Die lästige Frage nach der Herkunft

Khuê Pham arbeitet, wenn sie nicht gerade Bücher schreibt, selbst als Journalistin bei der Zeit.
Foto: Alena Schmick

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Kiêus Geschichte beginnt mit einem Geständnis: „Ich kann meinen eigenen Namen nicht aussprechen.“ Ihre Eltern kommen aus Vietnam, sie selbst aber ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Was das bedeutet, illustriert ihr Namens-Dilemma treffend. Wenn sie sich weißen Deutschen als „Kiêu“ vorstellt, können sie die „melodischen Laute“ nicht verstehen. Vietnamesen haben Schwierigkeiten mit ihrem „harten Akzent“. Beide Reaktionen sind unangenehm. Also zieht Kiêu die radikale Konsequenz. Mit sechzehn Jahren nennt sie sich um: von Kiêu zu Kim. Mit 20 lässt sie auch ihren Pass ändern. 

Kiêu ist die Protagonistin in Khuê Phams Debüt „Wo auch immer ihr seid“, in dem sie eine deutsch-vietnamesisch-US-amerikanische Familiengeschichte erzählt. Der Roman passt somit bestens in eine lange Reihe von Büchern, in denen Autorinnen und Autoren ihre postmigrantischen und transnationalen Identitäten beschreiben und aufzudröseln versuchen. 

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Credit: btb

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Kiêu ist 30 und arbeitet in Berlin als Journalistin. Ihr deutscher, blonder Freund imponiert ihr auch, weil er in den ersten sechs Stunden ihres Kennenlernens kein einziges Mal nach ihrer Herkunft fragt (dafür offenbar viel über sich selbst redet). Es ist Kiêu lästig, an ihre vietnamesischen Wurzeln erinnert zu werden. So wie ihr auch die Frage „Wo kommst du her?“ immer lästig ist. 

Es ist dieses „Wo kommst du her?“, das im Mittelpunkt des Romans steht. Kiêu, die sich als Deutsche begreift, fühlt sich durch die Frage ausgegrenzt, zu etwas anderem gemacht. Sie sieht eine als Neugier getarnte Erwartung auf eine ganz bestimmte Antwort. Als sähen die anderen sie als ein „Tier, das in der falschen Umgebung ausgesetzt worden war und den Kontakt zu seiner Herde verloren hatte“. Erst im Laufe der Geschichte erkennt sie, dass man das „Wo kommst du her?“ auch anders verstehen kann, nämlich, indem man diese Frage sich selbst stellt, ohne Angst vor einer uneindeutigen Antwort.

Nicht jeder erhofft sich von inneren Frieden von der Ergründung seiner Herkunft 

Erst aber dominiert der Wunsch der Zugehörigkeit. Während Kiêu also „aus einer kleinen Welt“ stammt, weiß Kim sich „in der großen geschmeidig zu bewegen, es den Deutschen recht zu machen, zu einer von ihnen zu werden.“ Auch wenn Kiêu es sich nie ganz eingesteht: Sogar ihre Liebesbeziehung scheint durch den Wunsch motiviert, vollständig und ohne Zweifel deutsch zu sein. Oft habe sie sich danach gesehnt, „in einer Familie aufzuwachsen, die nicht erst deutsch werden musste, sondern es einfach schon war.“ Diese Verweigerung des Vietnamesischen zeigt, wie Migration sich auf die nachkommende Generation eben auch auswirken kann: Nicht jeder Mensch erhofft sich von der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsgeschichte inneren Frieden. 

Kiêus Umgang mit der vietnamesischen Kultur ist von beinahe abgeklärter Kälte. Da ist kein Schmerz, kaum Wehmut oder Sentimentalität. Weil ein Teil ihrer Familie nun in der kalifornischen Diaspora wohnt, gesteht sie einmal: „Was dort“, also in Kalifornien, „geschieht, berührt weder meinen Alltag, noch – ich sage es ganz ehrlich – mein Herz.“ Wie soll sie beim Tod der Großmutter auch Trauer empfinden, wenn sie doch tausende Kilometer entfernt lebte, sie sie kaum kannte? Für Kiêus Abgeklärtheit ist auch das verantwortlich, was in Familien mit Flucht- und Kriegsgeschichte oft geschieht: die Verdrängung der Vergangenheit zugunsten eines Neuanfangs. Auch Kiêus Eltern schwiegen über ihre Erlebnisse im Vietnamkrieg.

