Wir sind die „Kanackische Welle“

Malcolm und Marcel sind Journalisten mit „Migrationsvordergrund“. In ihrer neuen jetzt-Kolumne besprechen sie Identität und Rassismus aus post-migrantischer Perspektive.
Von Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia
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Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia wollen mit ihrem Podcast „Kanackische Welle“ eine post-migrantische Perspektive in die Medienlandschaft bringen.

Foto: Nelson Ndongala; Bearbeitung: jetzt

Weil sie sich in der Medienlandschaft nicht repräsentiert fühlten, haben Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia einen eigenen Podcast gestartet: die „Kanackische Welle“. In der Kolumne dazu schreiben sie hier alle zwei Wochen über Identität, Popkultur, Sexualität, Rassismus, Politik, Sport und vieles mehr – aus einer post-migrantischen Perspektive.

Im Herbst 2017 entdeckt Malcolm bei seiner Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Artikel eines Kollegen, den er noch nicht kannte: „Haarausfall mit Anfang 20: Mein Kopf sieht aus wie ein Deo-Roller“. Das Thema findet er persönlich nicht so spannend, den Namen des Autors umso mehr: Marcel Aburakia. Malcolm hat schon vier Jahre in dem Laden gearbeitet und ist gefühlt die einzige Person mit „Migrationsvordergrund“. Entsprechend hat er noch nie einen arabischen Nachnamen in einer Autorenzeile aus seiner Redaktion gesehen. Auf Twitter schreibt er Marcel an: „Hey, cooler Artikel!“ – „Danke dir!“

Wir beide, Marcel und Malcolm, sind uns schnell einig, dass „ausländisch“ markiert zu sein und in deutschen Redaktionen zu arbeiten zur Tortur werden kann. Dass wir viele Themen nicht durchbekommen, unterschätzt oder fehleingeschätzt werden und nie so richtig mitspielen können. Bald führen wir mehrstündige Gespräche, auch über unsere Erfahrungen mit Rassismus.

Die „Kanackische Welle“ ist zu einer Bewegung geworden

Wir wollten aber nicht ewig still in unserem Kämmerchen meckern, sondern etwas tun. Anstatt darauf zu hoffen, dass man endlich mal Moderator einer Sendung sein kann, ohne weiß zu sein und Manfred zu heißen, machten wir es einfach selbst: Wir starteten einen Podcast. In Anlehnung an den Bayerischen Rundfunk nannten wir ihn „Kanackischer Rundfunk“ und nahmen Sendungen auf unserem Smartphone auf. Wir wollten ein alternatives Hörfunk-Angebot bieten für Ausländer*innen und für Deutsche mit Mehrfach-Identitäten. Mittlerweile heißen wir „Kanackische Welle“, weil wir uns auch als eine Bewegung sehen, die über den Podcast hinausgeht.

Zwei Mal im Monat veröffentlichen wir seitdem ganz frei von weiß-redaktionellen Ketten Audio-Sendungen. Wir sprechen davon, warum wir uns selbst verstellt haben im weiß-deutschen Freundeskreis und zum Beispiel so taten, als würde uns eine Musikrichtung gefallen, die wir hassen. Wir erzählen im Podcast, warum wir welche rassistischen Pornos angucken und wie wir damit umgehen wollen oder besprechen, dass wir uns auch mal unsolidarisch mit unseren Cousinen und Schwestern verhalten haben, weil wir als Jungs unsere Privilegien nicht verlieren wollten.

