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Foto: funnyworld / photocase / Illustration: Daniela Rudolf

Was wurden wir verarscht! Unsere Eltern konnten uns als Kindergarten- und Grundschulkinder jede noch so absurde Lüge vorsetzen – wir glaubten alles. Und das nutzten sie schamlos aus. Eine Sammlung:

1. Gemüse mit Gefühlen

Als Kind war ich beim Essen ziemlich wählerisch. Vor allem Beilagen fand ich blöd. Meine Mutter hat mir deshalb lange Zeit erzählt, dass Gemüse Gefühle hat. Die Lebensaufgabe von Gemüse sei es, gegessen zu werden – und wenn ich das nicht mache, „wird die Karotte ganz traurig“. Aus Mitleid habe ich dann immer alles aufgegessen. Mit wachsendem Alter ist mir natürlich klar geworden, dass der Karotte ihr Verzehr wahrscheinlich ziemlich egal ist, aber dass es trotzdem falsch ist, Essen wegzuschmeißen. Den Gedanken bin ich bis heute nicht losgeworden. Einen halbvollen Teller stehen zu lassen, bringe ich einfach nicht übers Herz. Mehr noch: Wenn ich am Nachbartisch einen Teller mit Resten sehe, muss ich mich sehr beherrschen, ihn nicht zu mir rüberzuziehen oder zu fragen: „Tschuldigung, essen Sie das noch?“. Zurück hält mich eigentlich nur der gesunde Menschenverstand. Den hat mir meine Mutter auch noch beigebracht.

2. „Deine Augenfarbe hast du dir ausgesucht“

Ich habe zwei verschiedenfarbige Augen, im Fachjargon nennt man das Iris-Heterochromie. Das rechte Auge ist braun, das linke blau – letztlich nichts anderes als eine harmlose, aber natürlich sehr stylishe Pigmentstörung. Meine Eltern haben mir früher immer erzählt, dass sie sich vor meiner Geburt darüber gestritten hätten, welche Augenfarbe ich denn haben soll. Meine braunäugige Mutter hatte sich braune Augen für mich gewünscht, mein blauäugiger Vater blaue. Und ich, als vorbildlicher Sohn, hätte beiden Elternteilen ihre Wünsche erfüllt. Ist aber natürlich Quatsch, denn zum einen kann man seine Augenfarbe nicht aktiv beeinflussen, zum anderen habe ich dann als Teenager erfahren, dass mein Vater gar nicht mein leiblicher Vater ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

3. Ein Stern namens Herbert

Als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt war und wir nachts draußen waren, habe ich meine Mama oft danach gefragt, wie die Sterne heißen. Da sie keine Sternbilder kennt, hat sie mir nicht „Orion“, „Cassiopeia“ oder den „Großen Wagen“ erklärt, sondern auf einzelne Sterne gedeutet und gesagt: „Das ist die Elisabeth, das ist Maria, das da ist der Herbert...“ Ein wenig skeptisch bin ich erst geworden, als meine Mama Sterne, die ich zu kennen glaubte, zu einem späteren Zeitpunkt anders nannte als vorher.

4. Das mutierte Kaninchen

Ich hatte ein Zwergkaninchen namens „Schnuppi“. Klein und süß mit schwarzem, flauschigem Fell. Es wohnte in einem selbstgebauten Stall auf der Wiese im Hinterhof. Nach der Rückkehr aus dem Ostsee-Sommerurlaub war der kleine Schnuppi mutiert: zu einem großen, schwarzen Karnickel. Meine Eltern erzählten mir, dass man sich in der Zoohandlung getäuscht habe und man ihnen ausversehen eine „normales“ Hasenkind und eben kein Zwergkaninchen verkauft habe und Schnuppi jetzt eben ziemlich gewachsen sei. Völlig einleuchtend für mich als Vierjährige. Erst 15 Jahre später kam heraus, dass Original-Schnuppi meiner Großmutter ausgebüchst war und sie sich daraufhin panisch an ihre Schwiegereltern mit einer Hasenzucht gewandt hatte. Und so bekam ein Riesenhase mit schwarzem, flauschigen Fell ein neues Zuhause.

