„Ich bin nicht nur der Körper, der draußen gefunden wurde“

Chanel Miller wurde an der Uni Stanford vergewaltigt und kämpfte für eine Verurteilung des Täters – als „Emily Doe“. Nun hat sie ihre Identität öffentlich gemacht.
Interview von Lara Thiede

Chanel Miller hat mit ihrem Buch „Ich habe einen Namen“ ihre Identität enthüllt.

Foto: Mariah Tiffany

Chanel Miller kannte man lange nicht beim Namen, nur was ihr widerfahren ist, war weltweit bekannt: Die heute 27-Jährige wurde im Jahr 2015 auf dem Campus der Standford University vergewaltigt, im Gebüsch neben Müllcontainern, als sie betrunken und hilflos am Boden lag. Zwei Schweden stoppten ihren Angreifer Brock Turner, den Schwimmstar der Uni. Die Identität des Täters war demnach schnell belegt, trotzdem wurde er erst dreieinhalb Jahre später verurteilt.

Die Strafe, die das Gericht letztlich verhängte, fiel milde aus: Nach drei Monaten Gefängnis war Brock Turner wieder frei. Das sorgte für öffentliches Entsetzen – besonders nachdem Chanels emotionale Zeugenaussage vor Gericht beim Nachrichtenportal Buzzfeed veröffentlicht worden und um die Welt gegangen war. Der Richter, der das Urteil gefällt hatte, musste danach sein Amt aufgeben. Über all die Zeit war Chanel als „Emily Doe“ anonym geblieben. Nun hat sie über die Tat und den zermürbenden Prozess aber ein Buch geschrieben: „Ich habe einen Namen“ („Know My Name“).

jetzt: Chanel, du hast deine Identität viereinhalb Jahre lang geheim gehalten – warum?

Chanel Miller: Anfangs wollte ich mich vor allem selbst schützen. Hätte jeder gewusst, dass ich das Opfer des Übergriffs war, wäre ich ständig ausgefragt worden. Ich hätte mir die Chance genommen, das Ganze erst selbst zu verarbeiten. Ich hatte außerdem Angst davor, meine Identität zu früh zu enthüllen, sodass die Leute dann immer nur sagen würden: „Sie ist das Mädchen aus dem Fall.“

Warum willst du jetzt, dass die Menschen dich kennen?

Ich kann heute als Autorin auftreten, nicht mehr nur als Opfer. Das ist mir wichtig. Denn ich bin nicht nur der Körper, der draußen gefunden wurde. Ich bin ein Mensch, der es liebt, zu schreiben, der die unterschiedlichsten Geschichten zu erzählen hat. Ich bin stolz auf das, was aus mir geworden ist. Außerdem war es isolierend, ein Geheimnis wie meines für sich zu behalten. Während Millionen andere Menschen über meinen Fall diskutierten, musste ich zusehen und schweigen. Ich war häufig in Räumen, in denen Freundinnen und Freunde über meinen Fall sprachen – ohne dass sie wussten, dass ich das Opfer war. Ich hatte die Macht der Unsichtbarkeit, aber es war einsam.

„Opfern wird wenig zugetraut, auch kein Talent“

Nun kennen Millionen Menschen aber nicht nur deinen Namen, sondern auch deine tiefsten Gefühle, deine intimsten Erinnerungen.

Das stört mich nicht – jeder hat tiefe Gefühle. Vorher hatte ich befürchtet, für verrückt gehalten zu werden, weil ich wütend war oder tagelang das Bett nicht verlassen konnte. Aber ich habe gelernt, dass wir alle leiden, uns in Frage stellen, Ängste haben.

Nachdem dein Statement veröffentlicht worden war, haben dich Tausende Briefe erreicht. Welche hast du behalten?

Jeden einzelnen Brief. Während des Schreibens verlor ich oft den Mut. Dann holte ich immer einen Brief heraus. Darin standen oft Sätze wie: „Bitte geh weiter für uns.“ Das habe ich dann gemacht. Dass so viele Menschen mit mir fühlen, erstaunt mich immer noch.

Gleichzeitig bezweifelten viele, dass du das Statement selbst verfasst hast, weil es so gut geschrieben war. Hat dich das getroffen?

Es hat mir gezeigt, dass Opfern wenig zugetraut wird, auch kein Talent. Das war eine andere Form der Unterdrückung, sie haben mir meine Stimme stehlen wollen. Sie glaubten nicht, dass ich zwölf Seiten Statement schreiben könnte – als Antwort habe ich nun ein 300 Seiten langes Buch geschrieben. (Anm. d. Red.: Die deutsche Fassung ist 480 Seiten lang.)

