Was machen lokale Händler*innen ohne die jährlichen Weihnachtsmärkte?

Fotos: Michaela Trost-Linder / presse.pullendreher.de / lio.works / Hagaff Fotografie

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Zumindest einmal über den Weihnachtsmarkt zu gehen, das ist für viele Menschen ein selbstverständlicher Teil des Winters. Für viele lokale Händler*innen sind die Weihnachtsmärkte aber vor allem eine wichtige Einnahmequelle und fest ins Jahresgeschäft einkalkuliert. Aufgrund des Lockdowns fällt dieser Vertriebsweg nun aus. Im Gespräch mit jetzt erzählen vier Unternehmer*innen, welche Auswege und Alternativen sie gefunden haben und wie es ihnen mit dem Online-Handel geht. 

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Foto: presse.pullendreher.de

Timo Reineke von „Pullendreher“

Timo Reineke, 34, hat im April 2018 mit seinem Partner Timo Buhrmester das Unternehmen „Pullendreher“ gegründet. In Iserlohn, in Nordrhein-Westfalen, entwerfen sie Gestelle aus Edelstahl, die als Ordnungs-und Ablagesystem für unterschiedlichste Dinge dienen. Ihren meisten Umsatz machten die Unternehmer bisher auf Märkten. Dieses Jahr wären sie erstmals zwei Wochen auf dem Weihnachtsmarkt in Winterberg vertreten gewesen, wenn Corona ihnen keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

„Ich sage immer: Weihnachten ist wie 1000 Geburtstage gleichzeitig. Für uns ist das gut, denn wir erleben, dass unser Produkt gerne verschenkt wird. Es ist eine Überraschung, bei der man davon ausgehen kann, dass der*die Andere sie noch nicht kennt. Das Weihnachtsgeschäft ist für uns also sehr wichtig. Die Messen, auf denen wir im Oktober und November normalerweise ausgestellt haben, waren immer am stärksten besucht. Vor Corona haben wir unsere Produkte zu 90 Prozent auf Messen verkauft. 

Als junges Start-up ist es oft nicht leicht, auf Christkindlmärkten einen Standplatz zu bekommen. Dieses Jahr wären wir das erste Mal in den zwei Wochen direkt vor Weihnachten auf einem Markt vertreten gewesen. Nun sind es nur noch ein paar kleine Online-Adventmärkte.

Online muss alles sehr schnell und effizient gehen. Uns fehlen spontane und längere Begegnungen mit den Kund*innen

Wir haben zwar schon länger einen eigenen Onlineshop, allerdings stand er für uns immer an zweiter Stelle. Deshalb haben wir zum Beispiel keine richtige Online-Marketing-Technik entwickelt. Durch die Pandemie mussten wir uns im Netz schnell professionalisieren. Eine besondere Herausforderung ergibt sich dadurch, dass die Leute nach dem Namen unseres Produkts, „Pullendreher“, online nicht suchen. Der Name ist eine Wortneuschöpfung von uns und steht ursprünglich für die Idee, in unseren Halterungen nicht aufgebrauchte Grillsaucen auf den Kopf stellen zu können, damit sie stabil stehen und nicht ständig umfallen. Der Name sollte am Stand neugierig machen, doch die Anzeigenschaltung im Internet ist dadurch natürlich schwierig. 

Online muss alles sehr schnell und effizient gehen. Uns fehlen spontane und längere Begegnungen mit den Kund*innen. Auf den Märkten haben wir immer einen „Activity-Stand“ aufgebaut und die Menschen, die vorbeikamen dazu motiviert, die Pins der Pullendreher selbst neu anzuordnen. Dort war auch mehr Zeit, um die Geschichte und die Werte hinter unserer Erfindung zu erzählen. Über unseren Fokus auf Nachhaltigkeit und eine regionale, soziale und faire Herstellung. Wir arbeiten zum Beispiel mit einer Behindertenwerkstatt der Diakonie zusammen. Letztes Jahr gab es dort auch einen Adventsbasar, der dieses Jahr leider auch ausgefallen ist. 

