Horror-Nebenjob: Trainieren und Nervenstrapazieren beim Wassergallonen Ausliefern

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Manche Jobs sind schlimmer als andere – in dieser Serie erzählen wir von unseren und euren schrägsten  Nebenjobs. Diese Geschichte hat unser Leser Janis erlebt und uns am Telefon erzählt.

Horror-Stufe: 7 von 10

Chef*in: US-Amerikaner, der sich für den superkrassesten Unternehmer hielt und immer mit einem Trike angefahren kam (das sind die Motorräder mit drei Reifen)

Bezahlung: zehn Euro die Stunde

Erlernte Skills: Verstanden, was „mit Geduld und Spucke“ wirklich bedeutet

„Ich hatte es satt, für mein BWL-Studium ständig am Schreibtisch zu sitzen. Ich hatte Lust auf einen Nebenjob, bei dem ich zur Abwechslung mal körperlich arbeitete. Da kam mir die Jobanzeige von einer Wasserspender-Firma gelegen: Gesucht wurde jemand, der Gallonen ausliefert. So werden die großen Wasserflaschen für Wasserspender bezeichnet. Ein wenig naiv dachte ich dabei an eine amerikanische Filmszene, in der ein durchtrainierter ‚Waterboy‘ in ein Büro kommt, die Gallone auswechselt und dabei alle Blicke auf sich zieht. ‚Waterboys‘ heißen nicht wirklich so, aber ich mochte die Bezeichnung und so ähnlich stellte ich mir den Job auf jeden Fall vor. Ich rief also bei dem Unternehmen an und nach einem unspektakulären Bewerbungsgespräch fuhr ich von da an ein- bis zweimal in der Woche mit einem vollgepackten Transporter durch halb Deutschland.

Mein Hollywood-Bild von einem „Waterboy“ wurde zerstört

Jede Tour umfasste rund 300 bis 400 Kilometer. Da einige Routen ziemliche Fehlkalkulationen waren, war ich häufig bis zu zwölf Stunden unterwegs. Das war anstrengend, aber zum Glück wurde ich nach Stunden bezahlt. Der Hauptteil der Arbeit bestand darin, neue Gallonen auszuliefern. Ich erinnere mich vor allem an eine Firma, bei der ich den Ausdruck ‚mit Geduld und Spucke‘ zum ersten Mal wirklich verstanden habe. Dort musste ich in jedes einzelne Büro eine neue Gallone bringen. So weit, so gut. Einziges Problem: der Weg dorthin. Auf den Sackkarren passten nur vier Gallonen. Den musste ich dann jedes Mal aus der Tiefgarage, in einen viel zu kleinen Aufzug, um eine viel zu enge Ecke, durch eine viel zu schwere Stahltür, die ich mit einem Fuß aufhalten musste, manövrieren. Und dann rief dann auch noch mein Chef an und fragte, warum ich denn so lange für die Tour brauche.

Ich versuchte mir anstrengende Arbeitstage damit schön zu reden, dass ich trainiere. ‚Leg Day‘ war beispielsweise dann, wenn ich für einen Privatkunden fünfmal mit je 50 Kilogramm unter den Armen in den fünften Stock laufen musste. Zusätzlichen Antrieb erhielt ich dadurch, dass ich währenddessen mit dem Transporter mangels Alternative in zweiter Reihe auf der Straße stand. Meine Bewunderung für Postboten ist in dieser Zeit deutlich gestiegen. Die abenteuerlichste Auslieferung war allerdings an einen Flugzeughersteller. Dort musste ich an einem riesigen Checkpoint zig Fragebögen über meine Person ausfüllen, woraufhin ich einen Ausweis erhielt. Fotos machen war strikt verboten. Beim Ausliefern der Gallonen wurde ich von einem Mitarbeiter durch eine Sicherheitsschleuse nach der anderen gelotst. Spätestens als ich in meiner dreckigen Latzhose an all den super Ingenieur*innen vorbeiging, die mich eher blöd anschauten, wurde mein Hollywood-Bild vom ‚Waterboy‘ endgültig zerstört.

Da stand ich nun und fegte geräuschvoll Dampf durch einen Wasserspender

Der andere Teil meiner Arbeit bestand aus der Reinigung der Wasserspender. Die 08/15-Wasserspender wurden mit einem Wasserdampfgerät gesäubert. Besonders unangenehm war die Reinigung in Arztpraxen: In Wartezimmern, wo sonst absolute Stille herrscht, stand ich nun und fegte geräuschvoll Dampf durch einen Wasserspender. Immerhin lief mir dort keine braune Suppe entgegen wie bei der Reinigung in den meisten Fabrikhallen. Einige Kund*innen besaßen aber auch elektronische Wasserspender samt Kohlensäure-Option und heißem Wasser. Dafür gab es ein Ozon-Reinigungsgerät. Da das Einatmen anscheinend gefährlich ist, musste ich jedes Mal den Raum verlassen und die Fenster öffnen.

Es gab einige absurde Situationen, in denen ich am liebsten entweder hingeschmissen oder laut losgelacht hätte. Trotzdem habe ich den Job rund ein Jahr bis Studienende durchgezogen. Vieles habe ich mit Humor weggesteckt. Beispielsweise die Tatsache, dass es in den Transportern keine Klimaanlage gab. Einiges war einfach nur nervig, allen voran mein Chef, der mich durchgehend siezte und so ansprach, als wäre mein Job der verantwortungsvollste der Welt. Ich habe gelernt, dass gute Arbeitsbedingungen nicht selbstverständlich sind. Wenn ich heute aus Sicht meines gegenwärtigen Schreibtischjobs daran zurückdenke, bin ich amüsiert und genervt, aber auch froh über die Erfahrung dieses ‚Knochenjobs‘.“

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