eine andere Person als die, die gemischt hat. Vier Ohren hören eben mehr als zwei. Beim Mastering werden die letzten fünf Prozent aus dem Song geholt, damit der fertige Song nicht nur im Studio vernünftig klingt, sondern auch auf Billig-Kopfhörern. Außerdem bringt das Mastering den Song auf konkurrenzfähige Lautstärke. Das menschliche Gehör funktioniert zu einem nicht zu unterschätzenden Teil über Lautstärke. Lieder, die lauter sind als andere, klingen auch erstmal besser. Aber weh tun soll es auch nicht. Hier ist das Ziel: Wie laut kann ich den Song machen, ohne dass er schlechter klingt?

Wie ich Tontechniker geworden bin

Ich habe erst angefangen Philosophie zu studieren und dann festgestellt, dass ich kein Philosoph werden möchte. Zusammen mit meinem besten Freund und heutigen Geschäftspartner Max bin ich dann auf ein privates Studium für Tontechnik und Musikproduktion gestoßen. Der Tontechnik-Teil des Studiums hat mir besonders Spaß gemacht. Das Studium an einer Privatuni würde ich nicht unbedingt empfehlen. Es kostet Geld und da sehe ich das Preis-Leistungs-Verhältnis kritisch. Tontechniker:in ist kein geschützter Beruf, daher sollte man sich im Vorfeld gut informieren. Es gibt Studiengänge oder Ausbildungsgänge wie „Mediengestalter:in Bild und Ton", über die man in den Beruf kommt. Ich bin damals blauäugig in das private Studium reingegangen.

Aber am Ende ist vor allem die Praxis wichtig. Keiner fragt nach meiner Abschlussnote. Ich spiele meinen Kunden beim Vorgespräch Arbeitsproben vor und wenn ihnen das gefällt und der Vibe stimmt, arbeiten wir zusammen. Wichtig ist, während des Studiums Erfahrung zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Wer das nicht macht, steht am Ende der Ausbildung oft vor dem Nichts. Ich habe beispielsweise Konzerttechnik aufgebaut und bin darüber an meine ersten Aufträge gekommen. Tontechnik ist eine sehr umkämpfte Branche.

Welche Eigenschaften man für den Job braucht

Wichtig sind vor allem Interesse an und Verständnis von Musik. Wie funktioniert ein Song? Welche Songstrukturen gibt es? Was ist gerade angesagt? Was war mal angesagt? Auch mit Instrumenten sollte man sich auskennen. Ich selbst habe ursprünglich mal Klarinette gelernt und mir später ein bisschen Klavier sowie Schlagzeug beigebracht und vieles einfach ausprobiert. Das hilft zwar enorm, aber im Beruf spiele ich Instrumente nicht ein. Bisher hat niemand gesagt: „Bruder, ich brauche unbedingt eine Klarinette auf dem Song.“ Ein gewisses mathematisches und physikalisches Verständnis sollte man auch haben. Aber das sollte niemanden abschrecken: Ich hatte in Mathe immer eine Fünf und Physik habe ich in der achten Klasse abgewählt.

Vorstellung vs. Realität

Das Musikgeschäft ist nicht so glamourös, wie man denkt. Es ist harte Arbeit. Jeder Song, jede:r Künstler:in ist anders und braucht eine eigene Herangehensweise. Man kann sich auch nicht immer aussuchen, woran man arbeitet. Manchmal kann ich persönlich überhaupt nichts mit der Musik anfangen, mit denen die Kund:innen zu mir kommen. Denen sage ich natürlich nicht: ‚Hey, was du dir da die letzten Monate von der Seele geschrieben hast, ist totaler Müll‘. Man muss die Leute in ihrem künstlerischen Ausdruck ernst nehmen und fähig sein, über den eigenen Geschmack hinweg konstruktive Entscheidungen für den Song zu treffen. Der Umgang mit Menschen ist immer herausfordernd. Einige Künstler:innen sind sehr speziell, aber die überwältigende Mehrheit ist tatsächlich absolut professionell.

Welche Frage auf jeder Party gestellt wird

‚Was ist das eigentlich, was du da genau machst?‘, fragen mich viele Menschen. Die meisten hören nur das Endprodukt und denken oft, da hat jemand einen Beat gekauft, darüber gerappt und das dann auf Youtube hochgeladen. Das ist sehr weit weg von der Realität. Ihnen ist gar nicht bewusst, wie kleinteilig Musik produziert wird und welches technische und kreative Wissen dafür nötig ist. So wie Leute ins Museum gehen und nur ein Gemälde sehen, aber nicht die Maltechnik, die die Künstler:in über Jahre perfektionieren musste.

Was der Job mit dem Privatleben macht

Aufnahmen finden vor allem am Wochenende statt. Mein Hauptgeschäft sind Rapper:innen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Sie arbeiten unter der Woche und sitzen am Wochenende mit mir im Studio. Jetzt mit Mitte 20 merke ich, wie sehr mich das einschränkt. Alle Leute sind in ihren Berufen angekommen, fangen an zu heiraten und Kinder zu kriegen. Die haben nur am Wochenende Zeit, ich nur in der Woche. Außerdem habe ich die typische Krankheit von Selbstständigen – der Gedanke, dass mehr Arbeit erst einmal besser ist als zu wenig. Da muss man aufpassen. Ich habe oft den Eindruck, länger zu arbeiten als meine Freunde.

Wie viel man als Tontechniker:in verdient

Mein Einkommen hängt immer davon ab, wie viele Aufträge ich im Monat habe und wie aufwändig sie sind. Ich habe im Mai mein Studium abgeschlossen. Zu der Zeit konnte ich nicht viel arbeiten, aber aktuell läuft es ziemlich gut. Wir machen etwa 1000 Euro brutto pro Person im Monat. Durch die sogenannte Kleinunternehmerregelung ist brutto auch gleich netto. Damit komme ich gut aus, aber langfristig strebe ich eine feste Stelle an. Aktuell bewerbe ich mich vor allem in der Videospielbranche.

Wie ich mein Studio finanziert habe

Ich habe über die Jahre immer etwas Geld beiseitegelegt. Dazu muss man wissen, dass ich in einer sehr privilegierten Situation bin. Das Haus, in dem ich wohne, gehört meinem Vater. Da habe ich meine eigene Etage und die Hälfte dieser Etage ist das Studio. Ursprünglich war das mal ein Wohnzimmer. Mit den daraus resultierenden niedrigen Lebenshaltungskosten und viel Opferbereitschaft konnte ich mir in den vergangenen fünf Jahren Schritt für Schritt das Studio aufbauen. Inzwischen habe ich etwa 27 000 Euro reingesteckt. Natürlich kann man das auch günstiger gestalten. Aber es gibt manche Dinge, an denen man auf keinen Fall sparen sollte. In Raumakustik sollte man definitiv investieren. Das ist zwar nicht so sexy wie ein neues Keyboard oder ein potenter Kompressor, aber für einen sauberen Sound ohne Umwelteinflüsse enorm wichtig.“

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