Parallel zum persönlichen Kund*innenkontakt hatten wir im November 2019 die Idee, mit dem Einzelhandel, beispielsweise mit Grill-und Dekoläden, zu kooperieren und unsere Pullendreher dort anzubieten. Einige Verträge lagen bereit, doch mit der Pandemie fiel dieser Plan leider ins Wasser, da der Einzelhandel nun selbst ums Überleben kämpft. Im neuen Jahr wollen wir unseren Fokus daher auf den Privatkund*innen-Vertrieb legen. Doch wir freuen uns auch über Kooperationen und hoffen weiterhin darauf, dass größere Firmen uns als junges Start-up einen Platz in ihrem Sortiment geben und Interesse daran haben, dadurch auch ihr eigenes Image aufzubessern.“

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Foto: lio.works

Leonora Kitter von „lio.works“

 

Leonora Kitter, 27 kommt aus Wien. In der Schule hat sie die Basis des Goldschmiedens gelernt und sich 2016 mit ihrer Schmuck-Marke „lio.works“ selbstständig gemacht. Von ihren eigenen Schmuckkreationen, die oftmals geometrische Formen, wie zum Beispiel Fünf-oder Sechsecke annehmen, verkauft sie zu Weihnachten besonders viele. Die vergangenen Jahre auch auf zwei Adventsmärkten. Dieses Jahr allerdings nur online.

„Zu Beginn meiner Schmuck-Karriere habe ich versucht, das ganze Jahr über an Märkten teilzunehmen. Ich habe dann aber schnell beschlossen, mich doch auf das Weihnachtsgeschäft zu fokussieren. Nur da hat sich der Verkauf wirklich für mich ausgezahlt. Auch in meinem Online-Etsy-Shop war in der Weihnachtszeit immer am meisten los.

Was mir sehr geholfen hat ist, dass ich mittlerweile eine große Zahl meiner Kund*innen auf Social Media erreiche

Dieses Jahr ist mir aufgefallen, dass das Weihnachtsgeschäft erst spät begonnen hat. Erst im Dezember. Normalerweise startet es bereits Anfang/Mitte November. Vermutlich sind die Menschen dieses Jahr nicht so leicht in Weihnachtsstimmung gekommen. Die Geschäfte mit ihren verzierten Auslagen hatten hier in Wien lange geschlossen und es fehlten auch die sonst vielen Punschstände auf der Straße. Trotzdem ist das Weihnachtsgeschäft bei mir  – gemessen an den Umständen – recht gut verlaufen. Ich habe eher ein wenig Angst vor nächstem Jahr und frage mich, ob die Menschen sich auch dann noch Luxusgüter wie Schmuck kaufen können, falls die Krise noch länger anhält. 

Was mir sehr geholfen hat ist, dass ich mittlerweile eine große Zahl meiner Kund*innen auf Social Media erreiche. Von der jüngeren Zielgruppe in meinem Alter erhalte ich viele Aufträge über diese Plattform. Dadurch verbringe ich derzeit 30 bis 40 Prozent meiner Arbeitszeit vor dem Computer oder dem Handy, um meine Arbeit auf Facebook und Instagram zu dokumentieren und zu präsentieren. Es ist definitiv nicht meine Lieblingsaufgabe, da ich das Handwerken so liebe. Ich habe mir öfter gedacht, dass ich das Online-Marketing als erste Aufgabe abgeben würde, wenn ich mir eine*n Angestellte*n leisten könnte. Allerdings ist es mir gleichzeitig sehr wichtig, dass man merkt, dass ich persönlich dahinter stehe. 

Das ist es auch, was mir an den Christkindlmärkten fehlt. Im persönlichen Kontakt mit den Kund*innen kann ich besser vermitteln, dass mein Schmuck handgemacht und kein Massenprodukt ist. Ich kann über die Arbeit und die Materialien erzählen, die dahinterstecken. Es gefällt mir, wenn Leute genauer nachfragen und auch an dem Handwerk an sich interessiert sind. Auf den Märkten kann ich auch besser einschätzen, welche Leute ich mit meinem Schmuck erreiche. Dort sind es natürlich auch diejenigen, die zum Beispiel etwas älter sind und nicht so einen starken Bezug zur Online-Welt haben. 

