2500 brutto für die Sozialarbeiterin im Drogenkonsumraum in Teilzeit

Marlene hat durch ein Praktikum die Arbeit im Konsumraum kennengelernt.
Foto: privat; Grafik: jetzt

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Was ein Drogenkonsumraum ist

Ich arbeite bei Indro e.V., einem akzeptanzorientierten Drogenhilfe-Zentrum direkt am Bahnhof in Münster. Akzeptanzorientiert bedeutet: Unser Ziel ist nicht notwendigerweise die Entwöhnung von Drogen, sondern die Verbesserung der Lebenssituation unserer Klient:innen. Unsere Zielgruppe ist die offene Drogenszene, also Menschen, die älter als 18 Jahre sind und harte, in Deutschland verbotene Substanzen wie Heroin und Kokain konsumieren.

Wenn man in unsere Einrichtung kommt, sieht man zuerst die Pumpentheke. Dort können Konsument:innen ihr benutztes Besteck abgeben und gegen steriles tauschen. Auf der rechten Seite ist das Büro, in dem Beratungsgespräche angeboten werden. Wenn man weiter durchgeht, kommt der Konsumraum. Der ist für uns komplett einsehbar. Links davon ist ein Raum mit Waschmöglichkeiten und Duschen. Tatsächlich ist das Einzige, für das man bei uns einen Termin braucht, die Waschmaschine.

Unsere Klientel ist sehr divers, einige Menschen kommen nach Feierabend bei uns vorbei, andere sind oft den ganzen Tag in der Szene unterwegs oder wohnungslos. Daher werden Toiletten und Duschen viel genutzt. Gerade für Frauen ist der Mangel an kostenfreien, öffentlichen Toiletten ein Problem. Im ersten Stock haben wir ein Kontaktcafé, einen Ort zum Austauschen. Daran anschließend haben wir ein weiteres Beratungsbüro. Unsere Tür steht erst einmal jedem offen. Wir registrieren niemanden, man muss auch nicht sofort ein Beratungsgespräch führen. Klient:innen, die wir nicht kennen, sprechen wir direkt an. Wer bist du, wo kommst du her? Pro Tag zählen wir etwa 70 bis 90 Konsumvorgänge.

Wie mein Arbeitsalltag aussieht

Sehr unterschiedlich, weil unsere Einrichtung viele Bereiche abdeckt. Im Konsumraum überwache ich den Konsum der Klient:innen. Ich überprüfe, ob die Leute ihren Stoff selbst mitgebracht haben, und wenn ja, ob die Mengen für den Eigengebrauch geeignet sind. Wir geben weder Stoff raus noch darf bei uns im Haus gedealt werden. Wir gehen direkt ins Gespräch, bieten Beratung sowie Hilfe an und geben Safer-Use-Tipps. Wie läuft es gerade bei dir? Was willst du konsumieren? Sicher, dass es so viel sein muss? Willst du nicht noch einen Filter benutzen? Im Drogennotfall greifen wir auch ein. Ein Drogennotfall, also eine leichte bis schwere Überdosis, ist einfach zu erkennen und hat im Regelfall einen typischen Ablauf. Dadurch kann ich auch als Nicht-Mediziner:in gut erkennen, was passiert, und entsprechend eingreifen. Wir haben genug medizinisches Equipment, um erste Hilfe zu leisten. Außerdem müssen wir vier Mal pro Jahr an Schulungen teilnehmen und ein Drogennotfalltraining machen.

Beim ambulant betreuten Wohnen besuchen wir die Klient:innen, halten Kontakt mit ihnen, geben Alltagshilfe. Wir begleiten sie auf Termine, zum Beispiel zu Ärzt:innen oder Behörden, und helfen ihnen mit der Post. Im Kontaktcafé versorge ich unsere Klient:innen kostenfrei oder möglichst kostengünstig mit Speisen und Getränken, suche aktiv das Gespräch und biete Beratungsgespräche an.

Wie ich zu dem Job gekommen bin

Als ich angefangen habe, soziale Arbeit zu studieren, hatte ich noch kein konkretes Arbeitsfeld vor Augen. Das Praktikum im Konsumraum wurde mir von Kommiliton:innen empfohlen. Sie sagten, es sei ein spannender Arbeitsbereich, man lerne sehr viel über sich selbst, aber eben auch über viele Bereiche der sozialen Arbeit. So war es auch. Nach dem Praktikum wurde mir ein Nebenjob angeboten und nach dem Bachelor die Festanstellung. Da hatte ich großes Glück. Festangestellte sind bei uns nur ausgebildete Sozialarbeiter:innen. Zwei von ihnen haben eine medizinische Zusatzausbildung.