5. Die Bonbon-Werfer in den Heißluftballons

Immer wenn wir damals bei Spaziergängen mit meinen Eltern einen Heißluftballon gesehen haben, meinten sie zu uns: „Ruft mal laut, dann werfen die Leute aus dem Ballon Bonbons runter!“ Letztendlich sind sie dann hinter uns gegangen und haben die Bonbons von dort aus über uns geworfen, während wir hoch geguckt und uns über die netten Leute im Ballon gefreut haben.

6. Der Komponisten-Vater

Mein Vater hat uns öfter Stellen aus der Dreigroschenoper vorgesungen und behauptet, er habe die Lieder selbst geschrieben. Als wir in der fünften Klasse im Musikunterricht „Die Moritat von Mackie Messe“ hörten, dachte ich: „Krass, dass dieser Brecht meinem Vater sein Lied geklaut hat.“ Zum Glück habe ich das nicht laut im Unterricht gesagt, sondern nur meinem Papa Abends erzählt. Er hat sich kaputtgelacht.

7. Der Schatz

Als Sechsjähriger tauchte ich im Urlaub in Jugoslawien am Strand und fand unter einem Stein eine Goldkette. Ab diesem Tag wollte ich rund 20 Jahre lang Archäologe werden. Nichts anderes. Ich sammelte Steine, las als Kind Geschichtsbücher, belegte Latein in der Schule, bewarb mich für ein Praktikum beim Archäologischen Institut (wurde wegen schlechter Noten in Latein nicht genommen). Als ich so Mitte 20 war, redeten mein Vater und ich zufällig noch mal über diesen einen Tag in Jugoslawien. Er hat zwar bis heute nicht direkt gesagt, dass er seine eigene  Kette damals unter den Stein legte und mich an der Stelle tauchen ließ, aber sein Grinsen verriet alles.

8. Die hellseherische Schwester

Ich dachte lange, dass meine Schwester hellsehen kann. Der Trick: Beim Abendessen nahm meine Mutter, ohne dass ich und meine Schwester es sehen konnten, eine Anzahl von irgendeiner Speise auf den Löffel oder die Gabel und hielt sie so, dass wir sie nicht sehen konnten. Also beispielsweise fünf Erbsen auf dem Löffel. Wir sollten dann erraten, wie viele es waren. Ich riet, manchmal richtig, meistens falsch. Meine Schwester konnte immer die exakt richtige Anzahl sagen – was mich ehrfürchtig an ihre Zauberkräfte glauben ließ. Was ich nicht wusste und auch nicht checkte: Mit den Fingern ihrer anderen Hand zeigte meine Mutter meiner Schwester die Zahl. Oder mein Vater, der daneben saß, zeigte es ihr.

9. Zwerge im Altglascontainer

Mein Vater hat behauptet, in den Altglascontainern würden kleine Zwerge leben, die das Glas mit winzigen Hämmerchen zerhacken würden. Wir mussten dann beim Spazierengehen immer stehen bleiben, wenn Altglascontainer am Straßenrand standen. Dann hob mein Vater abwechselnd meine Geschwister und mich hoch an das Einwurfloch des Containers, damit wir den „Glaszwergen“ bei der Arbeit zuschauen konnten. Ich habe mich immer geärgert, dass meine Geschwister die „Glaszwerge“ sehen konnten und ich nicht. Da habe ich natürlich behauptet, ich würde sie auch sehen.

10. Edelsteine im Garten

Ein Kindergartenfreund schenkte mir ein paar Edelsteine, die er angeblich in seinem Garten ausgegraben hatte. Ich war schwer beeindruckt und fragte meine Eltern, ob man wirklich Edelsteine im Garten finden kann. Diese wollten meinen Kumpel natürlich nicht entlarven und sagten, dass das wahr sei und man dafür nur ganz tief graben müsse. Danach begann ich, unseren halben Garten umzugraben, habe aber mysteriöserweise nichts gefunden. Schade.

