Mädchen, steht ihr auf Männer, die euch an euren Vater erinnern?

Dieser Mythos lässt uns keine Ruhe.
Von Kolja Haaf und Nina Büchs

„Toll, der raucht sicher auch Zigarre - wie mein Vati! Den muss ich kennenlernen.“

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen,

eine Bitte: Schließt einmal die Augen. Atmet ein und sinkt tief, tief zurück in die geborgenen Dämmerstunden eures frühkindlichen Unterbewusstseins. Um euch Dunkelheit, wohlige Wärme. Ihr schaut an euch herunter und seht das breibekleckerte Kleidchen von damals, unter dem die unbeholfenen Beine vorwärts watscheln. Ihr wisst nicht wohin, aber ihr habt keine Angst. Denn aus dem weichen Schatten um euch herum kommt eine beruhigende, sonore Stimme, die euch lenkt, die euch Mut macht. Ihr lauft schneller, immer schneller, quiekt vergnügt auf und – fallt. Jede Kontrolle ist weg! Der Boden kommt immer näher! Ohweh! Doch als sich schon in eurem Innern ein herzzerreißendes Schluchzen formt, da fangen euch zwei starke, zärtliche Hände auf, wirbeln euch unbekümmert in die Luft und drücken euch dann an die stoppeligen, herb duftenden Wangen eines gütig lächelnden Gesichts. Euer Blick klärt sich und ihr erkennt – euren Boyfriend. Oder wie jetzt?

Es gibt da nämlich einen sehr hartnäckigen und sehr beunruhigenden, küchenpsychologischen Mythos. Der besagt, dass Frauen unbewusst einen Partner suchen, der ihrem Vater ähnlich ist. Aufgemacht wurde dieses Fass von Sigmund Freud und C. G. Jung und ihren fragwürdigen Konzepten des Ödipus- bzw. Elektrakomplexes, durch den angeblich die sexuellen Wünsche eines Kindes auf den Elternteil des jeweilig entgegengesetzten Geschlechts gelenkt werden. Später hat sich dann mit Begriffen wie „Daddy Issues“ oder „Vaterkomplex“ in der Popkultur die Vorstellung gehalten, dass insbesondere Frauen in ihren Partnern einen Vaterersatz suchen. Weil scheinbar die Zuneigung des Vaters, häufiger als die der Mutter, Mangelware ist. Und mittlerweile hat auch die moderne psychologische Forschung ein paar interessante Experimente dazu angestellt.

„Swipe nach rechts, wenn du Reinhard heißt!“

Also, ist das so? Beziehungsweise ist da was dran? Kann es sein, dass euer Triebleben, eure Libido, eure Sehnsucht, eure Präferenz oder sonst irgendwas da drinnen – und wenn auch nur zu einem verschwindend kleinen Teil – euren Vater als das Ur- und Idealbild des Mannes verinnerlicht hat? Kann es ganz, ganz eventuell sein, dass da irgendwo hinter eurer Stirn ein winziger, emsig werkelnder Freud sitzt, der die sonore Stimme, den dichten Schnauzer und den herben Wohlgeruch eures Dates mit denen von Papa abgleicht? Und euch zuraunt, dass eure innere Leere nur durch sein Ebenbild gefüllt werden kann?

Nur um eins klarzustellen: Wir halten das ja eher für hochgradigen Quark. Weder haben wir Frauen jemals was in der Richtung zugeben hören, noch sind wir bisher auf ein Tinderprofil mit der Ansage „Swipe nach rechts, wenn du Reinhard heißt!“ gestoßen. Abgesehen davon finden wir die Vorstellung, für euch eigentlich nur quasi-inzestuöse Lückenfüller zu sein, fundamental verstörend. 

Trotzdem, nur um das ein für allemal aus der Welt zu schaffen und damit wir wieder ruhig schlafen können: Steht ihr auf Männer, die euch an euren Vater erinnern? Und wenn ja, welches Aftershave benutzt er?

Die Couch für euch frei machend,

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

Liebe Jungs,

mal ganz ehrlich: Warum haltet ihr den Gedanken für so abwegig? Schließlich spielen Väter für viele von uns als erste männliche Bezugsperson unseres frühkindlichen Lebens häufig eine wichtige Rolle. Kein Wunder also, dass uns die Beziehung zu unserem Vater schon im Kindesalter beeinflusst und sich – in vielen Fällen – tatsächlich auf unsere Partnerwahl auswirkt.

Und nein, wir kommen jetzt nicht mit irgendeiner schwachsinnigen Küchenpsychologie um die Ecke! Das Ganze lässt sich tatsächlich erklären.

Menschen wie Christian Thiel, Partnerschaftsberater

in Berlin, vertreten die These, dass sich Frauen bei der Partnerwahl unterbewusst oft am eigenen Vater orientieren, vorausgesetzt der Vater konnte schon im Kindesalter eine positive Bindung zu seiner Tochter aufbauen. Belegt wird dies auch durch die Studie der Londoner Royal Society, für die Forscher die Proportionen von 300 Gesichtern analysierten und bei rund 80 Prozent der Teilnehmerinnen Ähnlichkeiten zwischen dem Aussehen der Väter und dem Aussehen der Partner der Töchter feststellten. Übrigens ist das laut der Studie nicht nur bei uns Frauen so. Auch ihr Männer scheint uns unterbewusst sympathisch(er) zu finden, wenn ihr feststellt, dass wir eurer Mutter ähnlich seht. 

Aber Achtung, jetzt bloß nicht verzweifeln! Natürlich gibt es auch hier Abweichungen: Rund 20 Prozent der Frauen (und Männer wohlgemerkt!) wählen Thiel zufolge meist das genaue Gegenteil seines oder ihres gegengeschlechtlichen Elternteils.

Keine Sorge, wir swipen nicht nach links, wenn unser Vater blond ist, ihr aber dunkelhaarig seid

Thiels Beobachtung kann ich auch auf mein persönliches Umfeld beziehen. Denn bei einigen meiner Freundinnen stelle ich tatsächlich fest, dass sie sich bei der Partnerwahl gelegentlich an ihrem eigenen Vater orientieren – zumindest charakterlich. Oft sind es zwar nur die kleinen Gemeinsamkeiten, zum Beispiel ein ähnlicher Humor oder der gleiche Tick, die Socken lieber unter dem Bett zu verstecken als im Wäschekorb zu verräumen. Nichtsdestotrotz: Ein paar Ähnlichkeiten gibt es zwischen den Partnern meiner Freundinnen und ihren Vätern nun mal wirklich.

Vielleicht ist die Antwort auf diese komplexe Frage aber auch das vorgelebte väterliche Rollenbild, das einige von uns im Laufe der Jahre verinnerlicht haben und das wir nun versuchen, später auf unsere eigene Familie zu anzuwenden. Ob bewusst oder eben unbewusst. 

Aber was heißt das jetzt im Klartext für euch? Eines ist sicher: Als junge, unabhängige Frauen brauchen wir keine starken Arme, die uns vor dem Fallen bewahren, vor Gefahren schützen oder uns den richtigen Weg weisen. Und keine Sorge, wir swipen nicht nach links, wenn unser Vater blond ist, ihr aber dunkelhaarig seid. Was wir vor allem bei einem Partner suchen: Eine ehrliche Haut, einen besten Freund, der die gleichen Werte teilt und der uns ein gutes Gefühl gibt. Dafür müsst ihr wirklich kein Vater-Klon sein. Egal, welches Aftershave ihr benutzt. 

Bis bald, 

eure Mädchen 

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