Welche Eigenschaften man für den Job braucht

Das Offensichtliche ist natürlich, gut mit Menschen auszukommen. Es ist wichtig, ehrlich zu sein: Wirkliches Interesse zu haben, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und erst einmal vorurteilsfrei an ihre Sorgen heranzugehen. Jede einzelne Person aufs Neue anzuschauen und nicht alle über einen Kamm zu scheren. Auch politisches Interesse ist wichtig. Wir versuchen, uns über das Indro hinaus für unsere Klientel einzusetzen, also auch Aufmerksamkeit für das Thema Drogenabhängigkeit und Kriminalisierung zu schaffen.

Welche Herausforderungen mein Beruf hat

Ich muss mir und den Klient:innen immer wieder deutlich machen, dass ich Sozialarbeiterin bin, weil die Menschen mit so vielen unterschiedlichen Belangen zu mir kommen. Wenn Menschen mit psychischen und medizinischen Problemen kommen, muss ich auch mal sagen: „Ich kann das nicht, hier ist meine Grenze erreicht. Ich kann dein Problem gerade nicht lösen.“ Unsere Klientel ist von einem so hohen Maß an Diskriminierung betroffen, auch von Mediziner:innen, so dass sie Arzttermine oft nicht wahrnehmen. Deswegen kommen sie zu uns und wollen, dass wir mal eben helfen. Da nein zu sagen, ist nicht einfach.

Was der Job mit dem Privatleben macht

Oft bin ich privat unterwegs und treffe dann die Menschen, mit denen ich arbeite. Das kann zwar auch ganz schön sein, aber man muss sich davon abgrenzen können. Es gibt natürlich Tage, an denen man Probleme mit in den Feierabend nimmt. Wenn es schwierige Situationen gab, oder wenn jemand ein schlechtes Gefühl hat, nach Feierabend nach Hause zu gehen, sprechen wir im Team darüber. Es gibt aber selten Tage, an denen ich heimgehe und denke: „Da beschäftigt mich noch was.“ Es ist einfach meine Arbeit.

Tatsächlich hatte ich vor meinem Praktikum weder Vorurteile noch konkrete Vorstellungen von dem Job. Ich war sehr offen. Unterm Strich muss ich sagen: Ich bin auf jeden Fall positiv überrascht worden. Ich habe niemals damit gerechnet, dass ich fünf Jahre später immer noch hier sitze.

Welche Frage auf Partys immer gestellt wird

„Damit unterstützt ihr doch den Drogenkonsum von Menschen“, das sagen viele zu mir. Das sind meist uninformierte Menschen, denen ich dann erklären kann, dass wir im Grunde Überlebenshilfe leisten. Danach sehen sie das Ganze meistens deutlich positiver. Wir verherrlichen Drogen nicht und lassen zum Beispiel auch keine Erstkonsument:innen bei uns rein. Das erkennt man eigentlich ziemlich schnell. Selbst wenn es beim Vorgespräch nicht auffällt, dann spätestens beim Konsum – so eine Spritze zu setzen, ist gar nicht so einfach.

Außerdem sind die Menschen skeptisch gegenüber der Legalisierung von Drogen. Wir sind als Einrichtung auch bei Akzept e.V., dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit, organisiert, weil wir uns für eine regulierte Legalisierung aussprechen. Das heißt nicht, dass man bald Heroin im Supermarktregal stehen hat. Es geht darum, wie viel gesundheitlichen Schaden Streckstoffe in Substanzen anrichten können, wie viel Macht mafiöse Strukturen durch den Verkauf von Drogen haben, und wie die Konsument:innen darunter leiden. Es sollte mehr Diskurs darüber stattfinden.

Wie viel man verdient

Als Teilzeitkraft mit 30 Stunden pro Woche verdiene ich 2500 Euro brutto. Für mich ist das völlig ausreichend. Ich lebe in einer WG und zahle dementsprechend wenig Miete. Kinder habe ich auch keine. Andernfalls müsste ich mindestens meine Stunden erhöhen. Finanzen sind eben auch Anerkennung. Und die ist, wie in vielen sozialen Berufen, nicht ausreichend.

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