11. Zauberpinguine

Als ich so um die vier Jahre alt war, bekam ich von einer Kollegin meines Vaters ein Pinguin-Stofftier geschenkt. Damit spielte ich, ließ seine Flügel flattern und simulierte einen Flug durch den Wohnungsflur. Bis meine Mutter sagte, Pinguine könnten gar nicht fliegen. Meine Reaktion darauf muss so herzzerreißend gewesen sein (ich erinnere mich leider nicht mehr daran), dass meine Mutter sich umgehend berichtigte und sagte: “Also, außer Zauberpinguine, die können fliegen!” Danach habe ich eine ganze Weile lang geglaubt, dass Zauberpinguine eine echte Pinguinart sind. Würde ja auch wirklich gut in die Reihe passen: Kaiserpinguine, Königspinguine, Zauberpinguine.

12. „Deine Schwester ist die Tochter des Briefträgers“

Meine Eltern haben immer erzählt, dass wir drei Töchter drei verschiedene Väter hätten: Der der Ältesten sei der Briefträger, der der Mittleren irgendein anderer Dienstleister (ich habe vergessen, welcher) und unser eigentlicher Vater sei nur meiner. Sie haben das glaube ich hauptsächlich zur Belustigung von Freunden gemacht, weil die meist dabei waren, wenn das erzählt wurde – aber ich als Kleinste habe ich es natürlich relativ lange geglaubt. Zum Glück kam ich dabei aber ja ganz gut weg: Ich kannte meinen Vater immerhin. Arme Schwestern!

13. Der Ballon-Elefant

Als ich als kleiner Stöpsel mal mit meinen Eltern durch die Stadt gelaufen bin und einen Heißluftballon am Himmel gesehen habe, habe ich aufgeregt mit dem Finger darauf gezeigt und verzückt geschrien: „Ballon!“ Mein Vater meinte dann zu mir, das sei kein Ballon, sondern ein Elefant. Etwas irritiert nahm ich das zur Kenntnis. Einige Wochen später war ich wieder mal mit meinen Eltern unterwegs. Als wir uns durch eine Menschenmenge bewegten, zeigte ich plötzlich mit dem Finger Richtung Himmel und schrie: „Elefant!“ So viele verdutzte, in den Himmel schauende Menschen hatten meine Eltern selten gesehen.

14. Die Männchen im Körper

Als ich im Grundschulalter war, hat mir mein Vater erzählt, in meinem Körper würden kleine Männchen leben, die bestimmte Nährstoffe brauchen. Sie hatten sogar Namen und bestimmte Charakteristika, die wir über die Jahre immer weiterentwickelt haben. Zum Beispiel Fauli, der ganz faul in seiner Cornflakes-Hängematte rumhing, wenn ich zu viel Cornflakes gegessen hatte, oder Schnaufi, der immer genügend Bewegung gebraucht hat. Einen Polizisten mit Trillerpfeife gab es auch, der hat aufgepasst, dass alles ordentlich läuft. Mir hat das geholfen, meinen Körper zu verstehen. Wenn ich zum Beispiel Fieber hatte, hat mein Vater sich ausgedacht, was gerade mit den Figuren passiert. Damals haben alle noch „Es war einmal das Leben" geguckt, eine Zeichentrickserie, die den Körper so ähnlich erklärt. Deshalb habe ich meinem Vater geglaubt. Im Gymnasium hatten wir Bio und spätestens damit war seine Lüge aufgeflogen. Was schön war: Als wir den Stoffwechsel durchnahmen, habe ich einige unserer Männchen wiedererkannt. Und gemerkt: So richtig gelogen hat er ja gar nicht.

Wir wurden nicht nur angelogen, wir sind auch faul und scheitern an unseren Kindheitsträumen: