„Hat unsere Bundesregierung etwa Humor?!“

Das fragen sich derzeit viele im Netz. Die Regierung hat nämlich Videos veröffentlicht, in denen junge Menschen auf der Couch als Held*innen der Zukunft inszeniert werden – und erntet dafür Lob wie Kritik.

„Ich glaube, das war im Winter 2020, als das ganze Land auf uns schaute“, erzählt ein älterer Herr in rotem Pulli und grauen Sakko zu Beginn eines Videos, das die Bundesregierung im Rahmen der Kampagne “Besondere Helden” zu Eindämmung der Corona-Pandemie am Samstag veröffentlichte. Während der ältere Herr spricht, tönt im Hintergrund dramatische Streichmusik. Am unteren, linken Bildrand wird nun sein Name eingeblendet: „Anton Lehmann“, steht da, und darunter: „Im Einsatz 2020 in Chemnitz, Sachsen.“ Obwohl es ästhetisch und dramaturgisch ganz danach aussieht, teilt Anton Lehmann hier aber nicht etwa seine Erinnerungen an einen Krieg, sondern die an „die zweite Welle“ der Corona-Pandemie. Damals sei er 22 gewesen und habe Maschinenbau in Chemnitz studiert: „In diesem Alter will man doch feiern, studieren, jemanden kennenlernen, all sowas, oder mit Freunden einen trinken gehen“, sagt er. Doch „das Schicksal“ habe andere Pläne mit ihnen gehabt. „Eine unsichtbare Gefahr“, die Verbreitung des Coronavirus, habe das Land bedroht: „Also fassten wir all unseren Mut zusammen und taten, was von uns erwartet wurde. Das einzig Richtige, wir taten… nichts. Absolut nichts“.

Zusammen gegen Corona #besonderehelden

„Tage- und nächtelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus“

In der Rückblende sieht man nun den jungen Anton Lehmann: ein Hipster mit Doppelsteg-Brille und Jogginghose, der auf der Couch rumlümmelt, Fernsehen schaut und dabei Chips verdrückt. „Faul wie die Waschbären” seien sie gewesen. „Tage- und nächtelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus“, hört man den alten Lehmann aus dem Off. Pathetisch fügt er hinzu: „Unsere Couch war die Front. Und unsere Geduld war unsere Waffe“. So seien sie, die jungen Menschen, damals zu Held*innen geworden. 

Der Slogan der Kampagne: „Werde auch du zum Helden und bleib zuhause. Zusammen gegen Corona“. Mittels der Analogie von Krieg und Corona-Pandemie lautet die Message also: Junge Menschen müssen eigentlich kaum etwas dafür tun, um als Held*innen in die Geschichte einzugehen: Zu Hause bleiben, soziale Isolation, zugespitzt also: nichts. In einem zweiten Video der Kampagne, in dem Anton Lehmanns Freundin Luise in einem Tagebuch blätternd von der Corona-Zeit erzählt, heißt es: „Wir schimmelten zu Hause rum, trafen möglichst wenige Leute und verhinderten damit die Ausbreitung von Covid-19“. Darin sieht man Luise und Anton, wie sie im Bett liegen, sich gegenseitig anschmachten und dabei aus einem Eimer frittierte Hühnchenschenkel essen. „Besondere Zeiten brauchen besondere Helden“, so Luise.

Zusammen gegen Corona #besonderehelden

Die augenscheinlich aufwendig produzierte Video-Kampagne der Bundesregierung stößt auf Social Media jedoch auf geteilte Meinungen: Während die einen die humorvolle Inszenierung feiern, kritisieren die anderen, die Darstellung verkenne die Lebensrealität vieler junger Menschen in Pandemiezeiten.

„Humor? Humor! Von unserer Bundesregierung? I LOVE IT!“

„Humor? Humor! Von unserer Bundesregierung? I LOVE IT! Mehr davon“, schreibt eine Nutzerin begeistert. Einem anderen scheint es ganz ähnlich zu gehen. Er kommentiert: „Ich habe etwas Angst vor der Antwort auf diese Frage, aber ... hat unsere Bundesregierung etwa Humor?!!“ Ein weiterer Twitter-Nutzer erklärt (ganz unironisch), die Regierung setze mit diesem Video Maßstäbe:

Eine Nutzerin kritisiert die Aufmachung der Videos als Kriegsromantik

So lustig und lobenswert sehen aber nicht alle die „Besondere Helden“-Kampagne. Eine Nutzerin kritisiert die Aufmachung der Videos als Kriegsromantik. Ein anderer kritisiert:

Als ähnlich realitätsfern und unsensibel bewerten andere Nutzer*innen die Kampagne. Eine von ihnen schreibt, das sei unsensibel denjenigen gegenüber, „die keine Wahl haben und für uns (in den Kitas und Schulen, den Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen, Laboren usw.) den Kopf hinhalten müssen” - ganz abgesehen von „all jenen, die ihr Studium nicht fortsetzen können“.  

Wieder andere – beispielsweise Moderator Micky Beisenherz – finden diese Kritik an den Videos aber einfach anstrengend und meinen daran eine typische Chronologie von Twitter-Diskussionen zu erkennen:

fsk

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