„Manchmal übergebe ich den Becher an einer Raststätte“

Frederik ist privater Samenspender - auf Online-Plattformen bietet er seine Dienste an.
Protokoll von Sina Pousset

Illustration: Julia Schubert

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Frederik*, 41, ist privater Samenspender, das heißt: Sein Sperma wird nicht von einer Samenbank verteilt, sondern er selbst organisiert die Spenden. Momentan versucht er, elf Frauen zu einem Kind zu verhelfen.

Auf die Idee, Samenspender zu werden, kam ich vor über zehn Jahren. Eine Arbeitskollegin, mit der ich mich sehr gut verstand, fragte mich nach meiner Nummer. Sie rief an und sagte mir, sie sei lesbisch und wünsche sich mit ihrer Partnerin ein Kind. Ob ich mir vorstellen könnte, meinen Samen zur Verfügung zu stellen? Ich habe schließlich Nein gesagt, weil es mir einfach zu nah war. Aber seitdem war das Thema in meinem Kopf. Ich habe mich immer mehr eingelesen und recherchiert.

Samenspender sein ist eine gute Sache. Ich kann Leuten helfen – warum also nicht? Außerdem finde ich es spannend, die Kinder zu sehen. Sie sehen mir und vor allem einander schon ähnlich. Momentan betreue ich elf Frauen. Bei manchen klappt es nach ein, zwei Mal, bei anderen dauert es mehrere Jahre. Manchmal muss man sich rechtfertigen, wenn die Frauen länger nicht schwanger werden. Einmal kam der Spruch: „Sag mal, bist du überhaupt zeugungsfähig?“

Es ist ein bisschen wie bei Online-Dating

Das erste Mal gespendet habe ich in einer Samenbank. Ich musste einen Bluttest machen, um genetische und übertragbare Krankheiten auszuschließen und mein Sperma wurde untersucht. Mittlerweile war ich anonymer Spender an drei Samenbanken im deutschsprachigen Raum. Dort durfte ich jeweils maximal zehn Mal spenden. Inzwischen bin ich privater Spender auf Internetplattformen. Es ist ein bisschen wie bei Online-Dating: Am Anfang lief es gar nicht, aber mittlerweile habe ich raus, wie man mit den Leuten schreiben muss. Nicht gleich am Anfang schreiben, wenn die Inserate online gehen und die Menschen mit Angeboten überrollt werden. Vielleicht nach ein paar Tagen noch mal nachhaken.

Bei der privaten Samenspende läuft es auf gegenseitiger Vertrauensbasis. Theoretisch könnten die Mütter auf Unterhalt klagen – es sei denn, ein Partner oder eine Partnerin adoptiert das Kind. Dann habe ich keine rechtlichen Pflichten. Aber ich achte darauf, wen ich aussuche. Es muss menschlich von beiden Seiten passen. Über die Hälfte der Spenden mache ich natürlich, also durch Geschlechtsverkehr, weil das größere Erfolgschancen hat. Das ist auch für mich ein bisschen komisch. Wie genau es abläuft, entscheiden aber die Frauen. Ich habe schon viel Skurriles erlebt. Ein Paar bot mir einen Dreier an, das wollte ich nicht. Ich gehe auch nicht privat zu jemandem nach Hause, sondern lieber ins Hotel. Sehr selten lade ich jemanden zu mir ein.

Manchmal treffen wir uns auch an einer Raststätte und ich gebe ihnen einen Becher mit Sperma mit. Sie fahren nach Hause oder ins Hotel und führen den Samen ein. Wenn man ihn am Körper trägt hält er bis zu zwei Stunden.

Die Nachfrage ist hoch

Ob ein Treffen klappt, hängt von vielen Faktoren ab: Ist die Frau fruchtbar, oder nicht? Bei vielen kommt Nervosität und Stress dazu. Ich führe lange Gespräche, mache Mut, wenn es nicht klappt.

Die Nachfrage ist hoch. Die meisten sind lesbische Paare, aber auch Anfragen von alleinstehenden Frauen Mitte, Ende Dreißig haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Manchmal sind es auch Heteropaare, bei denen der Mann nicht oder nur begrenzt zeugungsfähig ist. Einmal habe ich bei einer Frau gespendet, deren Mann nichts davon wusste.

Pro Spende bekomme ich im Schnitt 200-300 Euro inklusive Anfahrt, bei Samenbanken sind es 150 bis 200 Euro. Außerdem lasse ich mich regelmäßig auf Krankheiten testen. Auch bei Frauen, mit denen ich schlafe, verlange ich einen AIDS-Test.

Wie viele Kinder es genau sind, möchte ich nicht sagen. Aber jedes meiner Kinder kann Kontakt zu mir aufnehmen, das ist mir wichtig.  Mit vielen Familien, bei denen ich privat gespendet habe, bin ich in Austausch. Die meisten schicken Nachrichten und Fotos, wenn das Kind da ist, oft auch zum Geburtstag und Weihnachten. Manche sehe ich regelmäßiger, andere nur ein Mal. Ein lesbisches Paar lud mich zu ihrer Adoptionsparty ein, nachdem die nicht-leibliche Mutter das Kind adoptiert hatte. Es ist schön für mich, dass ich ihnen helfen konnte, eine Familie zu gründen.

Man ist entweder dafür oder dagegen

Das ich Spender bin, weiß niemand in meinem Umfeld. Ich achte darauf, nicht in der Nähe meines Wohnorts zu spenden. Auch wenn ich in Beziehungen bin, spende ich nicht. Da verstrickt man sich zu schnell in Ausflüchte. Mit dem Spenden sind ja auch Treffen und ein gewisser Zeitaufwand verbunden. Einmal habe ich es gegenüber einer Ex-Freundin beiläufig erwähnt, aber bin mir nicht sicher, ob sie es damals verstanden hat. Samenspende ist ein anrüchiges Thema. Das sehen die Menschen schwarz-weiß, man ist entweder dafür oder dagegen.

Ich mache so lange als Spender weiter, wie möglich. Ich lasse mein Sperma regelmäßig testen, nehme spezielle Präparate und Nahrungsergänzungsmittel, rauche kaum und trinke nicht. Außerdem mache ich viel Sport. Für eigene Kinder mit einer Partnerin ist es mir eigentlich zu spät. Und es ist heutzutage auch schwer, eine lebenslange Beziehung zu finden. Ich habe wechselnde Beziehungen, ab und zu mal One-Night-Stands und bin zufrieden so. Aber: Sag niemals nie.

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