„Vor allem wir Opfer haben das Recht, ein chaotisches Leben zu führen!“

Du hast Brock Turner schon kurz nach deiner Untersuchung im Krankenhaus angezeigt. Was dachtest du, passiert danach?

Ich rechnete nicht damit, dass der Fall vor Gericht landet. Die Schweden hatten Brock dabei gesehen, wie er sich an meinem Körper rieb und Sexbewegungen machte, während ich bewusstlos war! Wie er wegrannte! Was sollte es da noch zu besprechen geben? Stattdessen vergingen dreieinhalb Jahre, bis der Fall abgeschlossen war. Es war verstörend, wie schwierig alles wurde, mir wurden ständig Wörter im Mund umgedreht. Fragen wurden genutzt, um meine Zeugenaussage zu manipulieren. Der Prozess fühlte sich wie ein schreckliches Strategiespiel an, das ich nicht verstand.

  

Was sagt das darüber aus, wie unsere Gesellschaft Opfer wahrnimmt?

Es gibt die schädliche Idee davon, wie ein „perfektes Opfer“ aussieht. Nur wenn du dem entsprichst, wirst du für glaubwürdig gehalten. Das Opfer muss sich gut benehmen, ausgeglichen, höflich, gehorsam sein. Aber niemand ist all das gleichzeitig. Auch und vor allem wir Opfer haben das Recht, ein chaotisches und buntes Leben zu führen!

Warum sollten junge Betroffene trotzdem ihre Geschichte erzählen?

Jede Geschichte zählt. Wir sollten aber nie ein Opfer zwingen, die eigene Geschichte öffentlich zu machen. Das muss das Opfer selbst entscheiden können.

Hat dir die #Metoo-Bewegung, die 2017 erst so richtig begonnen hat, geholfen?

Ja, ich fühlte mich dadurch nicht alleine und deshalb stark. All die anderen Frauen haben mir gezeigt, dass man stolz und präsent sein kann, dass man nicht alles entschuldigen muss.

„Ich habe danach lange gebraucht, um meinen Körper überhaupt wieder bewohnen zu wollen“

In Kalifornien wurde wegen deines Falles ein Gesetz geändert und der Richter, der den Angreifer sehr milde verurteilt hatte, wurde entlassen.

Ja. Ich habe dadurch gelernt, dass man Regeln nicht immer blind befolgen muss – sondern dass man sie auch ändern kann, wenn sie unsinnig sind. Wenn Leute dir erzählen: „Das ist eben so“, dann glaub ihnen nicht! Gib dich nicht mit schrecklichen Umständen zufrieden, alles kann sich bessern.

In deinem Buch wird klar, dass du die Reaktion der Uni Stanford auf deinen Fall bis heute nicht gut findest. Was erwartest du von Unis, an denen sexuelle Gewalt passiert?

Stanford hat meinen Fall wie einen Einzelfall behandelt. Die Uni hätte ihn aber als Symptom eines größeren Problems verstehen müssen. Sie dachten, es würde reichen, meinen Angreifer vom Campus zu verbannen. Aber so einfach ist das nicht. Unis müssen stattdessen transparent machen, wie allgegenwärtig Gewalt auf dem Campus ist. Stattdessen vertuschen sie es, um ihre Marke zu schützen.

Erst nach der Veröffentlichung deines Buches hast du die schwedischen Männer getroffen, die Brock Turner beim Übergriff gestoppt haben. 

Wegen der beiden habe ich nie die Hoffnung verloren. Selbst in den dunkelsten Zeiten dachte ich mir: Die Welt kann nicht so schlecht sein, wenn Menschen wie sie existieren.

Du schreibst aber auch, dass dich entsetzt habe, wie viele Männer deinen Körper in jener Nacht nackt gesehen haben. Wie geht es dir heute damit?

Ich habe danach lange gebraucht, um meinen Körper überhaupt wieder bewohnen zu wollen. Ich habe lange täglich einen schwarzen, dicken Mantel getragen – egal, wie sonnig es war. Ich wollte mich von der Welt abschotten. Nun, ganz langsam, bin ich wieder in meinen Körper hineingewachsen. Ich renne, ich küsse, ich strecke mich, ich schwimme im Meer. 

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