3200 Euro brutto für den Lokführer

Foto: privat; Grafik: jetzt

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Wie mein Arbeitsalltag aussieht

Ich fahre meistens S-Bahn. Gelegentlich auch Regionalexpress oder Sonderfahrten - das sind beispielsweise Werkstattfahrten oder Loküberführungen. An einem klassischen Tag komme ich morgens zum Bahnhof und bekomme ein Fahrzeug und meine Strecken zugeteilt. Wie bei Autos braucht man auch bei Zügen für jeden Fahrzeugtyp – wie Regionalbahn, Regionalexpress oder ICE – einen zusätzlichen Führerschein. Dann bereite ich meinen Zug für den Betrieb vor. Das bedeutet: Ich checke die Bremsen, die Bordcomputer und die Sicherungssysteme komplett durch. Die Sicherungssysteme greifen ein, wenn ich einen Fehler mache. Die Vorbereitung dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Danach fahre ich an den Bahnsteig. Beim Fahren muss ich durchgehend konzentriert sein und auf Signale, das Fahrzeug und die Strecke achten. Auf den verschiedenen Strecken lege ich in einer Schicht bis zu 300 Kilometer zurück. Gegen Mittag übergebe ich das Fahrzeug der Tagschicht und die übergibt es danach der Spätschicht.   

Was der Job mit dem Privatleben macht  

Schichtdienst ist immer belastend. Wenn ich Frühschicht habe, ist der Abend spätestens um zehn Uhr zu Ende, weil ich um halb vier wieder aufstehen muss. Im Spätdienst hat man zwar den ganzen Vormittag für sich, aber dafür arbeitet man, wenn alle anderen frei haben. Ich arbeite auch zwei Wochenenden im Monat, kriege dafür aber unter der Woche meine Ruhetage. Wenn man nicht jeden Freitag feiern gehen muss, ist es eigentlich ganz schön, unter der Woche mal frei zu haben.  

Wieso ich Lokführer geworden bin   

Meine Eltern haben den großen Fehler gemacht, mir mit zwei Jahren eine Holzeisenbahn zu schenken. Seitdem verfolgt mich die Bahn. Mit 15 Jahren habe ich mich ehrenamtlich bei einer Museumsbahn engagiert. Das ist eine alte Lok, die regelmäßig ausgefahren wird. Die Besucher erfahren dort, wie Bahnfahren früher war. Dort habe ich händisch am Schalter Fahrkarten verkauft, Gepäck abgewickelt, in der Werkstatt und als Schaffner gearbeitet. Später durfte ich die Dampflok fahren. Das Fahren wurde sogar entlohnt und ich konnte damit mein Studium mitfinanzieren. 

Wie ich Lokführer geworden bin

Ich habe zunächst Forstwirtschaft studiert und musste mir am Ende des Studiums die Frage stellen: „Gehst du jetzt in den Forstberuf oder entscheidest du dich doch noch für deinen Kindheitstraum?“ Ich habe mich für letzteres entschieden. Mit einem abgeschlossenen Studium oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung konnte ich mich in neun Monaten zum Lokführer ausbilden lassen. Am Anfang prasseln viele neue Dinge auf einen ein. Da macht man mit Theorie, Signalsystem, Fahrschule und Technik ziemlich viel in kurzer Zeit durch. Zur Ausbildung gehören auch zusätzliche Seminare zum Umgang mit Fahrgästen und Stressbewältigung.  

Welche Eigenschaften man für den Job braucht

Man sollte auf jeden Fall belastbar sein. Bahn fahren kann wahnsinnig stressig sein. Wenn man an einer Haltestelle 30 Sekunden verliert, kann man Verspätungen von fünf bis zehn Minuten aufbauen. Aus unserem Quereinsteigerkurs haben unter anderem deswegen schon drei von 15 Menschen aufgehört. Wenn man unter Zeitdruck nicht konzentriert arbeitet, können schnell Fehler passieren. Man sollte auch eine Begeisterung für die Eisenbahn und den Dienst an der Gesellschaft mitbringen. Nach der Ausbildung kann man zwar sein Fahrzeug bedienen, aber bis man das gesamte Eisenbahnsystem in all seiner Komplexität verstanden hat, dauert es sehr lange. 

Vorstellung vs. Realität

Da ich vor Beginn der Ausbildung schon zehn Jahre mit der Bahn zu tun hatte, hatte ich eine klare Vorstellung vom Job. Die Ausbildung war nur noch das I-Tüpfelchen. Andernfalls wäre der Stress vielleicht überraschend gewesen. 

Wie ich in die Zukunft schaue 

Wegen der Zukunft mache ich mir keine Sorgen. Technisch sind wir zwar an dem Punkt, dass Züge ohne Lokführer fahren können, aber das geht aktuell nur in geschlossenen Systemen, wo die Bahnen ihre eigenen Strecken und Bahnhöfe haben. Für unser aktuell bestehendes Schienennetz mit S-Bahnen, Regional-, Fern- und Güterverkehr ist die Technik noch unzureichend. Da muss viel zu oft von Menschen eingegriffen werden, wenn zum Beispiel ein Zug den anderen überholt. 

Wie ich mit Verspätungen umgehe

Der Lokführer kann meistens nichts dafür. Die Infrastruktur ist kaputtgespart worden und es gibt einen großen Investitionsstau. Ich kann wirklich verstehen, wenn die Leute ihren Ärger loswerden wollen, und da sind Lokführer und Zugbegleiter die ersten Ansprechpartner. Aber wenn man sachlich und ruhig mit den Leuten redet, haben die meisten Verständnis. Man kann auch viel Frust abfangen, wenn man die Fahrgäste auf dem Laufenden hält und erklärt, worauf man da eigentlich gerade wartet: ob es eine Störung auf der Strecke oder eine Reparatur ist. 

Die Frage, die auf jeder Party gestellt wird

Ich werde oft gefragt, ob ich schon mal ICE gefahren bin. Mit der Bahn verbinden die meisten Leute den ICE. Da muss ich immer schmunzeln. Die Bahn besteht nicht nur aus Fernverkehr und ich mag die Schnellfahrerei gar nicht. Die S-Bahn fährt höchstens 80 Stundenkilometer und ich kann dabei aus dem Fenster gucken. Das ist viel gemütlicher. Ich arbeite gerade in der Region rund um Freiburg im Breisgau. Die Menschen dort sind total lieb und herzlich. Morgens kriegt man einen guten Morgen gewünscht, abends einen schönen Feierabend. Zu Weihnachten kommen die Leute und bringen Tüten mit Plätzchen vorbei. Da merkt man, dass man für die Menschen arbeitet. Deren Wertschätzung ist für mich das Wichtigste. 

Wie viel ich verdiene

Ein Lokführer im Personenverkehr verdient 3000 Euro brutto im Monat. Das ist das Einstiegsgehalt und steigt in mehreren Stufen. Besonders stark steigt es allerdings nicht. Nach 30 Jahren kommst du auf etwa 3500 brutto. Ich verdiene 3200 brutto, weil ich auch andere Fahrer ausbilde. Bei der Bezahlung wird nicht zwischen Regional- und Fernverkehr unterschieden, außer man fährt ins Ausland. Da gibt es noch einmal 200 Euro drauf. Im Güterverkehr kann man grob bis zu 1000 Euro mehr verdienen, da verkauft man dann aber auch sein Sozialleben an den Job: Da ist man mehrere Tage am Stück mit dem Güterzug unterwegs, schläft jeden Tag in einem anderen Hotel und hat zum Ausgleich vier Tage frei. 

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