Die Corona-Begrüßungen sollten auch nach der Pandemie bestehen bleiben

Ich vermisse es, Freund*innen und Familie nahe zu sein. Alle anderen könnte man aber gut für immer mit dem Ellenbogen begrüßen.
Von Magdalena Pulz
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Winkewinke! Nett gemeint, aber nicht immer eine gute Idee: Händeschütteln.

Illustration: FDE

„Scheiße, wo macht man das erste Küsschen nochmal?“, dachte ich panisch, entschied mich spontan für rechts und krachte frontal mit meinem Gesicht auf das Gesicht einer Verwandten meines Freundes. Dessen österreichische Tante hat nämlich Geburtstag und wir begrüßen uns alle, und zwar auf die ganz unangenehme Art – die Wiener Art: Vorbeugen, Küsschen (beidseitig), eine halbe Umarmung, zurückweichen, ein kleiner Tanz. Und ich, Nicht-Wienerin, in der Mitte, Unfälle sind da vorprogrammiert, ein sozialer Albtraum. 

Dabei geht das, wie ich jetzt wegen Corona weiß, viel einfacher und eleganter: Ein Ellenbogen berührt den nächsten Ellenbogen: völlig keim-, bakterien-, viren-, speichel- und unfallfrei. 

Nichts gegen Traditionen, aber das ganze Begrüßungs-Prozedere erscheint mir unsinnig kompliziert. Und das ist nicht nur im Ausland so, auch in meinem süddeutschen Heimatland, Bayern, bin ich von Begrüßung und Verabschiedung bis hin zum nervösen Giggeln überfordert. Umarmen? Die Arme um die Mitte, schräg anfliegen, oder um den Hals schlingen? Händeschütteln oder lässig Einschlagen? Winken? Zunicken? Was hab ich mir Abende versaut, im Kopf die verschiedenen Optionen durchgrasend, wie man sich hier aus der Affäre ziehen, die Kontingenz der Situation entschärfen kann.

Vorbei, diese Ängste sind coronabedingt zusammen mit den zeremoniellen Begrüßungs- und Verabschiedungs-Tänzen einfach weg. Begegnet mir wer am Flur, winke ich; steht ein Gespräch an, hebe ich den Ellenbogen, grinse und stoße so vorsichtig an, als handele es sich bei unseren Ellenbogen um zwei Sekt-Gläser aus Fleisch. Klingkling ihr Chabos! Und das ist noch nicht alles: Die Vorteile der Corona-Begrüßungen – egal ob Fuß zu Fuß oder Ellenbogen zu Ellenbogen – sind mannigfaltig: 

  • Man schmiert weder jeden Dreck, den man an U-Bahn-Griffen oder Münzgeld an der Handinnenseite gesammelt hat, in die Hand der nächsten Person, noch haucht man jemanden den eigenen potentiell übelriechenden Atem ins Ohr.
  • Trotzdem gibt man die Berührung nicht ganz auf.
  • Menschen mit schwitzigen Händen müssen keine Panik mehr haben, sich zu blamieren.
  • Frauen müssen beim Umarmen nicht mehr überlegen, wohin mit ihren Brüsten.
  • Kleine und große Menschen müssen sich nicht verkrampft zueinander strecken und recken.
  • Es gibt keine Ausrede mehr, deiner*m Ex bei der Begrüßung eine Sekunde zu lang in den Armen zu liegen.
  • Der Ellenbogen-Check sieht mit Übung selbst bei Anzugträger*innen nahezu lässig aus.
  • Ok, das letzte war gelogen, aber mir ist alles recht, solange Menschen über 30 Jahren aufhören, sich mit „coolen“ Handschlägen zu begrüßen.
  • Nachdem die Pandemie ein internationales Problem ist, hat der Ellenbogen-Check auch das Potential eine internationale Begrüßung zu werden.

Ist es ein Verlust, sich nicht mehr die Hände zu reichen?

Die allgemeine Bereitschaft wegen Corona Abstriche zu machen, etwa Freund*innen und Familie nur in kleinen Dosen zu treffen, geht zurück. Waren im Juni die Züge nichts als lange leere Flure mit verlassenen Sitzgelegenheiten, quetschen sich jetzt die Reisenden wie Löffel im Besteckfach übereinander und aneinander vorbei. Einer repräsentativen Studie der Universität Heidelberg zufolge denken mehr als die Häfte der Befragten, dass der wirtschaftliche Schaden der Corona-Maßnahmen größer war als ihr gesellschaftlicher Nutzen. Eine Ansicht, die im Übrigen auch davon abhing, ob die befragte Person jemanden kannte, die oder der erkrankt war.

Und ja, im Zusammenhang mit der Pandemie überhaupt von „Nutzen” zu sprechen, ist wie zu behaupten, die Avengers hätten New York City gerettet, nachdem am Blockbuster-Ende die halbe Stadt in Trümmern lag. Trotzdem, es gibt Veränderungen und nicht alle davon – siehe die neun-Pro-Punkte-Liste der „Corona-Begrüßung” oben – sind nur schlecht. Und ist der Corona-Check versus herkömmliche Begrüßungen nicht einfach nur das moderne Pendant der Toilette gegenüber seine Exkremente einfach auf die Straße zu kippen? Die überlegene, die hygienische Lösung?

Nicht jede Berührung schafft echte Nähe

In den vergangenen Monaten schwang bei Gesprächen über die corona-mutierten Begrüßungen eine negative Konnotation mit: Für viele sind die Ellenbogen-Checks das Sinnbild der Nähe und zwischenmenschlichen Berührung, die wir verloren haben. Ein Symbol für Menschen, die in in ihren tristen Home-Offices sitzen – Wohnungen, die vormals Schauplatz von fröhlichen Abendessen mit Freund*innen waren, Orte der Einsamkeit für entfremdete Menschen.

Die psychische Belastung der gesellschaftlichen Eingrenzungen der Pandemie ist Fakt: Personen mit einer depressiven Veranlagung sollen einer Studie zufolge in den vergangenen Monaten fünfmal so häufig depressive Symptome gezeigt haben als zuvor.  Aber da sollte man sich nicht täuschen: Den Menschen wird es wohl nicht besser gehen, nur weil sie ihrem Chef zur Begrüßung wieder die Hand schütteln dürfen, beziehungsweise auf einem Grillfest jeder einzelnen Person einmal eine halbe Sekunde den Arm umlegen können. 

Echte Nähe entsteht eben nicht durch ritualisierte Minimal-Höflichkeit. Nein, Berührung braucht Bedeutung, um auch warm zu sein: Wenn wir unseren Bruder vom Zug abholen und ihn ein bisschen zu feste drücken, oder unsere beste Freundin uns im Spaß in die Rippen boxt etwa. Diese Art der Vertrautheit ist nur wenigen Menschen vorbehalten, und wertvoll. Sich über die Corona-Begrüßungen aufzuregen, verteufelt deren hygienischen Mehrwert, indem es Berührungen von irgendwelchen Bekanntschaften überhöht – die in Wahrheit wohl die Meisten gar nicht so toll finden. Und so sagen wir zum Abschied in Zukunft hoffentlich in schönster Wiener Manier leise „Servus“, und unsere Ellenbogen küssen sich dabei.

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