Was mir persönlich während der Pandemie geholfen hat ist, dass ich zumindest weiter in die Werkstatt gehen konnte, um dort zu arbeiten. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal in eine richtige Werkstatt von einem Freund eingemietet, wo es größere Geräte und Maschinen zum Goldschmieden gibt, die ich bisher nicht hatte. Der Zeitpunkt für diesen Schritt war natürlich nicht sehr günstig gewählt und wir sind sehr abhängig von den Weihnachtseinnahmen. Doch wenn alles klappt, soll es dort ab dem Frühjahr auch einen eigenen Ausstellungsraum mit fixen Öffnungszeiten geben.“ 

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Foto: Hagaff Fotografie

Manuel Sanktjohanser von „Life Tree“

 

Manuel Sanktjohanser, 38 hat mit seinem Kollegen Martin Benedek 2009 die Bekleidungsmarke „Life Tree“ gegründet. Fair gehandelte, regional hergestellte Textilien werden mit den eigenen künstlerischen Motiven von Martin Benedek bedruckt, der sich vor allem auf das Zeichnen von Bäumen spezialisiert hat. Den meisten Umsatz machte das Unternehmen auf dem Tollwood-Festival in München. Dieses Jahr wurde das Festival abgesagt.

„Die Teilnahme am Tollwood-Festival war für uns ein Durchbruch und wir begannen mit unserer Bekleidung auch etwas zu verdienen. Das Festival findet zwei Mal jährlich, einmal im Sommer und einmal im Winter, statt. Vor allem zu Weihnachten machten wir an unserem Stand dort unseren Hauptumsatz. Das erste Mal seit 2014 Jahren können wir dieses Jahr nicht dort sein.

Durch die Krise geholfen hat uns, dass wir früh genug wussten, dass das Winterfestival nicht stattfinden würde. Wir konnten somit rechtzeitig unsere Ausgaben reduzieren. Unsere Kollektion für das Tollwood haben wir immer recht knapp vorher produziert, damit wir unsere Zahlungen für das Bedrucken der Kleidung, die Plakate und die Standmiete schnell wieder durch den dortigen Umsatz ausgleichen konnten. Diese kurzfristig Planung, die sonst eine Herausforderung für uns dargestellt hat, war dieses Jahr unser Glück. 

Auch hat uns geholfen, dass wir seit einiger Zeit versuchen, uns mit unserer Marke auch unabhängig vom Festival weiterzuentwickeln. Wir hatten anfangs nur eine Internetseite, doch nun hat „Life Tree“ auch einen eigenen Onlineshop und vor drei Jahren haben wir in Augsburg einen kleinen Laden aufgemacht, der drei Mal die Woche geöffnet hat. Mit unseren Einnahmen, die uns vom Tollwood übriggeblieben sind, haben wir mit beliebten Motiven eine Basiskollektion entworfen, die wir dort aufbewahren. Für den Online-Weihnachtsverkauf reicht unser Lagerbestand somit in diesem Jahr.  

Für das Marketing haben wir im Sommer durch zwei Initiativen der Stadt Unterstützung bekommen, die Online-Gutscheine für lokale Läden zur Verfügung gestellt haben. Auch ein kurzer Beitrag in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks hat uns geholfen. Wir merken an unseren Bestellungen jetzt zu Weihnachten außerdem, dass einige Stammkunden vom Tollwood uns in der digitalen Welt gefunden haben und unterstützen wollen. 

Wir versuchen die Zeit, die wir durch das ausfallende Festival gewonnen haben, jetzt für andere Dinge zu nutzen

Natürlich fehlt uns das Festival trotzdem. Vor allem der persönliche Kontakt zu den Menschen. Martin hat an unserem Stand letztes Jahr neben unseren T-Shirts auch erstmals seine eigenen Bilder und Skulpturen ausgestellt. Das ist dieses Jahr leider nicht möglich. Wir versuchen die Zeit, die wir durch das ausfallende Festival gewonnen haben, jetzt für andere Dinge zu nutzen. Auf Social Media beispielsweise waren wir beide bisher nicht besonders aktiv und beginnen gerade unsere Instagram-Seite lebendiger zu gestalten.

