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Bildrechte: zettberlin / photocase.de; Illustration: jetzt

Liebe Mädchen,

Familie ist ja irgendwie wichtig. Sehen wir ein. Da kennt man sich, versteht sich, tröstet sich, verzeiht sich (bestenfalls). Gleichzeitig haben die meisten von uns grob zwischen der Pubertät und spätestens bis 30 das dringende Bedürfnis, unabhängig von den Eltern zu werden.

Männer, die mit Mitte 20 noch bei Mama wohnen, gelten als Muttersöhnchen, als unselbstständig und faul. Ein weibliches Äquivalent zum Muttersöhnchen fällt mir gerade nicht ein. Die Nähe zur Familie ist bei euch eher nicht Selbstständigkeits-Manko, sondern eine Art emotionale Homebase. Natürlich sind die meisten von euch auch schon von daheim ausgezogen, aber eure Nähe zur Familie pflegt ihr im Gegensatz zu uns mit Stolz und nicht mit Scham oder Heimlichkeit.

Wäre es vielleicht viel schöner, wenn wir auch so ein enges Verhältnis zu unserer Mutter hätten?

Ein Ritual fällt hier oft besonders auf: das ausführliche abendliche Telefonat mit der Mutter. Selbst, wenn wir euch noch nicht so lange kennen oder gerade nackt neben euch im Bett liegen – wenn das Telefon klingelt, nehmen viele von euch ganz ohne Bedenken ab und erzählen einfach mal so alles – bei einem besonders guten Verhältnis sogar, dass wir da gerade neben euch liegen. Künftig lernen wir: Der Mama-Anruf am Abend ist Pflicht, natürlich nicht bei allen von euch, aber eben doch mehr als bei uns. Eine solche Vertrautheit und Regelmäßigkeit kommt uns sehr speziell vor. Einen Anruf der Mutter anzunehmen, wenn man sich gerade noch als total selbstständiger Obermacker präsentieren wollte, ist für uns eher unvorstellbar!

Aber vielleicht liegt hier auch gerade unser Problem: Wäre es vielleicht viel schöner, wenn auch wir uns so ein enges Verhältnis zu unserer Mutter leisten könnten, oder auch zum Vater? Wenn wir das auch so offen zur Schau stellen könnten? Wenn wir uns jeden Abend einen guten Rat, ein offenes Ohr oder einfach nur Gossip von Onkel Rainers siebter Hochzeit anhören könnten? Oder habt ihr manchmal das Gefühl, dass diese Nähe auch irgendwie einengt und ihr dringend mal „erwachsen“ werden solltet, was auch immer das heißen soll?

Eure Jungs

PS: Noch eine Frage: Was macht euer Vater eigentlich falsch, dass er meist nur den Hörer weiterreichen darf?

Die Mädchenantwort:

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Collage: jetzt.de

Liebe Jungs,

zuerst einmal: Ja, wir rufen unsere Mamas oft an. Die einen täglich, die anderen nur einmal pro Woche. Wir finden diese Nähe aber nicht einengend, sondern eher befreiend. Sich mal alles von der Seele reden, fühlt sich so gut an. Und gehört es nicht zum Erwachsenwerden dazu, dass man sich auch mal einen Rat holt? Dass man erkennt: Es ist ganz normal, nach Hilfe zu fragen. Wir können deshalb viel lockerer und entspannter mit unserer Mutter telefonieren als ihr. Da macht es uns auch nichts aus, wer da gerade nackt neben uns liegt. Manchmal retten uns diese Anrufe sogar aus unangenehmen Situationen. Zum Beispiel, wenn wir auf dem Weg von der Bahnstation nach Hause sind und Angst haben, alleine durch die dunklen Straßen zu schleichen.

Das hat sogar einen wissenschaftlichen Hintergrund: Bei Mama-Anrufen wird bei uns das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Das haben Wissenschaftler der University of Wisconsin-Madison herausgefunden. Oxytocin, das kennt ihr doch auch, liebe Jungs, das ist das sogenannte Kuschelhormon. Wir fühlen uns weniger gestresst, haben weniger Angst nachdem wir mit Mama telefoniert haben. Kein Wunder also, dass unsere Mama für die meisten von uns eine der wichtigsten Bezugspersonen bleibt, auch noch, wenn wir eigentlich schon „erwachsen“ sein sollten.

Ruft einfach mal bei eurer Mama durch und probiert es aus!

Dass ihr von diesen guten Gefühlen nicht profitieren wollt, fällt uns tatsächlich schwer zu glauben. Sobald bei euch die ersten Barthärchen sprießen, wollt ihr nicht mal mehr mit eurer Mutter gesehen werden. Dabei ist das in anderen Ländern ganz anders. Schaut euch doch mal  die Männern in Portugal oder Spanien an! Die sieht man nicht selten mit ihren Müttern vollkommen ungeniert Hand in Hand spazieren gehen.

Natürlich könnte man hier den Bogen zu unserer Gesellschaft spannen, die Jungs, die an ihren Müttern hängen, als „Muttersöhnchen“ abwertet. Aber seien wir mal ehrlich: Ihr könnt doch selbst den Unterschied machen. Ruft einfach mal bei eurer Mama durch und probiert es aus! Beim ersten Mal wird sie vielleicht noch etwas überrascht sein, aber sich bestimmt freuen. Schließlich musste sie bisher immer die Initiative ergreifen.

Und betrachtet es mal so: Wenn ihr es jetzt nicht schafft, mit euren Müttern zu reden, dann könnt ihr das später mit euren Kindern vielleicht auch nicht.

Diese mangelnde Kommunikationsfähigkeit scheint ein generationenübergreifendes Problem zu sein, wie wir an unseren Vätern sehen. Ihr fragt euch, warum die nur den Hörer weiterreichen, wenn wir mal wieder anrufen? Das fragen wir uns auch! Es ist ja nicht so, als würden wir nicht miteinander reden wollen, aber meistens scheitert der Versuch schon bei der Themenfindung. Die Dialoge laufen immer ähnlich ab, ein „Und sonst so?“ folgt auf Fragen zum Job oder zur Uni. Danach ein zustimmendes „Hm, ja bei mir auch“, das Telefon ist schon fast bei Mama und das Gespräch für gewöhnlich nach ein paar Minuten beendet, ohne dass es überhaupt begonnen hat.

Achja, und wenn ihr wollt, dann nennt uns doch „Muttertöchterchen“. Das ist kein Problem für uns. So können wir auch etwas dazu beitragen, dass diese Begriffe endlich positiv besetzt werden.

Eure Mädchen

PS: Bei Onkel Rainers siebter Hochzeit ging’s echt ab. Er hat geschworen, dass es „jetzt wirklich die letzte“ war.