Allerdings gelingt das mit dem Verdrängen ja selten so, wie man sich das vorstellt. Denn was einmal in der Versenkung verschwunden ist, taucht mit Sicherheit wieder auf. So funktionieren auch kollektive Traumata, die sich über Generationen hinweg übertragen. Was haben meine Vorfahren erlebt? Was davon haben sie mir verheimlicht? Und wie beeinflusst mich das? Auch Kiêu kommt nicht umhin, sich diesen Fragen zu stellen. Nämlich als sie nach dem Tod der beinahe unbekannten Großmutter dazu genötigt wird, die „fremde Verwandtschaft“ in Kalifornien zu besuchen. 

Die Frage nach dem „Woher kommst du?“ deutet sie irgendwann um

Mit dieser Annäherung an die eigene Herkunft und auch mit dem Fremdeln damit ist Khuê Pham Teil einer ganzen Autorengeneration von (Post-)Migranten in Deutschland, zu der etwa Sharon Dodua Otoo, Saša Stanišić, Dmitrij Kapitelman, Shida Bazyar, Ronya Othmann oder Nava Ebrahimi gehören. Mit ihnen ist eine engagierte Literatur entstanden, die Themen wie Zugehörigkeit, Identität, nationale und soziale Grenzen verhandelt.

In „Sechzehn Wörter“ zum Beispiel geht es um Mona, die in Köln wohnt, aber – ähnlich wie Kiêu – nach dem Tod ihrer iranischen Großmutter ein letztes Mal in den Iran reist und dort, eher zufällig als geplant, mehr über ihre eigene Herkunft herausfindet. Was wiederum kollektive Traumata bewirken können, wird in „Adas Raum“ deutlich – nämlich anhand der miteinander verwobenen Geschichten von vier Adas in vier Jahrhunderten. Denn manchmal macht erst der Blick in die Vergangenheit die Gegenwart greifbarer. Trotz thematischer Schnittpunkte sind diese Bücher mindestens so unterschiedlich wie vergleichbar, man kann daraus jedenfalls kein Genre machen.

Aber es ist eine Literatur, die infragestellt, was „Heimat“ eigentlich sein soll, eine andauernde, bisweilen hitzige Reflexion, die der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (2019), herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, in Fahrt brachte. 

Khuê Pham fügt mit „Wo auch immer ihr seid“ dieser Reflexion nun auch eine vietdeutsche Geschichte hinzu, immerhin leben in Deutschland etwa 185 000 vietnamesische Staatsbürger und Deutsche vietnamesischer Herkunft. Sie kamen als Vertragsarbeiter in die DDR, als Kriegsgeflüchtete oder Ende der 60er Jahre zum Studieren – so wie die Eltern der Protagonistin. Pham schreibt sorgsam, selbstbewusst und mit viel Feingefühl für Details, ohne sich darin zu verlieren. All die komplizierten ideologischen Verstrickungen des Vietnamkriegs arbeitet sie scheinbar mühelos in die Geschichte ein. Die Zeit-Journalistin hat dafür mit Experten über den Vietnamkrieg gesprochen und mit ihren Verwandten Interviews geführt. Zwar, so sagt sie, sei die Protagonistin ihr selbst nur teilweise ähnlich, die Passagen über die Kriegs- und Fluchterlebnisse aber seien nah an den echten Erlebnissen ihrer Familienmitglieder. 

So kann man bei der Lektüre nachvollziehen, warum Onkel Son, der unter der kommunistischen Machtergreifung in Saigon und auf der Flucht viele Qualen litt, später in den USA zum Trump-Enthusiasten wird. Man versteht aber auch, warum sein älterer Bruder Minh, der deutlich früher migrierte, erst im hippiesierten Berlin die kommunistische Idee kennen und ausdauernder daran zu glauben lernt als die in Saigon gebliebenen Verwandten. Und man versteht die Kälte von Kiêu, der all das so lange verborgen blieb. Aber Kiêu wird auftauen.

Dann, als sie das Grab ihrer Großmutter in Kalifornien besucht und feststellt, dass sie deren Namen bis dahin nicht kannte. Dass sie auch nie jemanden danach gefragt hat, wie ihre Großmutter heißt. Doch am Ende gelingt es ihr, die lästige Frage nach der Herkunft umzudeuten, „als Suche nach all denen, die vor mir kamen“. 

Khuê Pham: Wo auch immer ihr seid. Roman. BTB, München 2021. 304 Seiten, 22 Euro.

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