Dieser Kalender versammelt die schlechtesten Nachrichten aus dem Jahr 2020

Colin Hauer hat ihn entworfen. Das Motto: Es kann nur besser werden.
Interview von Nadja Schlüter
colin hauer cover

Wegen der Corona-Krise hatte der Digitalberater Colin Hauer in diesem Jahr weniger Jobs – und Zeit, den 2021-Kalender zu entwerfen.

Foto: Florian Huschitt

Waldbrände, Anschläge, Todesfälle und natürlich die Corona-Pandemie: 2020 gab es wirklich sehr viele Katastrophen und schlechte Nachrichten. Colin Hauer, 34, selbstständiger Digitalberater aus Hamburg, hat darum für das kommende Jahr einen ganz besonderen Kalender entworfen: „2021 – Things can only get better“. Dafür hat er eine Art „Worst of“ der Nachrichten aus 2020 zusammengestellt, an die man sich am entsprechenden Jahrestag zurückerinnern kann. Noch bis zum 6. Dezember kann man das kleine Projekt auf Kickstarter unterstützen.

Im Video-Interview haben wir Colin gefragt, was uns das Zurückerinnern an schlechte Tage bringen soll und wie er damit umgeht, dass das Schreckensjahr noch nicht vorbei, der Kalender aber schon fertig ist.

jetzt: Colin, was war dein schlimmster Tag im Jahr 2020?

Colin Hauer: Gute Frage, es gab so viele. Ich komme ursprünglich aus Krefeld und das Erste, was ich im neuen Jahr erfahre habe, war, dass es im dortigen Zoo gebrannt hat. Dann habe ich die Nachrichten angemacht und die Buschbrände in Australien gesehen. Familienmitglieder von mir leben dort und mussten evakuiert werden. Und das war nur der 1. Januar! Fast zum schlimmsten Tag wäre der 5. November geworden, als meine Frau einen Fahrradunfall hatte. Aber sie hatte Glück im Unglück.

Normalerweise entstehen Ideen wie die zu deinem Kalender bei einem Bier in der Bar. Dieses Jahr wohl eher nicht …

Nein, natürlich nicht. Vor ein paar Wochen ist mir wieder ein Job weggebrochen, nachdem ich schon mehrere Monate nichts mehr verdient hatte. Ich lag abends im Bett und dachte: Es wäre gut, wenn ich in der freien Zeit wenigstens etwas Kreatives machen würde. Und weil ich ja nur Zeit hatte, weil dieses Jahr so viel Schlechtes passiert ist, wollte ich genau das in etwas Positives umwandeln.

Wie hast du die schlechten Nachrichten für den Kalender ausgewählt? Es hätte ja sicher noch mehr gegeben, als jetzt drin stehen. 

Es war eine Mischung aus Meldungen, die ich noch im Kopf hatte, Recherche auf Nachrichtenportalen, Wikipedia und in den Tiefen des Internets, und Gesprächen im Bekannten- und Freundeskreis. Es war erstaunlich, wie viele Dinge passiert sind, die ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte.

„Dieses Jahr ist besonders, weil die Welt eine große gemeinsame Erfahrung gemacht hat“

Zum Beispiel?

Dass die Amerikaner Anfang Januar den iranischen General Qasem Soleimani getötet haben und wir alle dachten, dass dadurch ein größerer Konflikt entstehen könnte. Wenige Tage später wurde ein ukrainisches Flugzeug mit knapp 200 Leuten an Bord von iranischen Raketen abgeschossen. Im selben Monat ist Kobe Bryant verunglückt. Das waren riesige Schlagzeilen, aber als Corona kam, hat das alles andere verdrängt.

Trotzdem könnte man auch ohne Pandemie jährlich so einen Kalender machen. Es gibt sicher immer genug schlechte Nachrichten.

Das glaube ich auch. Aber dieses Jahr ist besonders, weil die Welt eine große gemeinsame Erfahrung gemacht hat. Viele Ereignisse, vom Klimawandel mal abgesehen, betreffen sonst eher einzelne Länder und Gruppen.

Ein paar gute Nachrichten kommen in deinem Kalender auch vor. Zum Beispiel, dass der 9. August in Neuseeland der hundertste Tag ohne Neuinfektionen war.

Das wirkt wie eine gute Nachricht, ja, aber man wird auch daran erinnert, wie traurig es ist, dass das etwas Besonderes ist. Es steht auch drin, dass am 11. März Harvey Weinstein verurteilt wurde, weil es Bewusstsein dafür schafft, dass er überhaupt so lange seine Machenschaften durchziehen konnte und wie viele A****löcher immer noch ungeschoren davonkommen. Oder dass Biontech am 9. November den Impfstoff angekündigt hat, entwickelt von zwei Menschen mit Migrationshintergrund, während gleichzeitig in Dresden eine rassistische Pegida-Demo lief.

„Das Ganze soll nicht so wirken als würde ich aus dem Leid anderer Menschen was Lustiges machen wollen“

Die Kalender-Idee wirkt im ersten Moment witzig,  jetzt im Gespräch wirkst du aber eher besorgt.

Was mir ganz wichtig ist: Das Ganze soll nicht so wirken als würde ich aus dem Leid anderer Menschen was Lustiges machen wollen! Klar, der Kalender ist makaber und sicher auch nicht für jeden etwas – manche wollen ja auch einfach nur einen Haken hinter ein Jahr machen und nicht mehr zurückdenken. Aber wer möchte, kann damit nochmal zurückschauen, was alles schief gelaufen ist, und sich motivieren lassen, Dinge in die Hand zu nehmen und zu verändern. Wenn es zum Beispiel um den Klimawandel geht, können wir alle selbst aktiv werden. Zum anderen geht es mir darum, dass man sich im kommenden Jahr nicht so sehr über Kleinigkeiten aufregen sollte. Denn wenn man sich klarmacht, wie viel schlechter es einem gehen könnte, wird vieles in Perspektive gerückt.

Wie geht es dir jetzt, nachdem du nochmal all die schlechten Nachrichten gelesen hast?

Ganz gut. Die US-Wahl war nochmal etwas anstrengend, aber danach war ich guter Dinge, dass das nächste Jahr besser wird.

2020 ist aber noch nicht vorbei.

Stimmt, für Dezember konnte ich nur Sachen eintragen, von denen man weiß, dass sie eintreffen werden: Weihnachten wird anders sein als sonst und es wird gemeldet werden, dass 2020 eines der heißesten Jahre seit Beginn der Messungen war. Ich hoffe aber, dass wir bis Jahresende nicht alle von Aliens entführt werden oder doch noch ein paar Zombies auftauchen. Dann müsste ich nochmal nachdrucken. 

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