In Zukunft wollen wir auch versuchen, unseren Vertrieb zu verbessern. Im September waren wir glücklicherweise noch bei einer Vertriebsmesse, über die wir erste Läden gefunden haben, mit denen wir kooperieren können. Vor dem Lockdown ist auch der Kontakt zu einem Bergsportgeschäft entstanden. Gerade planen wir gemeinsam eine neue Kollektion. Wir wollen unser Angebot auf funktionale Kleidung erweitern, die sich besonders für den Outdoor-, Sport- und Arbeitsbereich eignet.“

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Foto: privat

Michaela Trost-Linder von „federengel“

 

Michaela Trost-Linder, 50 hat vor zwölf Jahren das Unternehmen „federengel“ ihrer Tante übernommen. Im Keller ihres Wohnhauses in Scheyern fabriziert sie Federengelchen, verziert mit vielfältigen Accessoires. Zum ersten Mal seit Übernahme des Unternehmens kann sie diese Jahr nicht am Weihnachtsmarkt am Marienplatz verkaufen. 

„Der Weihnachtsmarkt war immer mein Hauptaugenmerk. Gemeinsam mit zwei Damen, die ich beschäftige, arbeite ich jedes Jahr elf Monate an unseren Engelchen. Einmal in der Saison verkaufen wir sie dann am Christkindlmarkt auf dem Marienplatz. Wir beliefern auch andere Händler*innen, zum Beispiel in Salzburg und Regensburg. Dieses Jahr fällt das leider alles weg. 

Der Online-Markt ist so riesengroß. Da muss man erst einmal gefunden werden

Ich habe zwar schon länger einen Onlineshop, doch davon konnte ich bisher kaum leben. Seit der Corona-Pandemie  investiere ich mehr Energie da rein und versuche, ihn neu zu gestalten. Ich muss zugeben, dass mich der Online-Verkauf oft ein bisschen überfordert. Der Online-Markt ist so riesengroß. Da muss man erst einmal gefunden werden. Ich hatte das Glück, dass mich einige meiner Kund*innen aus München, die sonst den Christkindlmarkt besuchen, über das Etikett gefunden haben, das auf unseren Engeln angebracht ist. Darauf steht auch die Adresse des Online-Shops.

Geholfen haben mir auch ein paar Ladenbesitzer*innen in der Stadt. Ich habe passendes Mobile für sie kreiert, das sie als Blickfang in ihrem Geschäft aufhängen konnten. Für einen Bäcker zum Beispiel einen Engel mit Nudelholz, Backblech, Plätzchen und einem Hefezopf in der Hand. Oder einen mit Strick und Nähzeug für einen Handarbeitsladen. Die Läden haben dafür ihren Kund*innen von meinem Online-Shop erzählt.

Ein neues Angebot, das durch Corona entstand, ist auch die Möglichkeit ein Engelchen mit einer Grußkarte direkt an eine bestimmte Adresse senden zu lassen. Damit es auch diejenigen erreichen kann, die nicht außer Haus gehen und keinen Besuch bekommen können, da sie zum Beispiel Risikopatient*innen sind. Bis zum Lockdown konnte man die Engel auch erstmals direkt in der Werkstatt abholen, nachdem man sie online bestellt hat. 

Leider ist mein Geschäft dieses Jahr trotzdem nicht mit den vergangenen Jahren zu vergleichen. Der Christkindlmarkt fehlt mir emotional und finanziell sehr. Die Stimmung, die persönlichen Gespräche mit den Kund*innen, das gemeinsame Lachen. Und der Marienplatz war natürlich eine gute Anlaufstelle für Tourist*innen und Laufkundschaft. Ein Engel kostet fünf bis sechs Euro pro Stück, doch es läppert sich natürlich zusammen.

Wenn es so weitergeht wie bisher, wird mein Umsatz dieses Jahr wohl bei einem Drittel des normalen Weihnachtsumsatzes liegen. Außerdem wird viel Ware im Keller übrigbleiben. Mal sehen, was am Ende der Weihnachtssaison unterm Strich herauskommt. Eine sehr wichtige Frage ist derzeit für mich, ob ich meine beiden Mitarbeiterinnen trotz allem weiter beschäftigen kann. Ich hoffe es sehr.“

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