Unsere Wellis, so nennen wir unsere Zuhörer*innen, sind der 23-jährige Bankmitarbeiter mit sizilianischen Eltern, die 35-jährige weiße Mama, die ein braunes Kind mit ihrem tamilischen Mann hat, oder der deutsch-türkische Medizin-Student aus der Arbeiterschicht, der mit den ganzen Schnöseln an seiner Universität nicht klarkommt. Mit dieser neuen Kolumne bei jetzt, die euch alle zwei Wochen erreichen wird, wollen wir auch alle lese-begeisterten Wellis mit an Bord holen. Wir wollen, dass ihr euren Verwandten, Freundinnen, Onkels und Omas diese Texte schickt, um mit ihnen über Identität zu reden, oder zum Beispiel darüber, warum Albanisch eine genauso reiche und wertvolle Sprache ist wie Französisch, oder dass die Begriffe „Schwarz“ und „farbig“ eben nicht austauschbar sind. Von solchen privaten Diskussionen, losgetreten durch die Kanackische Welle, erzählen uns die Wellis immer wieder – ob auf Social Media oder nach Live-Auftritten.

Neben der ständigen Tüftelei als Podcaster haben wir auf dieser Reise auch eine innige Freundschaft entwickelt, mit einigen Schlüsselmomenten. Etwa, als Marcel mitten in einem voll besetzten uigurischen Restaurant plötzlich Rotz und Wasser heulte. Er erzählte von seiner Kindheit in gefühlter Armut und wie ihn das bis heute mitnimmt. Das war unser persönlicher „Ich Liebe Dich“-Moment, wenn wir unseren Podcast mit einer romantischen Beziehung vergleichen würden. Dieser Abend vor etwa einem Jahr hat uns zudem gezeigt, dass die Kanackische Welle mehr als ein spaßiger Ausflug in die Podcast-Welt ist. Es ist ein Herzensprojekt, mit Themen, die uns bewegen, die uns verändern, uns politischer und emotionaler machen als zuvor, mit einem Gegenüber, das uns sehr ans Herz gewachsen ist. Und da fließen auch mal Tränen. Jetzt wollen wir auch eure Tränen! Wir wollen, dass auch ihr in Zukunft mit uns lacht und weint!

Eine Welle von Männerfreundschaft, Anti-Rassismus, Queerfeminsimus und palästinensischem Hummus

Unsere Verbindung ist mittlerweile so groß geworden, dass wir uns glücklich schätzen können, Hunderttausende von euch zu erreichen mit unseren kleinen aber bedeutsamen Gesprächen. Wir wollen euch zu unserem zweijährigen Bestehen einladen, mit uns zu feiern und auf der Kanackischen Welle zu reiten, einer Welle von Männerfreundschaft, Anti-Rassismus, Queerfeminsimus, palästinensischem Hummus, ganz viel Ulk und Spaß, Gossip und viel Sex-Appeal.

Wir wollen gesellschaftliche Barrieren auf eine friedvolle und freundliche Art überwinden und über sexuelle Vorlieben, über zwischenmenschliche rassistische Abgründe, über körperliche Gesundheit und migrantische Popkultur sprechen. Durch die Kanackische Welle versuchen wir, eine Bühne zu schaffen, auf der wir uns miteinander und mit unseren wunderschönen Identitäten beschäftigen können, auf der wir Unterschiede zelebrieren und Gemeinsamkeiten hervorheben. Das ist ein Prozess für uns, bei dem wir selbst immer besser werden und lernen. In unserem Projekt versuchen wir auch neue Konzepte zu ergründen. Wie in unserer Folge „Gute Sprache, Böse Sprache“, in der wir das ungenutzte Potential von Mehrsprachigkeit besprechen. Ein Vorschlag etwa: Lernt doch Türkisch statt Latein! In unserer Folge „Selbstablehnung als Schwarzkopf – Der ‘Sunken Place’“ reflektieren wir, wie wir unsere migrantische Identität bewusst oder unbewusst negiert haben, um in der weißen Mehrheitsgesellschaft angenommen zu werden und geben dem Phänomen einen Namen. All das wollen wir ab jetzt nicht mehr nur in unserem Podcast, sondern auch regelmäßig in dieser Kolumne bei jetzt besprechen.

Was wollt ihr von uns in Zukunft lesen? Zu welchem Aspekt aus unserem Podcast wüsstet ihr gerne mehr? Schreibt der Redaktion von jetzt oder antwortet auf unsere Instagram-Storys mit Ideen! Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit euch auf der Kanackischen Welle zu reiten.

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