„Als Mann wäre er nicht mein Typ, aber als Vater“

Katharina hat einen Sohn mit einem schwulen Mann, den sie online kennen gelernt hat.
Protokoll von Sina Pousset

Illustration: Julia Schubert

Katharina, 37, hat einen Sohn (zehn Monate) mit einem schwulen Mann, den sie auf einer Internetplattform kennenlernte. Die beiden möchten gerne noch ein zweites Kind zusammen.

Das erste Mal, als ich Igor* gesehen habe, war das wie Liebe auf den ersten Blick. Er ist ein hübscher Typ und hat sich sehr gewählt ausgedrückt. Vor unserem Treffen war ich nervös wie ein Schulmädchen. Ich habe mich total aufgehübscht, obwohl ich wusste, dass er sich ja gar nicht in mich verlieben soll: Igor ist schwul und wünschte sich wie ich ein Kind. Wir haben uns auf familyship, einer Internetplattform für alternative Familienplanung, kennen gelernt. Schon sein Profil hat mir gefallen, er schrieb: Ich will mit dir alles teilen, ich will mit dir lachen, ich will mit dir weinen. Das war tiefergehender als die meisten Texte.

Igor war der zweite oder dritte Kontakt, den ich auf der Plattform hatte. Ein Typ hat sich mit einem Video beworben und meinte, er hätte mit seinem Sperma schon viele Frauen glücklich gemacht. Mit einem anderen Mann habe ich mich sogar getroffen, aber die Chemie stimmte einfach nicht. Bei Igor dachte ich gleich: Den muss ich treffen! Wir haben uns erst ein paar Wochen geschrieben.

Ich wollte gerne eine Familie und nicht nur ein Kind

Igor hatte lange einen Partner, der aber keine Kinder wollte. Ich war Mitte Dreißig und nach einer langen Beziehung auf einmal single. Mit Partnerbörsen und Onlinedating hatte ich überhaupt kein Glück. Ich wusste aber, dass ich Mutter werden will und dass die Uhr tickt, also habe ich mich im Kinderwunschzentrum über Möglichkeiten informiert. Als alleinstehende Frau darf ich in Deutschland kein Kind adoptieren, auch Samenspende ist kompliziert. In Deutschland muss ein Kind dafür zwei eingetragene Elternteile haben. Es hätte also jemand aus Familien- oder Freundeskreis die Elternschaft für meinen Todesfall übernehmen müssen. Ich hätte auch im Ausland nach einem Spender suchen können, aber ich wollte gerne eine Familie und nicht nur ein Kind. Bei Samenspende hat man außerdem kein Recht auf Unterhalt und ich hätte wahrscheinlich einen Kredit aufnehmen müssen. Mir wurde klar: Ich möchte ein Kind, aber nicht um jeden Preis. Über Co-Parenting habe ich auf einem Blog erfahren und dachte: Ich hab ja nichts zu verlieren.

Dass Igor der Vater meines Kindes sein soll, wusste ich relativ früh. Meine Mutter sagt manchmal: „Können wir da nicht ’nen Schalter umlegen? Der wär’ doch was für dich!“ Ich bin eher die Wilde, die einfach macht, er ist mehr konservativ und geradlinig. Als Mann wäre er nicht mein Typ, aber als Vater für unseren Sohn kann ich mir keinen Besseren vorstellen. Wenn man einen Lebenspartner sucht, und keinen Liebespartner, hat man auf einmal ein anderes Raster.

Natürlich hatte ich zwischendurch auch mal Panik

Wir haben uns trotzdem erst mal Zeit gegeben. Ein paar Monate lang haben wir uns regelmäßig getroffen, sind ins Kino oder ins Museum gegangen. Es ging erst mal ums Kind: Wie machen wir das mit dem Impfen? Und wie mit dem Nachnamen? Was, wenn es behindert ist? Erst dann ging es um uns: Welche Musik hörst du? Wohin reist du gern? Danach haben wir uns zwei Wochen Bedenkzeit gegeben und uns Weihnachten 2017 für ein gemeinsames Kind entschieden. Eine Woche vorm Termin für die künstliche Befruchtung sind wir in ein Wellnesshotel gefahren, um intensiv Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollten wissen, wie wir so klarkommen. Wir verbringen ja den Rest unseres Lebens zusammen! Wir haben festgestellt: Auch wenn wir unterschiedlich ticken, wollen wir am Ende dasselbe.

Klar hatte ich zwischendurch auch mal Panik, saß mit dem dicken Bauch allein Zuhause und dachte: Was mach ich hier? In solchen Zeiten habe ich ganz offen mit Igor geredet. Wir sind immer ehrlich zueinander und fangen uns gegenseitig auf. Auch meine Freundinnen fanden den Schritt extrem mutig und haben mich bestärkt.

Unser Sohn ist jetzt zehn Monate alt. Er lebt momentan bei mir – das würde wegen des Stillens auch gar nicht anders gehen. Igor kommt drei Mal die Woche vorbei, hilft mir bei der Raubtierfütterung oder badet unser Kind. Samstag ist Papatag, da kümmert er sich den ganzen Tag um unseren Sohn und ich kann zum Beispiel Freundinnen treffen. Igor wohnt aktuell noch in einer WG. Langfristig möchten wir gerne zwei Wohnorte behalten. Wir haben uns geeinigt, in unserer Stadt zu bleiben. Sollte sich das mal ändern, zum Beispiel wegen eines Jobangebots, müssen wir das situativ entscheiden. Es ist jedenfalls uns am liebsten, wenn jeder Raum für sich hat: Jeder hat ein Kinderzimmer und unser Sohn soll später frei entscheiden, bei wem er wann bleiben möchte. Zusammen zu wohnen wäre spätestens dann komisch, wenn ein Partner dazukäme. Momentan sind wir beide single. Eine Beziehung kann ich mir aktuell auch nicht vorstellen, da das Kind mir alles abverlangt.

Wir planen schon unser zweites Kind, das ist aber auch eine Geldfrage

Unser Modell ist dann doof, wenn das Kind schläft und ich am Abend um sieben allein auf dem Sofa vorm Fernseher sitze. Auch wenn unser Sohn nachts Fieber hat, stehe ich alleine da: Geb ich ihm jetzt ein Zäpfchen? Er war früher oft zwischen zwei und vier hellwach. In solchen Momenten wäre ich froh, wenn jemand bei mir wäre. Igor bezahlt eine Putzfrau, die alle zwei Wochen zu uns kommt, damit nicht noch der ganze Haushalt dazukommt.

Wenn wir zu dritt spazieren gehen, ist es das klassische Bild: Vater-Mutter-Kind. Im Geschäft kommen oft Sätze wie: „Soll ich mal Ihren Mann holen?“ Das korrigieren wir nicht, auch, weil es niemanden was angeht. Wir leben in einer Stadt, in der solche Modelle akzeptierter sind, aber auf dem Land, wo meine Eltern leben, gibt es auch andere Reaktionen: „Das ist doch eklig, mit einem Schwulen!“

Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens. Es ist toll, dass es zwischen uns so gut klappt und sich auch unsere Familien super verstehen. Igor geht bei uns ein- und aus, wie ein Schwiegersohn. Wir planen schon unser zweites Kind. Das ist allerdings auch eine Geldfrage – künstliche Befruchtung und Hormontherapie sind sehr teuer. Den Traum von einem romantischen Partner habe ich noch nicht ganz aufgegeben. Manchmal denke ich: Wer will denn eine Frau mit so einer Geschichte? Aber anderseits: Vielleicht lerne ich in der Kita ja noch einen netten Single-Papa kennen?

*Name geändert

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