Eine Liebeserklärung an das Lügen

Warum es wichtig ist, nicht immer die Wahrheit zu sagen.
Von Maximilian Senff

Illustration: Julia Schubert

In einer perfekten Welt sind alle immer ehrlich. Das würden wohl die meisten von uns genau so unterschreiben. Aber: Ist ein lügenfreies Zusammenleben wie im Film „Lügen macht erfinderisch“ überhaupt realistisch? Selbst im Kino findet Ricky Gervais, der die Hauptfigur Mark Bellison spielt, irgendwann heraus, dass er auch einfach die Unwahrheit sagen kann. Und, dass ihm das sehr nutzt. Er lebt nämlich in einer Art Parallelwelt zu unserer, in der Lügen und Fiktion noch nicht existieren.

Wie wäre es im echten Leben, wenn alle nur die Wahrheit sagen würden? Wahrscheinlich ganz schön brutal. Im Film weiß Mark wegen der erdrückenden Ehrlichkeit seines Chefs und der Kollegen schon am Tag vor seiner Kündigung, dass er gefeuert wird. Beim ersten Date sagt ihm seine Traumfrau, dass sie ihn wegen seiner mutmaßlich schlechten Gene nicht attraktiv findet. Alles nicht wirklich erstrebenswert. Stichwort: Taktgefühl. Wer würde in der Realität schon gern hören, dass er aus dem Mund stinkt? Oder, dass die neue Frisur doch grauenhaft ist? Eben, niemand.

Wir werden ja schon als Kinder belogen. Die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum kommen vom Weihnachtsmann, die Ostereier versteckt der Osterhase und die Zähne vom Fensterbrett holt die Zahnfee ab. Später erzählen wir die gleichen Märchen dann unserem eigenen Nachwuchs. Dass Lügen wichtig ist, wird uns von klein auf beigebracht. Und es gibt ja auch gute Gründe, in bestimmten Situationen nicht die Wahrheit zu sagen.

Wer immer unverblümt die Wahrheit sagt, ist meist unbeliebt

Das zwischenmenschliche Miteinander ist ein komplexes Konstrukt. Oft lügen wir einfach nur zum Wohl der anderen. Zum Beispiel bei Leuten, die uns wichtig sind. Der neue teure Pulli des Partners ist sein absolutes Lieblingsstück, aber eigentlich potthässlich? „Doch, doch, sieht super aus!“ Mit derartigen (Not-)Lügen wollen wir das Selbstwertgefühl unseres Gegenübers erhalten.

Außerdem wollen wir ja ungefragt auch selbst nichts Negatives über uns hören. Beste Freundinnen und Freunde und Familie, die einen auf eigene Sonderbarkeiten hinweisen, natürlich ausgenommen. Aber Menschen, die einem unaufgefordert ins Gesicht sagen, was sie an einem stört und was man in ihren Augen alles falsch macht, wird selten große Sympathie oder Sensibilität attestiert. Wer immer unverblümt die Wahrheit sagt, ist meist unbeliebt. Es ist leichter, den Alltag zu bewältigen, wenn man einfach lügt. Immer wieder sind es Kleinigkeiten, bei denen wir oftmals sogar unbewusst flunkern. Wie gehts? Ach, gut. Wirklich? Ja.

Klar, unsere Kommunikationsgemeinschaft setzt gegenseitiges Vertrauen voraus. Von uns hat – im Gegensatz zu Mark aus dem Kino – aber keiner das Lügen erfunden. Kleine Schwindeleien hält unsere Gesellschaft seit Tausenden von Jahren aus. In einigen Kulturen werden Lügen sogar offen akzeptiert. So zum Beispiel in vielen asiatischen Ländern. In fernöstlichen Kulturen gilt es als äußerst wichtig, sein Gesicht zu wahren und andere nicht in Verlegenheit zu bringen. Eigene Leistungen werden dort ganz selbstverständlich heruntergespielt (ja, auch das ist lügen) und es spielt eine größere Rolle, das zu sagen, was der andere hören will.

Lügen sind ein wichtiger Faktor für das Funktionieren unserer Gesellschaft

Wenn wir zu hören bekommen, was wir hören wollen, hinterfragen wir es nicht. Es ist ein Zwiespalt: Niemand möchte offen belogen werden, aber jeder lügt doch ständig selbst. „Schön, dich zu sehen“, „ich ruf dich an“, „wir müssen uns mal wieder treffen“ oder „ich hab den Anruf verpasst, hatte keinen Empfang“.

Die Wahrheit ist indes auch, dass Lügen manchmal sogar unabdingbar sind. Man verrät einem Mörder zum Beispiel nicht, wo sein potenzielles Opfer steckt. Eine positive Lüge. Niemand, lassen wir den Mörder und seine Absicht mal außen vor, hat dadurch einen Nachteil. Die Frage nach fairen Lügen ist also auch eine ethische Frage.

Ein weiteres Beispiel dafür: die Medizinethik. Aus therapeutischen Gründen kann es sinnvoll sein, einem Patienten in einer Notsituation nicht alles über seinen Gesundheitszustand zu sagen. In einer emotional instabilen Situation könnte dies sonst fatale Folgen für den Therapieverlauf haben. Der Arzt agiert in diesem Fall zum Wohle des Patienten. Eine sogenannte paternalistische Handlung.

Bei aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die nie mutwillig unterdrückt werden sollte, sind kleine Alltagschwindeleien also manchmal gar nicht so schlecht. Denn: Lügen sind ein wichtiger Faktor für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Beim nächsten Umzug in den sechsten Stock ohne Aufzug wird übrigens leider der Nachbarshund Geburtstag haben. Und das wird nicht böse gemeint sein. Nur als Vorwarnung.

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